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Schmucklos und spottbillig: Wie ein russischer Discounter Aldi & Co. Konkurrenz machen will

Fast klammheimlich öffnen in Deutschland Filialen eines russischen Super-Discounters. «Mere» wirbt mit Niedrigstpreisen. Experten zweifeln am Erfolg des Konzepts.
Christoph Reichmuth, Berlin
Am Dienstag kauften die ersten Kunden im russischen Discounter Torgservis in Leipzig ein. (Bild: Hendrik Schmidt/Keystone)

Am Dienstag kauften die ersten Kunden im russischen Discounter Torgservis in Leipzig ein. (Bild: Hendrik Schmidt/Keystone)

62 Cent für den Liter Milch, eine 0.75-Liter-Flasche französischen Rotwein gibt’s für 1,04 Euro, den Wischmop für deutlich unter zwei Euro: Am Stadtrand von Leipzig eröffnete am Mittwoch die erste «Mere»-Filiale der TS-Markt GmbH, einer deutschen Tochterfirma des russischen Discounters Torgservis, das seinen Sitz im sibirischen Krasnojarsk hat.

Das Konzept des russischen Super-Discounters: Schmucklos, aber billig. Die 1000 Quadratmeter grosse Verkaufsfläche ist mit grellem Neonlicht beleuchtet, die Waren stehen abgepackt auf Paletten und in Pappkartons, die Einkaufswagen wurden gebraucht angeschafft. Frischware: Fehlanzeige, dafür jede Menge Dosenprodukte. Der Besucheransturm ist gross, wie die Lokalzeitung berichtet. Diese zitiert einen Kunden: «Das war noch billiger als bei Aldi.»

«Jeden Tag nur Tiefstpreise»

Der deutsche Markteintritt hat der russische Discounter fast klammheimlich vollzogen – wären in den letzten Tagen nicht doch noch Medien auf die unbekannte «Mere»-Filiale in Leipzig aufmerksam geworden und hätten emsig darüber berichtet. Von der Unternehmensleitung gab es keine Stellungnahme, auf Werbung im Vorfeld wurde verzichtet. Ein Anruf bei der TS-Markt GmbH in Berlin führte nicht zum Erfolg. Eine Mitarbeiterin sagte lediglich, man möge Fragen doch schriftlich formulieren, momentan fehle die Zeit für Antworten.

So bleibt vieles unklar: Welche Strategie verfolgen die Russen in Deutschland? Wie viele Filialen sollen eröffnet werden? Auf welche Produkte setzt das Unternehmen? Auf seiner Homepage wirbt Torgservis wie folgt:

«Jeden Tag nur Tiefstpreise»

Laut offiziellen Angaben ist das sibirische Unternehmen heute vor allem in Russland, China, Kasachstan, Rumänien und Weissrussland mit nahezu 1000 Filialen präsent. Das Unternehmen plane eine Expansion nach Polen, Tschechien und Deutschland. Hier hat das Unternehmen vor allem den einkommensschwächeren Osten des Landes mit seinen günstigen Verkaufsflächen im Visier. Das Ziel soll, so berichten verschiedene Medien, 100 Filialen in Ost- und Teilen von Norddeutschland sein.

«Wird Schweizer Ansprüchen nicht gerecht»

Experten bezweifeln, dass das russische Unternehmen Discountern wie Aldi oder Lidl das Leben schwer machen wird. Zumal laut Berichten 70 Prozent des Sortiments bei «Mere» Lebensmittel sein sollen, der Rest Tierbedarf, Haushaltswaren und Drogerieartikel. Denn Gewinnmargen sind im Lebensmittelgeschäft äusserst niedrig, in Deutschland sind Lebensmittelpreise, gemessen an der Kaufkraft der Bevölkerung, im EU-Vergleich besonders tief.

Thomas Roeb, Handelsexperte an der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg, kann sich nicht vorstellen, dass Torgservis seine Produkte noch günstiger verkaufen kann als Aldi und Lidl. Höchstens, der Discounter setze auf Nischenprodukte oder Restposten. Doch Medienberichte über die gestrige Eröffnung in Leipzig haben gezeigt, dass das Sortiment bei «Mere» nicht aus russischen Billigimporten oder Restposten bestehen soll: Der Wein kommt aus Österreich, die Wurst aus Deutschland. Roeb, einst als Bereichsleiter Verkauf bei Aldi tätig:

«Im klassischen Sortiment ist Aldi preislich nicht zu unterbieten.»

Laut Roeb müsste Torgservis seine Produkte zu extrem günstigen Konditionen beziehen können, um preislich mit den Discountern zu konkurrieren. Um bei den Herstellern möglichst niedrige Preise herausholen zu können, brauche Torgservis Masse. Selbst 100 Filialen in Ost- und Norddeutschland würden den russischen Discounter kaum in eine günstige Verhandlungsposition bringen. Loeb sagt:

«Was sind denn schon hundert Filialen? Ich gebe dem Konzept keine Chancen auf nennenswerte Marktbedeutung.»

Noch unwahrscheinlicher wäre eine erfolgreiche Strategie der Russen in der Schweiz, glaubt der Experte: «Das Konzept von brutal billig wird den Schweizer Ansprüchen meiner Meinung nach nicht gerecht – und deswegen hätte ein solches Konzept in der Schweiz noch geringere Chancen als in Deutschland.»

Frühere Versuche sind gescheitert

Schon in der Vergangenheit sind ausländische Discounter auf dem deutschen Markt gescheitert. So versuchte der US-Gigant Walmart vergeblich, in Deutschland Fuss zu fassen. Zehn Jahre nach dem Markteintritt wurden 2006 sämtliche 85 Walmart-Läden an die Konkurrenz verkauft. Auch die französische Intermarché-Gruppe zog sich nach ausbleibenden Erfolgen aus Deutschland zurück.

Der Markteintritt von Torgservis in Deutschland erstaunt Experten nicht zuletzt auch deshalb, da das sibirische Unternehmen nicht einmal in Russland zu den Schwergewichten zählt. Die deutsche Tochter von Torgservis sucht derweil Personal für die Filiale in Leipzig und eine in Zwickau sowie Personal für die Zentrale in Berlin – und freilich weitere Standorte, möglichst nahe an Verbindungsstrassen und Autobahnen.

Anders als Experte Roeb sieht Martin Fassnacht von der Wirtschaftshochschule in Düsseldorf den russischen Discounter nicht von Vorneherein auf verlorenem Posten. Im «Handelsblatt» sagt Fassnacht:

«Ich glaube, dass es eine Kundschaft in manchen Regionen Deutschlands für einen solchen Discounter gibt.»

Zumindest bei der gestrigen Eröffnung wurde diese These gestützt. In der Lokalzeitung freute sich ein Familienvater über den neuen Discounter aus Sibirien: «Wir haben vier Kinder. Das ist teuer.»

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