DEVISEN: Euro gewinnt an Terrain

Der Euro hat im Frühling an Stärke zugelegt. Seither hält sich die Gemeinschaftswährung recht stabil. Es sei aber voreilig, bereits das Ende der Eurokrise zu verkünden, warnen Devisenmarktbeobachter.

Rainer Rickenbach
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Der Euro hat jüngst an Wert gewonnen. Fraglich ist, ob er sein Niveau länger halten kann. (Bild: Owen Franken/Getty)

Der Euro hat jüngst an Wert gewonnen. Fraglich ist, ob er sein Niveau länger halten kann. (Bild: Owen Franken/Getty)

Rainer Rickenbach

Thomas Griesser Kym

Bei der Genfer Privatbank Lombard Odier gilt es als ausgemachte Sache: Die Erstarkung des Euro seit Mai sehen ihre Währungsspezialisten als «den nächsten grossen Trend auf den Devisenmärkten». Weiter schreiben sie: «Wir rechnen damit, dass die divergierende Geldpolitik der amerikanischen und der Europäischen Zentralbank in den kommenden Monaten einen Höhepunkt erreicht und der Euro gegenüber dem Dollar steigt.»

Ins Bild dazu passte der jüngste öffentliche Auftritt von Mario Draghi von der Europäischen Zentralbank (EZB). In der unter Zentralbankpräsidenten üblichen hypervorsichtigen Äusserungsweise deu­tete er an, den Staatsanleihenaufkauf nicht noch weiter zu forcieren. Was zahlreiche Auguren postwendend als Abkehr von der lockeren Geldpolitik der EZB interpretierten.

Zumindest der Aussenwert der europäischen Einheitswährung deutet in der Tat auf ruhigeres Fahrwasser hin. Anfang Juli war der Euro mehr als 1.14 Dollar wert. In den zurückliegenden paar Tagen gab er sanft nach, gestern landete er wieder knapp darüber. Auch im Vergleich zum Franken nahm er an Wert zu. Gestern notierte 1 Euro bei knapp 1.10 Franken. So stark war die Gemeinschaftswährung seit einem Jahr nicht mehr. Von ihrer alten Stärke aus der Zeit vor der Schuldenkrise ist sie zwar noch weit entfernt, doch immerhin hält sie sich ordentlich. Caroline Hilb Paraskevopoulos, Leiterin Anlagestrategie und Analyse bei der St. Galler Kantonalbank, nennt für die Erstarkung des Euro drei Gründe: Zum einen habe der Ausgang der französischen Wahlen «viel Vertrauen in die Stabilität der Eurozone zurückgebracht». Zum anderen nehmen die Prognosen zu, wonach die Europäische Zentralbank ihre ultralockere Geldpolitik in absehbarer Zukunft zu straffen beginnen könnte. Zum dritten haben wichtige Konjunkturindikatoren stark angezogen, vor allem in der Eurozone.

UBS sieht den Euro Ende Jahr bei 1.16 Franken

Für den Ökonomen und Vermögensverwalter Christof Strässle gaben Draghis optimistischer Ausblick für die europäische Wirtschaft und seine Erwartung, die Inflation kehre wieder zurück, den Ausschlag zur besseren Euro-Performance. «Darauf basieren nun die Mutmassungen, die Europäische Zentralbank fahre bald ihr milliardenschweres Anleihenkaufprogramm zurück», sagt Strässle. Er erwartet, dass sich der Euro in diesem Sommer in der Bandbreite von 1.08 bis 1.11 Franken bewegt. Bis Ende Jahr hält er «einige Rappen nach oben» für möglich. Hilb geht davon aus, dass sich der Euro auf dem aktuellen Niveau in den nächsten drei Monaten halten kann und immer mal wieder die Marke von 1.10 Franken touchiert. «Das dürfte aber eher das höchste der Gefühle sein.»

Mehr traut UBS-Devisenexperte Thomas Flury der Gemeinschaftswährung zu. Er erwartet sie in einem Interview mit der «Finanz und Wirtschaft» Ende Jahr bei 1.16 Franken. Dagegen prognostiziert Hilb, dass der Euro über die kommenden sechs bis zwölf Monate wieder in Richtung 1.07 Franken abrutscht, denn: «Die strukturellen Schwächen in der Euro­zone sind nicht beseitigt.» Als Beispiele nennt sie die italienische Bankenkrise, den Sorgenstaat Griechenland oder die Widerstände in Frankreich gegen die wirtschaftspolitischen Reformideen des neuen Präsidenten Emmanuel Macron. Auch Strässle erkennt im jüngsten Wertanstieg des Euro keine Trendwende von Bestand, denn: «Steuerzahler und Sparer dürften in Zukunft nochmals ­direkt oder indirekt zur Kasse gebeten werden.»

Kleine Lichtblicke für Schweizer Exporteure

Die Anlagespezialisten der amerikanischen ETF Securities rechnen sogar mit einer deutlichen Abwertung des Euro in nächster Zeit. «Nach unserer Überzeugung drohen dem Euro rapide Verluste, da die politischen Vorgaben der EZB konservativ bleiben», schreiben die Anbieter von Anlage­lösungen. Das würde ­bedeuten: Die lockere Geldpolitik zur Stabilisierung des europäischen Währungsraumes setzt sich fort, und die Zinsen bleiben im Keller.

Für die Schweizerische Nationalbank (SNB) dürfte sich so rasch nichts ändern. Hilb sagt über die Schweizer Exporteure, momentan profitierten diese von der leichten Erstarkung des Euro. Zudem werde die SNB weiterhin probieren, mit Devisenkäufen den Franken zu schwächen, und sie werde die Negativzinsen noch geraume Zeit beibehalten. Aber auch wenn der Franken wieder leicht zulege, profitierten die Schweizer Exporteure von einem Anziehen der globalen Konjunktur, was die Nachfrage auch nach Schweizer Gütern erhöhe. Und: «Die Gefahr von Währungsschocks sehen wir momentan nicht.»