Die Bankangestellten wehren sich

Der Schweizerische Bankpersonalverband empört sich über die wenig schmeichelhafte Studie der Universität Zürich über die fragwürdige Firmenkultur in Banken. Zudem zweifelt ein Wissenschafter die Seriosität der Erhebung an.

Rainer Rickenbach
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Der Bankpersonalverband will die Vorwürfe gegen seine Klientel nicht auf sich sitzen lassen. (Bild: ky/Ennio Leanza)

Der Bankpersonalverband will die Vorwürfe gegen seine Klientel nicht auf sich sitzen lassen. (Bild: ky/Ennio Leanza)

«Es wird behauptet, die Bankangestellten seien unehrlich. Unser Verband wehrt sich vehement gegen diese Pauschalisierung.» Das sagt Denise Chervet, Geschäftsführerin des Schweizerischen Bankpersonalverbandes (SBPV). Ihr Ärger richtet sich gegen die Studie der Universität Zürich, die diese Woche im renommierten Magazin «Nature» veröffentlicht worden ist (vgl. Ausgabe vom Donnerstag).

Zweifel an Schweiz-Bezug

Verfasst haben die Studie zwei Forscher des Instituts für Volkswirtschaftslehre an der Universität Zürich, Ernst Fehr und Michel Maréchal, zusammen mit ihrem Kollegen Alain Cohn von der Universität Chicago. Sie stellten 200 Bankangestellten Aufgaben. Bei einer liessen sich mit unehrlichem Verhalten bis zu 200 $ zusätzlich verdienen. Das Fazit des Experiments: Die Unternehmenskultur der Finanzinstitute begünstige und toleriere Tricksereien.

Chervet vom Bankpersonalverband hegt grosse Zweifel, ob dieser Test überhaupt etwas mit der Schweizer Bankenlandschaft zu tun hat. «Auf unsere Nachfrage bei den Verantwortlichen der Studie blieb unklar, ob und welche Schweizer Banken Gegenstand der Untersuchung waren», sagt sie. Die meisten Testpersonen – das geht aus der Studie hervor – seien ohnehin bei internationalen Banken tätig.

Schluss mit der Bonus-Kultur

Die helvetische Bankenrealität sei aber eine andere: Von den 105 700 Bankangestellten verdient etwas mehr als ein Drittel bei den beiden Grossbanken UBS und Credit Suisse seinen Lohn. Die grosse Mehrheit ist bei Kantonalbanken, Regionalbanken, Genossenschaftsbanken (darunter Raiffeisen) oder Privatbanken angestellt.

Für Chervet ist darum klar: «Die Untersuchung spiegelt lediglich die herrschende angelsächsische Bankenkultur im Ausland.» Diese Kultur des Geschäftemachens habe sich zwar in den 90er-Jahren in den grossen internationalen Schweizer Banken verbreitet, sei aber mit der Finanzkrise vor sechs Jahren gescheitert. Dem Banking-Verständnis mit der Bonus-Kultur müsse ein Riegel geschoben werden, und die Banken selbst sowie die Eidg. Finanzaufsichtsbehörde (Finma) arbeiteten daran.

Zahlreiche Skandale

Nur: Macht es sich Chervet nicht etwas einfach? Schliesslich sahen auch einige kleinere Banken in der Finanzkrise nicht sonderlich gut aus. Und trotz allen Bemühungen der UBS-Konzernspitze, eine neue Unternehmenskultur zu schaffen, fallen die Skandale um die Manipulationen des Referenzzinssatzes Libor, oder im Devisenhandel oder die Affäre um den zockenden Händler Kweku Adoboli teils oder ganz in die Zeit nach dem Ausbruch der Finanzkrise.

«Nicht alle in einen Topf werfen»

Man müsse die Relationen wahren, sagt Roger Rissi. Der promovierte Ökonom ist Bankenexperte und lehrt an der Hochschule Luzern: «Im Devisenskandal waren elf von mehr als 20 000 UBS-Mitarbeitenden involviert. Es kann nicht angehen, sie alle mit den fehlbaren Devisenhändlern in einen Topf zu werfen.» Für die empörte Reaktion des SBPV zeigt Rissi «vollstes Verständnis».

Der Wirtschaftswissenschafter hält ohnehin nichts von der umstrittenen Studie. «Es handelt sich um ein simples Experiment mit 200 Probanden. Daraus allgemein gültige Schlüsse zu ziehen, ist schlicht und ergreifend falsch», sagt Rissi. «Als ich die Studie las, war mir schleierhaft, wie sie den Weg in das Wissenschaftsmagazin gefunden hat.» Eine grosse Mehrheit des Bankpersonals arbeite seriös. «Man dürfte erwarten, dass forschende Akademiker in der Lage sind, auch in einem so hochgradig komplexen Umfeld wie der Bankbranche zu differenzieren.»