Deutschland spürt Belebung

Trotz Streiks im Verkehr und Stellenabbau bei Konzernen: Die deutsche Wirtschaft boomt. Unter anderem wirken die hohen Flüchtlingszahlen wie ein kleines Konjunkturpaket.

Stefan Uhlmann
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Streiks im Luftverkehr – hier eine Tafel mit ausgefallenen Flügen – dämpfen die deutsche Wirtschaft. Insgesamt geht es aber aufwärts. (Bild: epa/Nicolas Armer)

Streiks im Luftverkehr – hier eine Tafel mit ausgefallenen Flügen – dämpfen die deutsche Wirtschaft. Insgesamt geht es aber aufwärts. (Bild: epa/Nicolas Armer)

BERLIN. VW-Abgasskandal, Dauerstreiks bei Bahn und Lufthansa, Radikalkur bei der Deutschen Bank, China-Flaute, Griechenland-Krise – an negativen Nachrichten war kein Mangel für deutsche Unternehmen im ablaufenden Jahr. Doch die Wirtschaft boomt. Der Handel wird im Weihnachtsgeschäft 2015 wohl 2% mehr umgesetzt haben als im vergangenen Jahr, schätzt der Detailhandelsverband HDE.

Der private Konsum ist einer der Treiber der deutschen Konjunktur. Dafür gibt es mindestens drei Ursachen. Die Mini-zinsen verleiden den Leuten das Sparen und animieren sie eher zum Geldausgeben. Die Inflation – im dritten Quartal lag sie bei 0,1% – ist so gering, dass sie kaum die Lohnzuwächse schmälert. Die wiederum waren ordentlich. Die Tarifabschlüsse 2015 erbrachten zwischen 2,0% und 3,5% mehr Geld für die Arbeitnehmer. Unter dem Strich stiegen die Reallöhne so stark wie nie seit Erhebung der Statistik 2008.

Flüchtlingsstrom hat Einfluss

Insgesamt wird die deutsche Wirtschaft 2015 um 1,7% bis 1,8% wachsen. Neben dem privaten Konsum profitieren die Exporteure vom schwachen Euro und der robusten US-Konjunktur. Daneben hat die Bauindustrie für Jahre zu tun. In den nächsten Jahren ist mit einem Boom beim Wohnungsbau zu rechnen. In Deutschland fehlen schätzungsweise zwei Millionen Wohnungen. Der anhaltende Flüchtlingsstrom könnte die Zahl noch nach oben treiben.

Die über eine Million Flüchtlinge, die 2015 in die Bundesrepublik kamen, sind einerseits eine schwer zu stemmende Herausforderung für das Land. Andererseits erzeugen sie auch eine riesige Nachfrage. Hersteller von Lebensmitteln, Konsumgütern, Möbeln und Betten, Sicherheits-, Reinigungs- und Cateringfirmen, Hotel- und Herbergsbetreiber, Mobilfunkanbieter, Baubetriebe und Übersetzer haben alle Hände voll zu tun.

Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung in Berlin schätzt den konjunkturellen Zusatzeffekt auf 0,25% des Bruttoinlandprodukts (BIP), die EU-Kommission gar auf 0,3% bis 0,4%. Bis zu drei Jahre lang kann die Bundesrepublik auf diesen zusätzlichen Schub setzen.

Arbeitslosenzahl dürfte steigen

In den Arbeitsmarkt werden die vielen Flüchtlinge allerdings nur langsam zu integrieren sein. Die Zahl der Erwerbslosen dürfte daher im kommenden Jahr klar steigen. Aktuell ist die Zahl der Arbeitslosen mit 2,633 Millionen und einer Quote von 6,0% so niedrig wie seit 24 Jahren nicht mehr.

Die Bundesregierung will 2016 die Zahlen der erwerbslosen Flüchtlinge gesondert ausweisen. Die Opposition hält das für eine Verschleierung des wahren Ausmasses der Arbeitslosigkeit. Die Gewerkschaften begrüssen den Ansatz hingegen, weil Migranten dann gezielter gefördert werden können.

Unterschiedliche Prognosen

Der Konjunkturaufschwung wird auch 2016 anhalten, da sind sich die meisten Fachleute einig. Allerdings gehen die Prognosen auseinander. Die Bundesregierung erwartet ein Plus von 1,8%, auch Bundesbank und OECD rechnen mit einem Wachstum in dieser Grössenordnung. Das Kieler Institut für Wirtschaftsforschung geht sogar von 2,2% Zunahme aus und setzt vor allem auf den starken Konsum.

Andere Forscher sind zurückhaltender – wegen der Verunsicherung in Schwellenländern wie China sowie Russland und Brasilien, die unter gefallenen Rohstoffpreisen und der US-Zinswende leiden. Das Leibniz-Institut für Wirtschaftsforschung Halle geht nur von einer BIP-Zunahme von 1,6% aus, die Commerzbank gar von 1,3%. Deutschland erlebe einen «konsumgetriebenen Scheinaufschwung», hiess es.

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