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Wahl des neuen Raiffeisen-Präsidenten: Der vermeintliche Persilschein

Nach der Affäre um Pierin Vincenz ist die Raiffeisen auf der Suche nach dem perfekten Kandidaten oder der perfekten Kandidatin für das Präsidium. Guy Lachappelle scheint dem Etikett makellos nahe zu kommen. Doch auch über ihm schwebt eine dunkle Wolke und es ist unsicher, ob sich diese verzieht. Eine Analyse.
Andreas Möckli
Ist Guy Lachappelle der Kandidat ohne Makel, den die Raiffeisen sucht? (Bild: Keystone)

Ist Guy Lachappelle der Kandidat ohne Makel, den die Raiffeisen sucht? (Bild: Keystone)

Raiffeisen gibt sich alle Mühe, ihren Kandidaten für das Präsidium ins Ziel zu bringen. Die Verantwortlichen in der Zentrale der Genossenschaftsbank haben wohl nicht erwartet, dass Guy Lachappelle als Anwärter auf den Topjob derart auf Herz und Nieren geprüft wird. Doch mit Blick auf die skandalbehaftete Ära Vincenz hätten die Raiffeisen-Manager in St.Gallen genau damit rechnen müssen. Immerhin hat der Fall Vincenz den Rücktritt des Präsidenten und des Chefs ausgelöst und gipfelte letztlich in einer scharfen Rüge der Finanzmarktaufsicht (Finma). Nach diesem Sturm wird nichts weniger als der Mister oder die Miss Perfect fürs Raiffeisen-Präsidium erwartet. Guy Lachappelle, für wenige Tage noch Chef der Basler Kantonalbank, scheint dem Etikett makellos nahe zu kommen, aber eben doch nicht ganz. Dass einige Medien nun ganz genau hinschauen, ist nicht etwa ein Sturm im Wasserglas, wie einzelne Zeitungen schreiben, sondern journalistische Pflicht.

Lachappelle ist von der Vergangenheit rund um den Betrugsfall ASE eingeholt worden. Rückblende: Die Aargauer Firma hatte zwischen 2006 und 2012 ein Schneeballsystem betrieben und damit knapp 2000 Geschädigte um 170 Millionen Franken betrogen. Mittendrin im Sturm befand sich die Basler Kantonalbank (BKB). Sie agierte als Hausbank der ASE und als Depotbank für 600 Kunden. Als die Machenschaften der ASE 2006 ihren Anfang nahmen, war Lachappelle noch nicht für die BKB tätig. Im Oktober 2010 wechselte er zur Kantonalbank als Leiter Firmenkunden. Rund einen Monat nach seinem Amtsantritt landete der Fall ASE bereits auf seinem Tisch, da er auf die hohen Minussaldi bei Kunden der ASE aufmerksam gemacht wurde. In einem E-Mail antwortete er mit der Frage:

«Haben wir diese Position noch im Griff oder läuft diese aus dem Ruder? Sind sich die Kunden überhaupt und insbesondere nachweislich über ihre Positionen bewusst, ansonsten wir hier nebst dem Verlustrisiko ein enormes Reputationsrisiko fahren?»

Die internen Abklärungen und Diskussionen über die ASE liefen danach zwar weiter. So forderte die BKB etwa von jenen ASE-Kunden mit einer Minusposition Kreditverträge ein. Die Reissleine zog die Kantonalbank jedoch nicht. Der Betrugsfall flog erst auf, als die BKB von einem Kunden auf Unstimmigkeiten in seinen Kontoauszügen aufmerksam gemacht wurde. Daraufhin reichte die Bank im März 2012 eine Strafanzeige gegen die ASE ein – also 17 Monate nachdem Lachappelle den Alarmknopf drückte. In der Folge gab die BKB auf Geheiss der Finanzmarktaufsicht eine Untersuchung bei der Kanzlei Bär & Karrer in Auftrag.

Nur weil die Finma zum Schluss kommt, dass einer Person aufsichtsrechtlich nichts angelastet werden kann, ist jemand nicht automatisch über alle Zweifel erhaben.

