Detailhandel
Schwatz gefällig? Französischer Supermarkt führt «Blabla-Kasse» ein – das halten Coop, Migros und Co. davon

Lebensmittelgeschäfte im In- und Ausland führen vermehrt Selbstbedienungskassen ein. Damit die Kundschaft trotzdem einen Schwatz mit dem Personal halten kann, geht ein französischer Händler neue Wege. Und in der Schweiz? Eine Firma zeigt Interesse.

Benjamin Weinmann 4 Kommentare
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Coop hat aktuell keine Pläne für «Blabla-Kassen».

Coop hat aktuell keine Pläne für «Blabla-Kassen».

Keystone

«Haben Sie eine Cumulus-Karte?» «Haben Sie eine Supercard?» Es ist nicht nur diese Frage nach der Kundenkarte, die fehlt. Sondern jegliche menschliche Interaktion. An den Selfscanningkassen, wie sie die Detailhändler hierzulande und im Ausland zunehmend installieren, ist die Kundschaft auf sich allein gestellt. Anstatt in die Augen des Personals blickt man auf einen Touchscreen. Und andere Händler wie Amazon, Aldi oder Valora gehen sogar noch einen Schritt weiter mit kassen- und personallosen Geschäften, in denen intelligente Kameras und Sensoren automatisch die Einkaufsabrechnung übernehmen.

Ist der Schwatz an der Kasse somit schon bald Vergangenheit? Schliesslich schätzt ein Grossteil der Kundinnen und Kunden die Selbstbedienungskassen, die Kontrolle über den Scanningprozess zu haben und niemandem beim Abzählen von Münzen zusehen zu müssen.

Amazon-CEO Jeff Bezos setzt auf komplett kassen- und personalfreie Supermärkte.

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John Locher / AP

Doch nicht allen gefällt der Trend, den Migros, Coop und Co. nicht zuletzt aus Kostengründen vorantreiben (CH Media berichtete). Denn der menschliche Austausch an der Kasse ist für viele ein Ritual – mit der Frage nach der Kundenkarte, aber auch nach dem Gemüt. Oder sogar nach den Kindern oder der Gesundheit, wenn man sich seit vielen Jahren regelmässig an der Kasse sieht.

«Das Leben geht zu schnell»

Die französische Supermarktkette Hyper U will diesen Mangel an Kundenkontakt beheben. In einer Filiale in der Gemeinde La Montagne, nahe der Stadt Nantes, hat sie eine «Blabla-Kasse» eingeführt, wie der TV-Sender TF1 berichtet. Hier soll die Kundschaft mit dem Verkaufspersonal mehr als nur Geld und Quittung austauschen, sondern auch ein paar Wörter. Auch mal 20 Minuten lang.

«Das Leben geht zu schnell. Aber wir brauchen das Gespräch mit den Leuten, den Kontakt», sagt eine dankbare Kundin gegenüber dem Sender. Die Kassierin Mélody Prud’homme sagt, dass die neue Kasse vor allem bei den älteren Menschen sehr beliebt ist. Viele würden nur einmal am Tag das Haus verlassen, und zwar für den Einkauf. «Wir sind die einzigen Menschen, mit denen sie sich unterhalten können.»

In den Niederlanden heissen sie «Klets-Kassa»

Eine Firmensprecherin betont nebst dem sozialen auch den wirtschaftlichen Vorteil: Die Kassen seien eine zusätzliche Methode, Kundinnen und Kunden an sich zu binden. Und in den Niederlanden hätten bereits einige Supermärkte das französische Modell übernommen. Dort heissen sie «Klets-Kassa», was so viel heisst wie Plauderkasse.

Und was sagen die Schweizer Detailhändler? «Wir sind uns bewusst, dass die traditionelle Kasse eine grosse soziale Wichtigkeit hat», sagt Migros-Sprecher Patrick Stöpper. Der Austausch zwischen Personal und Kundschaft finde auch zwischen den Regalen statt. Dabei bleibe es oft auch nicht bloss bei der Frage, wo ein bestimmtes Produkt zu finden sei. Und im Rahmen des Migros-Kulturprozents fördere man das Miteinander auch ausserhalb des Supermarktes – mit geselligen Kochevents oder Museumsbesuchen. Auf die Frage, ob auch Plauderkassen geplant sind, antwortet die Migros allerdings nicht.

Cafés zum Plaudern im Supermarkt

Bei Coop sind «Blabla-Kassen» aktuell nicht geplant. «Es wird aber auch in Zukunft in allen Verkaufsstellen bediente Kassen geben, da diese einem Kundenbedürfnis entsprechen», sagt Sprecher Kevin Blättler. Ähnlich tönt es bei Aldi Suisse. Und Spar-Sprecherin Silvia Manser betont, dass es für solche speziellen Kassen bis dato keine Kundennachfrage gebe. Zudem seien in vielen Supermärkten Cafés mit Steh- oder Sitzplätzen vorhanden. «Diese werden von den Kunden rege genutzt für eine kurze Pause oder einen Schwatz.»

Der deutsche Harddiscounter Lidl ist der Kassenidee nicht abgeneigt.

Der deutsche Harddiscounter Lidl ist der Kassenidee nicht abgeneigt.

zvg

Interessierter zeigt sich der deutsche Harddiscounter Lidl Schweiz: «Wir haben aktuell keine solchen ‹Blabla-Kassen› im Einsatz, finden die Idee aber grundsätzlich spannend», sagt eine Sprecherin. Man stelle fest, dass der persönliche Austausch und Kontakt zwischen Kunden und Filialpersonal sehr geschätzt werde. «In der aktuellen Situation mit Corona und den damit einhergehenden Abstands- und Sicherheitsmassnahmen wären solche Kassen aber wohl eher nicht zielführend.» Dennoch nehme man die Idee für künftige Überlegungen auf.

Volg denkt ganz anders

Anders ist die Situation bei Volg: Die Ladenkette muss keine «Blabla-Kassen» einführen, hat sie doch auch keine Selfscanningkassen und will solche demnächst auch nicht installieren. «Volg-Dorfläden sind Treffpunkte, wo man sich noch persönlich kennt», sagt Sprecherin Tamara Scheibli. Der Schwatz zwischen Verkaufspersonal und Kundschaft, «dies ist Alltag in unseren Läden und wird seit jeher gelebt».

4 Kommentare
Markus Krebs

Wenn ich viel Geld hätte, hätte ich schon längstens ein Plauder-Kafi eröffnet, welches nicht auf Gewinn orientiert wäre, sondern auf Menschen. Da mir aber das viele Geld fehlt, bleibt es nur ein Traum.

Dominik Schläpfer

Danke für den Artikel! Ich habe ihn nur schnell überflogen. Ich war mir sicher, dass die Supermarktkette Super U (Hyper U sind Megamärkte von Super U) ist. Das ist dort schon lange Programm. Die Kassiereinnen und Kassierer hatten schon seit je VIEL mehr Zeit als diejenigen in der Schweiz. Ein Schwätzchen lag immer drin. Bei Super U wird das Personal wahrscheinlich nicht so überwacht und muss nicht so und soviele Artikel pro Stunde scannen. An diesen Kassen ist man nicht so gestresst mit Zahlen und Einpacken wie bei uns bei Migros und Coop. Und das Beste zum Schluss, die Leute in der Schlange hinter einem an der Kasse sind in bei Super U auch tausendmal entspannter als in der Schweiz.

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