DETAILHANDEL: Paul ist kein Interregio

Der Online-Boom zwingt Media Markt zum Umdenken. Der einstige Branchenprimus ruft eine neue Ära aus – und stellt den ersten Verkaufsroboter der Schweiz vor.

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«Hallo, ich bin Paul», tönt es etwas blechern aus einem Lautsprecher, wenn man den Media Markt im Zürcher Einkaufszentrum Sihlcity betritt. Nach einem ­kurzen Moment der Verwirrung meldet sich die verzerrte Stimme ­erneut: «Wie kann ich Ihnen ­helfen?» Dann realisiert man, wer da eigentlich zu einem spricht. Es ist Paul, der Verkaufsroboter. Der erste seiner Zunft in der Schweiz.

Seit gestern ist Paul offiziell im Media Markt Sihlcity im Einsatz. Zuvor hat der Prototyp eine zweiwöchige Testphase erfolgreich absolviert. Und so heisst er nun Kunden am Eingang der Sihlcity-Filiale willkommen, erkundigt sich nach ihren Wünschen und führt sie bei Bedarf zum gesuchten Produkt. Unterwegs übt sich die Maschine immer mal ­wieder in Small Talk. Dann sagt sie Dinge wie: «Ich fahre heute eher gemütlich. Ein Roboter ist schliesslich kein Interregio.» Oder: «Eigentlich bin ich mit Siri zusammen. Aber jetzt habe ich Alexa kennen gelernt.» Stellt man die richtigen Fragen, erzählt Paul gar einen Witz – oder warum Bananen eigentlich krumm sind.

In Sachen PR hat sich Pauls Einführung in Sihlcity schon mal gelohnt. «Wir haben bisher eigentlich nur positive Reaktionen», sagt Thomas Meister, Geschäftsführer des Media Markt Sihlcity. «Vor allem Kinder, aber auch ältere Menschen haben Freude an Paul.» Ob aber mit dem ersten Verkaufsroboter der Schweiz auch die Marke Media Markt wieder an Anziehungskraft gewinnen wird, wird sich zeigen.

Dringend nötig wäre es. In den letzten sieben Jahren hat der Elektronikhändler in der Schweiz 25 Prozent an Umsatz eingebüsst. Von über einer Milliarde Franken im Jahr 2010 sind zuletzt noch 748 Millionen übriggeblieben. So viel hat keiner der grossen Konkurrenten verloren, weder M-electronics (Migros) noch Interdiscount (Coop). Andere konnten im schrumpfenden Markt gar zulegen, so wie Brack (Competec-Gruppe) oder Digitec (mehrheitlich Migros), die sich von Beginn weg auf den Onlinehandel gestürzt haben. «Wir haben die ­Digitalisierung und den Online-Boom vielleicht verschlafen, aber jetzt holen wir auf», sagt Martin Rusterholz, seit April operativer Chef von Media Markt Schweiz.

Sein Rezept heisst Omnichannel-Strategie, also die Verknüpfung von stationärem Handel und dem Onlinegeschäft. Das sieht dann zum Beispiel so aus: Mit­hilfe von Tablets können sich Kunden in den Filialen über das Angebot informieren und via QR-Code direkt Bestellungen mit dem Smartphone auslösen. Geliefert wird nach Hause während eines gewünschten Zeitfensters oder in die Filiale. Ob das reicht, um den Rückstand aufzuholen?

Gregory Remez

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