Deutscher Motor läuft rund

Die grösste Volkswirtschaft Europas brummt wie lang nicht mehr. Der schwache Euro belebt Exporte, die tiefe Arbeitslosigkeit stützt den Konsum, der Staat investiert. Doch es gibt Skepsis.

Stefan Uhlmann
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Viel zu tun: Deutsche Autobauer wie Audi, hier die Montage eines R8, haben volle Auftragsbücher. (Bild: Audi AG)

Viel zu tun: Deutsche Autobauer wie Audi, hier die Montage eines R8, haben volle Auftragsbücher. (Bild: Audi AG)

BERLIN. Es harzt bei den deutschen Bierbrauern. Im 1. Halbjahr verkauften sie gut 2,5% weniger Gerstensaft, im Inland gar 2,7%. Es gibt nicht viele Branchen in der Bundesrepublik, denen es ähnlich geht. Die deutsche Wirtschaft brummt, die Arbeitslosigkeit ist niedrig, die Exporte laufen gut, die Kauflaune im Inland ist prächtig.

Allerdings ist der jüngere Verlauf der deutschen Konjunktur holprig. Die für den Geschäftsklimaindex des Ifo-Instituts befragten Firmen beurteilten nach drei Monaten Rückgang erst im Juli ihre Geschäftsaussichten wieder positiver. Auch die Konjunktur schwächelte etwas. Nach einem starken Schlussquartal 2014 mit +0,7% stieg das Bruttoinlandprodukt im 1. Quartal 2015 nur um 0,3%. Das Finanzministerium erwartet, dass sich der moderate Aufwärtstrend im 2. Quartal fortgesetzt hat. Frische Zahlen legt das Statistische Bundesamt heute Freitag vor.

Freude, aber auch Skepsis

Für das Gesamtjahr geht die deutsche Regierung von 1,8% Wirtschaftswachstum aus, nach 1,5% vergangenes Jahr. Für die grösste europäische Volkswirtschaft wäre das der beste Wert seit 2011. Für die Exportnation Deutschland entfaltet der niedrige Eurokurs «gehörigen Rückenwind», wie der Aussenhandelsverband BGA jüngst feststellte. Auch die Einigung zwischen der EU und Vietnam auf ein Freihandelsabkommen freut die Exporteure. Ebenso das Atomabkommen mit Iran mit seinen 80 Millionen Einwohnern. Der Aussenhandelsüberschuss von 124 Mrd. Euro im 1. Halbjahr 2015 liegt um 25 Mrd. Euro über dem Vorjahreswert. Damit seien die Erwartungen übertroffen worden, jubelte der BGA.

Doch in die Freude mischt sich auch Skepsis. Insbesondere die Wachstumsschwäche und die Börsenturbulenzen in China, wohin vergangenes Jahr 7% aller deutschen Exporte gingen, beunruhigt die Industrie. So mahnte dieser Tage auch der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI), die Zeit der weitgehend risikolosen Wachstumsmärkte sei vorbei.

Konsumenten in Kauflaune

Eine starke Stütze der deutschen Wirtschaft ist die Binnennachfrage. Im 1. Halbjahr ermittelten die Statistiker ein Plus von 2,5%, der stärkste Anstieg seit 21 Jahren. Laut dem Marktforschungsinstitut GfK haben die Einkommenserwartungen der Bürger einen Rekordwert erreicht. Treiber der Entwicklung sind die geringe Inflation, die relativ niedrige Arbeitslosigkeit von 6,3% Prozent und relativ hohes Lohnwachstum. Die Tarifabschlüsse des 1. Halbjahres brachten den Arbeitnehmenden im Schnitt Einkommenszuwächse von 2,9%, errechnete die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung.

Finanzminister Schäuble bremst

Angesichts der guten Wirtschaftsdaten ertönt an die Regierung die Forderung, mehr zu investieren, um das übrige Europa mitzuziehen. So beziffert das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) die Investitionslücke auf bis zu 100 Mrd. Euro. Andere Ökonomen und Finanzminister Schäuble dagegen sehen private Investoren in der Pflicht. Schäuble verkündete zwar Ende 2014 ein zusätzliches Investitionsprogramm über 10 Mrd. Euro für 2016 bis 2018. Aber der ausgeglichene Haushalt hat für Schäuble Vorrang. Laut mittelfristiger Finanzplanung sollen die Ausgaben des Bundes von 301 Mrd. auf 331 Mrd. Euro steigen. Die Investitionen des Bundes wachsen indes nur moderat von 30,4 Mrd. auf 31,8 Mrd. Euro. Die Investitionsquote wird sinken.