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«Der schönste Beruf, den es gibt»

Als Christoph Kurer in der Brauerei Schützengarten begann, tranken die Schweizer viel mehr Bier. Trotzdem trauert er diesen Zeiten nicht nach. Nach 36 Jahren in der Geschäftsleitung zieht er sich aus dem operativen Geschäft zurück.
Christoph Kurer: «Eigenständigkeit ist heute ein Verkaufsargument.» (Bild: Hanspeter Schiess)

Christoph Kurer: «Eigenständigkeit ist heute ein Verkaufsargument.» (Bild: Hanspeter Schiess)

Herr Kurer, wie viel Gallus-Bier haben Sie dieses Jahr getrunken?

Christoph Kurer: Das waren schon einige Fläschchen. Ich wechsle aber gerne ab mit unseren Sorten. Ich kann auch nicht sagen, welches mein liebstes Schützengarten-Bier ist. Das wechselt je nach Stimmung und Jahreszeit.

Das Gallus-Bier ist für Schweizer Verhältnisse ein Wagnis.

Kurer: Das stimmt, es ist ein ausgesprochen anderer Typ. Ein Ale, mit einer Hefe aus England vergoren, die auf dem Kontinent kaum verbreitet ist. Ausserdem ist es mit Wacholder gewürzt – zu Gallus' Zeiten fügte man dem Bier ja alle möglichen Kräuter bei. Es scheint sich zu lohnen: Die Leute haben es gern. Wir werden es weiter produzieren.

Wäre so ein Experiment möglich gewesen, als Sie 1971 in der Brauerei anfingen?

Kurer: Nein – das war die Zeit des Bierkartells, es war genau geregelt, was man brauen durfte: Lager Hell und Dunkel, Spezialbier Hell und Dunkel, ein Starkbier.

Was war die beste Zeit für Schweizer Bier?

Kurer: Wenn man nur auf die Menge schaut, wäre es diese Zeit gewesen. 1970 wurde der höchste Bierkonsum in der Schweiz verzeichnet. Damals trank man auf Baustellen und in Fabriken noch Bier. Die Märkte waren geschützt, finanziell lief es gut. Aber dem trauere ich nicht nach. Heute ist der Markt zwar kleiner, aber auch interessanter. Das Bier hat heute mehr Wert.

1992 fiel das Bierkartell, was hat sich seither verändert?

Kurer: Seitdem geht es uns besser! Die Jahre von 1970 bis 1990 waren keine gute Zeit. Der Bierkonsum ging zurück. Wegen des Kartells konnte man nichts bewegen. Schon bald nach dem Kartellende ging es im Schützengarten mit den Bierverkäufen stetig bergauf – überdurchschnittlich

War ein Umdenken nötig?

Kurer: Ja, wir wurden aktiver im Markt, und wir brachten neue Biersorten heraus: Zuerst 1995 das Billwiler, ein Pils. Ein richtiger Hit wurde es noch nicht. Der zweite Versuch, das St. Galler Klosterbräu ist heute noch unsere erfolgreichste Spezialität.

Viele Brauereien gingen dagegen ein oder wurden aufgekauft.

Kurer: Das Brauereisterben setzte schon vor dem Fall des Kartells ein, vor allem bei den Kleinen. Sie wurden eingestellt oder übernommen. 1971 gab es 58 Brauereien, 1991 noch 24. 1970 waren wir die Nummer 13 in der Schweiz. Die zwölf, die damals grösser waren als wir, sind alle nicht mehr selbständig.

Warum haben Sie da nicht mitgemacht?

Kurer: Uns ging es gut, so wie wir waren und es heute noch sind. Die Eigenständigkeit ist heute ein Verkaufsargument. Das regionale Bewusstsein ist für uns eine Chance. Die grossen Brauereien haben nach ihren Zusammenschlüssen massiv an Marktanteil verloren. Kleine und mittlere Brauereien haben sich hingegen positiv entwickelt.

Und es kamen viele neue dazu.

Kurer: Das ist die neuste Entwicklung. Heute gibt es 350 biersteuerpflichtige Brauereien. Rund 40 davon produzieren 1000 Hektoliter und mehr im Jahr. Zu den anderen gehören viele, die in der Waschküche ein paar Hektoliter brauen.

Sind diese kleinen und kleinsten für Sie eine Konkurrenz?

Kurer: Rein mathematisch gesehen geht natürlich jeder Liter, den sie verkaufen, bei jemand anderem weg. Andererseits ist es für mich als Bierbrauer sehr schön zu sehen, wie Bier interessant wurde und wie man zu lokalen Bieren steht. Es belebt das Bier.

Will Schützengarten eine regionale Brauerei bleiben?

Kurer: Eine Brauerei von unserer Grösse ist drauf angewiesen, in der Bevölkerung verankert zu sein. Wir haben ein klares Absatzgebiet. Es geht im Westen bis nach Zürich, dort entwickeln wir uns sehr gut. In der Stadt schenken 250 Restaurants unser Bier aus.

Wie wichtig ist Gastgewerbe noch für ein regionales Bier?

Kurer: Mittlere und kleine Brauereien setzen höhere Anteile im Gastgewerbe um als die Grossen. Aber das Gastgewerbe ist seit Jahren rückläufig. Es hat sich stark gewandelt – Beizen mit Stammtischen werden seltener, auch der Alkoholkonsum in den Restaurants hat sich verändert. Zum Glück ist es uns in den letzten Jahren gelungen, den Rückgang im Gastgewerbe im Detailhandel wettzumachen.

Wie wichtig sind neue Sorten?

Kurer: Wir wollen eine innovative Brauerei sein. Andererseits gibt es kaum wirklich neuartige Biere. Ziel ist es, alle zwei Jahre etwas Neues zu bringen. Vor zwei Jahren gelang uns das mit dem obergärigen Weissen Engel, oder jetzt mit dem Gallus-Bier. Man könnte auch andere ausgefallene Biere brauen. Sie müssen aber schon dem Geschmack einer gewissen Menge von Leuten entsprechen.

Sie treten nun von der Geschäftsleitung zurück und bleiben Verwaltungsratspräsident. Gibt es in der Familie schon einen Nachfolger?

Kurer: Meine Söhne sind in Ausbildung und es sieht nicht so aus, wie wenn jemand direkt darauf zustrebt. Das war bei meiner Matur aber auch noch nicht klar. Heute bin ich aber froh, dass ich es gemacht habe. Bierbrauer ist der schönste Beruf den es gibt. Mit einem guten Bier kann man vielen Leuten eine Freude machen.

Interview: Kaspar Enz

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