«Der Wechselkurs tut weh»

Die Konjunktur erholt sich. Doch Ökonom Felix Brill warnt vor zu viel Optimismus. Zumal die Schweizer Exporteure mit dem starken Franken kämpfen. Einen Vorteil freilich haben viele Schweizer Firmen: Sie haben erstklassige Angebote.

Drucken
Teilen
Schweizer Unternehmen macht der schwache Euro zu schaffen. Teils kompensieren lässt sich dieser Effekt mit erstklassiger Qualität in Nischen. (Bild: ky/Steffen Schmidt)

Schweizer Unternehmen macht der schwache Euro zu schaffen. Teils kompensieren lässt sich dieser Effekt mit erstklassiger Qualität in Nischen. (Bild: ky/Steffen Schmidt)

Herr Brill, «die Schweiz trotzt der Krise», schreibt Hans Reis vom Arbeitgeberverband in dessen Verbandszeitschrift. Einverstanden?

Felix Brill: Im Prinzip kann ich das deutlich bejahen. Die Schweizer Wirtschaft hat letztes Jahr einen schlimmen Einbruch erlitten. Das Minus von 1,5 Prozent bedeutet die schlimmste Rezession seit Mitte der 70er-Jahre. Aber: es hätte noch schlimmer kommen können, und international verglichen ist die Schweiz gut durchgekommen.

In der OECD mit den 30 wichtigsten westlichen Industrieländern gehören wir zu den fünf Staaten mit dem geringsten Rückgang des Bruttoinlandprodukts.

Nun zeigen sich die Konjunkturforscher zuversichtlicher. Zu Recht?

Brill: Wir sehen eine Erholung. Ein Wirtschaftswachstum dieses Jahr von 1,5 Prozent ist eine realistische Annahme. Aber wir dürfen nicht vergessen: Die Wirtschaft wächst nach dem letztjährigen Einbruch von einem tiefen Niveau aus. Auch ein Plus von 1,5 Prozent wird das nicht ganz wettmachen.

Also kein sorgenfreier Optimismus?

Brill: Nein. Gerade in der Industrie ist die Kapazitätsauslastung noch tief. Wichtig sind Nachfrageimpulse aus dem Ausland. Aber das weltwirtschaftliche Umfeld bleibt fragil. Denn die Erholung ist auch zustande gekommen dank fiskalischer Rettungspakete vieler Staaten und Hilfen von Notenbanken. Diese Programme laufen nun aus.

Wie erfolgreich waren sie denn?

Brill: Sie haben wesentlich dazu beigetragen, dass wir jetzt wieder Wachstum haben. Aber es gilt zu relativieren: Die USA haben enorme Staatsmittel in die Wirtschaft gepumpt, finanziert via eine Neuverschuldung von 10 Prozent des Bruttoinlandprodukts. Wenn daraus 3 Prozent Wachstum resultieren, ist das nicht zu berauschend.

Zudem muss man in die Zukunft schauen: US-Präsident Obamas Plan, bis zur nächsten Legislatur das Budgetdefizit zu halbieren, wäre für die Weltwirtschaft gleichbedeutend mit dem Verschwinden Chinas von der Landkarte.

Der Euro ist zum Franken auf einem Rekordtief. Was heisst das für die Schweizer Exporteure?

Brill: Der Wechselkurs um 1.43 tut den meisten Unternehmen prinzipiell weh.

Wer auch Fabriken im Euro-Raum hat und dort Vorleistungen einkauft, kann den negativen Effekt abmildern. Aber die Margen leiden. Für viele Firmen ist es ein Belastungstest.

Wie geht es weiter?

Brill: Es ist möglich, dass die Märkte auch die Marke von 1.40 testen. Darunter würden die Unternehmen noch mehr leiden. Die Schweiz hat solide Staatsfinanzen, der Franken spielt seine Rolle als sicherer Hafen.

Kurzfristig kann die Frankenaufwertung sicher anhalten, mittelfristig dürfte sich der Franken aber wieder in Richtung handelsneutraler Wechselkurs von ungefähr 1.48 zum Euro bewegen. Was den Firmen hilft: Viele sind gut aufgestellt, in Nischen tätig – da zählt Qualität oft mehr als der Preis.

Als ein Grund für die Euro-Schwäche gilt das marode Griechenland. Was ist zu tun?

Brill: Die EU macht bisher das Richtige. Zwar spricht sie nicht immer mit einer Stimme, aber das zeigt, dass keiner die beste Lösung kennt.

Wichtig ist deshalb der Diskurs. Griechenland sind eindeutige Richtlinien zu setzen. Falls finanzielle Hilfe nötig wird, darf sie nur bilateral und temporär gewährt und muss an strenge Auflagen geknüpft werden. Nur so lassen sich die EU-Verträge respektieren. Auf keinen Fall darf es einen totalen Schuldenerlass geben. Das würde zu Spekulationen gegen andere Länder einladen.

Auch andere Euro-Länder gelten als wacklig: Portugal, Spanien, Italien, Irland. Droht Gefahr?

Brill: Die Situation ist je nach Land verschieden. Der richtige Weg ist es, die Länder bezüglich ihrer Haushaltpolitik zu disziplinieren. Spanien und Irland haben schon viel umgesetzt und sind zum Beispiel bei der Gesamtverschuldung in einer besseren Position. In Italien ist zwar die Neuverschuldung weniger stark gestiegen, dafür ist die Gesamtverschuldung sehr hoch. Das gilt auch für die Steuerbelastung.

Italien kann die Steuern kaum noch weiter erhöhen, während Griechenland da Spielraum hat. Für Portugal gilt: Wie Griechenland ist es kein ökonomisches Schwergewicht. Dennoch müssen Staatsbankrotte vermieden werden. Solche würden auch die Banken schwer treffen.

Kritiker der Währungsunion sagen deren Ende voraus. Ihr Urteil?

Brill: Das sagen sie seit 15 Jahren. Fakt ist: Die Währungsunion ist bisher ein Erfolg. Die Wirtschaftsentwicklung in den erwähnten Ländern spricht für sich.

Wo wären denn all diese Staaten ohne die Währungsunion? In der Krise könnten sie zwar ihre Währung abwerten. Aber nachhaltig ist das nicht, und der Vertrauensverlust wäre verheerend für Politik und Wirtschaft.

Interview: Thomas Griesser Kym

Aktuelle Nachrichten