Der Swiss drohen wegen des Corona-Virus «Geisterflüge»

Eine EU-Regel zwingt Airlines, auch Flüge ohne Passagiere durchzuführen. Nun reagiert die Branche. Die Lage ist ernst, warnt sie.

Stefan Ehrbar und
Benjamin Weinmann
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Eine EU-Regel besagt: Airlines müssen 80 Prozent der Flüge durchführen, sonst verlieren sie die entsprechenden Lande- und Startrechte.
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Diese sogenannten Slots würden dann wieder in den Verkauf gelangen. Wegen des Corona-Virus müssen nun aber viele Airlines Flüge stornieren.
Die Regel hätte zur Folge, dass die Airlines auch Flüge mit wenigen oder ohne Passagiere durchführen müssen, um die Slots nicht zu verlieren.
Davon ist auch die Swiss betroffen. Die Branche verlangt nun von der zuständigen EU-Kommission, die Regel temporär auszusetzen.

Eine EU-Regel besagt: Airlines müssen 80 Prozent der Flüge durchführen, sonst verlieren sie die entsprechenden Lande- und Startrechte.

Keystone

Sie sind das Gold der Aviatik-Branche: Die Slots. Fluggesellschaften reissen sich jeweils um die besten Start- und Landerechte, um ihren Passagieren möglichst gute Verbindungen anbieten zu können. Doch nun wird aus dem Gold plötzlich eine Last. Denn eine EU-Regel besagt, dass die Airlines 80 Prozent ihrer Flüge in einer Saison durchführen müssen, damit sie denselben Slot wieder erhalten. Ist das nicht der Fall, drohen sie ihren Slot an einen Konkurrenten zu verlieren.

Wegen des Corona-Virus werden derzeit reihenweise Flüge abgesagt. Die Lufthansa groundet ihre A380-Flotte, die Swiss streicht bis zu 50 Prozent ihrer Flüge. Neue Stellen sind kein Thema und den Erstflug nach Washington D.C. musste die Lufthansa-Tochter ­verschieben. Zuletzt hat auch United angekündigt, eine neue Verbindung von Chicago nach Zürich einen Monat später aufzunehmen. Der Branche drohen Milliardenverluste. Ein Ende des Tiefflugs ist nicht in Sicht. Streicht die Swiss jeden zweiten Flug, heisst das aber auch, dass sie ihre Slot-Verpflichtungen nicht erfüllen wird.

«Es sollte klar sein, wie ernst die Lage ist»

Die Regel hat bereits dazu geführt, dass Airlines in Europa Geisterflüge durchführen, wie die britische «Times» berichtete. Sie fliegen ohne Passagiere von einer Destination zur anderen, nur um ihren Slot nicht zu verlieren, und verbrennen somit Unmengen an Kerosin ohne wirtschaftlichen Nutzen. Ein Swiss-Sprecher sagt, bisher habe man noch keine solchen «Geisterflüge» durchführen müssen. Aber: «Die sogenannte 80/20-Praxis betrifft alle Airlines und somit auch die Swiss.»

Verkehrspolitiker Thomas Hurter, der den Aviatik-Branchenverband Aerosuisse präsidiert, hat für eine rigide Handhabung der Regel kein Verständnis: «Es wäre äusserst fragwürdig, wenn man die Airlines aufgrund der geltenden Regelung zwingen würde, leere Flüge durchzuführen», sagt der SVP-Nationalrat. «Wenn die Swiss bis zu 50 Prozent ihrer Flüge streichen muss, sollte jedem klar sein, wie ernst die Lage ist.» Es gehe nun darum, konstruktive Lösungen zu finden, damit die Branche nicht komplett zum Erliegen komme.

Tatsächlich hat die Branche nun reagiert. In der Schweiz ist die Slot Coordination Switzerland zuständig für die Start- und Landerechtvergabe. Die europäische Vereinigung der Slot-Koordinatoren, in der auch die Schweiz Mitglied ist, hat bei der zuständigen EU-Kommission gestern beantragt, die 80-Prozent-Regel vorerst bis Ende Juni auszusetzen, wie Peter Dellenbach von der Slot Coordination Switzerland zu CH Media sagt. Die Kommission dürfte in den nächsten Tagen entscheiden. Nach dem Verdikt der EU richten sich auch Grossbritannien und die Schweiz. «Im Mai würde dann erneut entschieden, ob es eine Verlängerung der Aussetzung braucht.» Beim Bundesamt für Zivilluftfahrt heisst es, man unterstütze den Antrag für eine Aussetzung der Regel. Zudem verweist ein Sprecher darauf, dass dies auch schon bei der Sars- und der Bankenkrise der Fall war.

Die Flughäfen wollen, dass möglichst viel geflogen wird

Und wenn die EU die Regel doch nicht temporär ausser Kraft setzt? «Für die Wintersaison, die Ende März endet, dürfte das Corona-Virus in der Schweiz kein Problem darstellen», sagt Dellenbach. «Die Airlines können die Regel für die Wintersaison auch erfüllen, wenn sie im März Flüge annullieren. Zudem können wir Kulanz walten lassen.» Anders sieht es in der kommenden Sommer-Saison aus. «Wir wissen nicht, wie lange uns das Corona-Virus noch beschäftigt», sagt Dellenbach. Fakt ist, dass die Flughäfen im Gegensatz zu den Airlines über eine allzu lange Aufhebung der Regel nicht erfreut sein dürften. Ihnen ist es wichtig, dass möglichst viele Flüge durchgeführt werden.

Ein Alleingang der Schweiz macht laut Dellenbach wenig Sinn: «Es bringt nichts, wenn eine Airline ihren Slot in Zürich behalten kann, aber am Zielflughafen in Europa verliert.» Wie die EU-Kommission entscheidet, ist für die gesamte Branche relevant: «Viele Länder auf der ganzen Welt richten sich an Europa aus», sagt Dellenbach.

Swiss streicht weitere Flüge wegen Coronavirus

Auch die Fluggesellschaft Swiss reduziert ihre Flugaktivitäten wegen des Coronavirus weiter. Die Streckenanpassungen betrifft ab Zürich und Genf das gesamte Kurz- und Mittelstreckennetz sowie auf der Langstrecke die Ziele Tokio, Osaka und Singapur