Im öffentlich zugänglichen Kurzbericht wurden der Bank mehrere Fehler angelastet, Chef Hans Rudolf Matter gab seinen Rücktritt bekannt. Rund vier Monate später wurde Guy Lachappelle zum definitiven Nachfolger von Matter gekürt. Die Finma ihrerseits kam in ihrer Verfügung zum Schluss, dass die Geschäftsbeziehung zwischen der ASE und der BKB «in verschiedener Sicht auffällig und höchst ungewöhnlich» war. Die Bank habe die Organisations- und Gewährserfordernisse schwer verletzt, hielt sie in ihrer typischen Behördensprache damals fest. Lachappelle persönlich musste sich von der Aufsichtsbehörde aber nichts anlasten lassen. Somit erfüllte der BKB-Chef zu diesem Zeitpunkt die sogenannte Gewährserfordernis der Finma: Eine mit der Geschäftsführung der Bank betraute Person muss einen guten Ruf geniessen und Gewähr für eine einwandfreie Geschäftstätigkeit bieten.

Wirtschaftsredaktor Andreas Möckli.

Wirtschaftsredaktor Andreas Möckli.

Die Finma sei damals zum Schluss gekommen, Lachappelle halte diese Anforderung «ohne Wenn und Aber» ein, schrieb Raiffeisen in einer Information an ihre Mitarbeiter. Doch die damalige Feststellung ist kein Persilschein für alle Ewigkeit. Die Finma prüft die Bank-Manager laufend. Selbst wenn im Nachhinein neue Fakten auftauchen, muss die Behörde über die Bücher. Die Aufseher der Finma würden deshalb nicht einmal unter Androhung von Folter die Aussage machen, ein Topbanker geniesse «ohne Wenn und Aber» Gewähr für eine einwandfreie Geschäftstätigkeit. Letztlich ist dies auch gar nicht der entscheidende Punkt. Nur weil die Finma zum Schluss kommt, dass einer Person aufsichtsrechtlich nichts angelastet werden kann, ist jemand nicht automatisch über alle Zweifel erhaben. Fakt ist, dass die Öffentlichkeit bis heute nicht genau weiss, weshalb Lachappelle nach seiner eindringlichen Warnung nicht vehementer beim Fall ASE eingegriffen hat.

Aufschluss darüber könnte der ausführliche Bericht von Bär & Karrer geben. Die BKB wehrt sich derzeit mit Händen und Füssen gegen dessen Entsieglung. Denn in Sachen ASE sind noch mehrere Gerichtsverfahren hängig. Die Finma hat gestützt auf den Bericht keine aufsichtsrechtlich relevanten Hinweise gefunden, um Lachappelle zu belasten. Gleichzeitig kann nicht ausgeschlossen werden, dass der Bericht unschöne Details erhält. Es ist durchaus denkbar, dass dies für einzelne Raiffeisen-Delegierte Anlass gäbe, um Lachappelle zumindest in Zweifel zu ziehen. Die Finma ist eine wichtige, nicht aber die einzig und alleinselig machende Instanz für die Beurteilung eines Bankers.

Hinzu kommt, dass die laufenden ASE-Gerichtsverfahren die Rolle der Bank und die damals Verantwortlichen ebenfalls nochmals in einem anderen Licht erscheinen lassen können. Es ist daher nicht überraschend, dass sich Lachappelle kritische Fragen gefallen lassen muss. Und es ist nachvollziehbar, dass gewisse Raiffeisen-Delegierte keine Lust haben, jemanden zu wählen, über dem eine dunkle Wolke schwebt – selbst wenn sie sich dereinst verziehen sollte. Schliesslich findet die Wahl bereits in einem Monat statt. Der Wunsch nach Mister oder Miss Perfect ist gerade nach dem Vincenz-Debakel gross. Dass nun auch der hohe Lohn für Lachappelle Anlass zur Kritik gibt, erschwert seine Wahl zusätzlich.

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