In Coronazeiten mit Karte zahlen: Gut für die Gesundheit, schlecht fürs Servicepersonal

Das kontaktlose Bezahlen ist einfach und boomt in der Coronazeit – dabei geht aber der Zustupf fürs Servicepersonal verloren.

Frederic Härri
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Kontaktlos bezahlen in Restaurants ist ziemlich praktisch. Der Gast hält seine Debit- oder Kreditkarte ans Terminal, und ein Signalton gibt Bescheid: Die Rechnung ist beglichen. Kein zusätzliches Eintippen nötig. Wegen der Coronakrise wurde die «Contactless»-Limite sogar von 40 auf 80 Franken erhöht, also lag zum Essen sogar noch das eine oder andere Bier mehr drin. Was für den Konsumenten angenehm ist, hat aber Folgen für das Servicepersonal: Das kontaktlose Bezahlen geht derart zügig vonstatten, dass dabei gerne mal das Trinkgeld vergessen wird.

Da kontaktloses Bezahlen beliebter wird, entgeht den Gastromitarbeitern immer mehr Trinkgeld, berichtete das SRF-Konsumentenmagazin «Espresso» diese Woche. Dabei spielt auch Bequemlichkeit eine Rolle: Wer bar bezahlt, rundet in der Regel auf den nächsten oder übernächsten Franken auf. Wer stattdessen seine Karte hinhält, der greift danach nicht noch einmal ins Portemonnaie und klaubt sein letztes Münz hervor.

Kontaktloses Bezahlen wird also gewissermassen zum Trinkgeldkiller. Aber auch die Kartenzahlung mit PIN-Eingabe bringt Komplikationen mit sich, erzählt Angela Thiele, die für die Gewerkschaft Unia für das Gastgewerbe im Graubünden zuständig ist. Vor der PIN-Eingabe im Kartenterminal könne man grundsätzlich einen gewünschten Trinkgeldbetrag erfassen. Kunden seien es sich allerdings gewohnt, direkt ihren PIN einzutippen. «Häufig entstehen dann Trinkgelder im sechsstelligen Bereich, je nach Länge des PINs», sagt Thiele. Die Konsequenz: Das Personal muss die Zah- lung stornieren. Das dauert ­lange, und deshalb wird für ­gewöhnlich im Vorhinein auf die Trinkgeldfunktion ver­zichtet.

«Der Gast entscheidet, wie viel und wem er etwas gibt»

Im Schweizer Gastgewerbe ist das Trinkgeld seit 1974 im Preis inbegriffen. Was Restaurant- und Hotelgäste drauflegen, nennt man «Overtip». Dieser sei eine freiwillige Angelegenheit, schreibt eine Sprecherin von Gastro Suisse, dem Arbeitgeberverband der Hotellerie und Gastronomie, auf Anfrage. Das heisst: «Der Gast entscheidet selber, ob er etwas geben möchte, und wenn ja, wie viel und wem.»

Grundsätzlich seien Trinkgelder weder dem Lohn gleichzusetzen noch seien sie Bestandteil davon. Doch reicht dem Servicepersonal denn ein Lohn ohne Trinkgeld zum Leben? «Die Mindestlöhne im Gastgewerbe sind bescheiden», meint Angela Thiele dazu. Die Angestellten seien froh, wenn sie sich mit dem Trinkgeld ihr Einkommen aufbessern könnten. Die Gewerkschafterin fordert wie die ganze Unia höhere Löhne für die Gastrobranche. Gastro Suisse antwortet: «Der Landes-Gesamtarbeitsvertrag garantiert faire, marktgerechte Anstellungsbedingungen gemäss den wirtschaftlichen Möglichkeiten unserer Branche.»