Der Unsentimentale

Die Journalistin Margrit Sprecher bezeichnet ihn als einen sparsamen Menschen. In einem Porträt aus dem Jahr 2009 erzählt sie, dass Martin Kall in einem gemieteten Haus wohnt und einen Kleinwagen fährt.

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Martin Kall hat in zehn Jahren an der Spitze der Tamedia nicht nur sein Unternehmen geprägt, sondern die ganze Medienbranche. (Bild: Keystone)

Martin Kall hat in zehn Jahren an der Spitze der Tamedia nicht nur sein Unternehmen geprägt, sondern die ganze Medienbranche. (Bild: Keystone)

Die Journalistin Margrit Sprecher bezeichnet ihn als einen sparsamen Menschen. In einem Porträt aus dem Jahr 2009 erzählt sie, dass Martin Kall in einem gemieteten Haus wohnt und einen Kleinwagen fährt. Dass er sich zuerst einen Gratis-Parkplatz sucht, bevor er ins Parkhaus einbiegt. Dass er Verhandlungen lieber in Autobahnraststätten führt als in der edlen Zürcher «Kronenhalle». Und dass er die zeremoniellen Anlässe seiner Branche meidet – ausser wenn er selber referieren muss, was er aber ganz gern seinem Verwaltungsratspräsidenten Pietro Supino überlässt.

Viel bewegt in zehn Jahren

Mit anderen Worten: Margrit Sprecher schildert den aus Nordrhein-Westfalen stammenden, mit einer lebhaften Westschweizerin verheirateten Martin Kall als einen ganz untypischen Vertreter der Schweizer Medien. Das ist er auch heute noch, zehn Jahre nachdem er bei Tamedia das Zepter übernommen hat. Auf Ende des Jahres verlässt der bald 52-Jährige seinen Posten, auf dem er viel bewegt hat.

Man kann diese Veränderung in jenen Zahlen beschreiben, die Kall so liebt: Der Umsatz von Tamedia ist in seiner Zeit von 640 Millionen Franken auf 1,1 Milliarden gestiegen. Tamedia hat mit der Gratiszeitung «20 Minuten» diesen Teil des Marktes erfolgreich besetzt und sich mit Akquisitionen zunächst in Richtung Bern, dann in die Westschweiz ausgedehnt.

Mit Drohgebärden hat Kall meist erreicht, was er erreichen wollte. Und manchmal auf eine etwas martialische Rhetorik zurückgegriffen, die im Gegensatz steht zu seinem eher leisen und oft ausgesprochen charmanten Auftreten. Margrit Sprecher nennt ihn denn auch den «Feldherr der Schweizer Medienszene», der Publizist Kurt W. Zimmermann beschreibt ihn als einen «Brandstifter», fügt aber in der «Weltwoche» bei: «Vielleicht bist du auch nur ein Brandbeschleuniger.» Doch was auch immer er ist, Kall hat Sinn für Ironie. Als zwei Journalisten der «NZZ am Sonntag» ihm vorhalten, er verbreite Angst und Schrecken, wo immer er hinkomme, sagt Kall nur: «Ich hoffe, nicht bei Ihnen. Sie sehen nicht so aus.»

Das Gesellenstück

Kall hat den Strukturwandel der Schweizer Medien entscheidend vorangetrieben, aus der Einsicht heraus, dass «die heutige Zeit eine Vielfalt kleiner unabhängiger Tageszeitungen nicht mehr zulässt». Er hat die Chancen der Gratiszeitungen erkannt und mit der Planung eines Konkurrenzprodukts das erfolgreiche «20 Minuten» in seine Hand gebracht. Das war das Gesellenstück, dem viele weitere Schritte folgten.

Ans Werk ging Kall dabei sehr unsentimental. Er trennte sich umstandslos von Produkten, die keine Rendite erbrachten – oder auch von Mitarbeitern. «Unsere Branche ist sich das Sparen nicht gewohnt», sagte er. «Über rund dreissig Jahre hinweg ging es immer aufwärts.» Seit einiger Zeit aber stockt der Motor. Inserateeinnahmen brechen ein, Leser wandern ab, im Internet floriert eine Gratiskultur.

Ein Verlangen nach Vertiefung

Wie das noch enden wird, das weiss Kall selber auch nicht. An das Überleben der Zeitungen glaubt er. Warum sonst hätte er Tamedia derart abhängig gemacht von dieser Sparte? Kein Medium habe je ein anderes vollständig ersetzt, sagt er, die Schnelligkeit des einen Mediums schaffe das Verlangen nach Inhalten, die anders vermittelt werden – in Form der gedruckten Zeitung.

Rolf App