Dubiose Zahlungen beim Panzer-Deal: Ein Verfahren in Zug gibt Einblicke

Der deutsche Rüstungskonzern Krauss-Maffei Wegmann schweigt über seltsame Provisionszahlungen nach Katar. Im Zuger Kantonsgericht wurde nun mehr über den Empfänger bekannt.

Christopher Gilb, Sönke Iwersen, Martin Murphy und Lars-Marten Nagel
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Leopard-2 bei einem Nato-Manöver. 62 dieser Panzer bestellte Katar bei der 
deutschen Waffenschmiede Krauss-Maffei-Wegmann. (Bild: Getty, Zagan, 12. Juni 2019)

Leopard-2 bei einem Nato-Manöver. 62 dieser Panzer bestellte Katar bei der 
deutschen Waffenschmiede Krauss-Maffei-Wegmann. (Bild: Getty, Zagan, 12. Juni 2019)

Es ist ein warmer Oktobermorgen, an dem vor dem Kantonsgericht Zug bisher geheime Details eines zwei Milliarden Euro schweren Rüstungsgeschäfts erörtert werden. Wenn es stimmt, was ein Jurist vorträgt, bezahlte der deutsche Panzerhersteller Krauss-­Maffei Wegmann rund 100 Millionen Euro, um die Bestellung von 62 Leopard-Panzern, 24 Haubitzen und an­derem schweren Gerät zu ergattern. Die Provision in Höhe von fünf Prozent des Gesamtvolumens floss an eine ­Firma mit mächtigen Hintermännern: Kingdom Projects, ansässig in Doha. Ein Gesellschafter der Kingdom Projects soll Scheich Ahmed Nasser al-Thani sein, ein Brigadegeneral und stellvertretender Stabschef des katarischen Militärgeheimdienstes.

Damit steht ein böser Verdacht im Raum. Schmierte Krauss-Maffei Wegmann einen katarischen General? Das Unternehmen weist solche Vorwürfe von sich. Unbestritten ist der Einfluss von Al-Thani. Er ist Teil der Familie des Emirs und war international umgarnt. Als der deutsche Krauss-Maffei-Konzern seine Leopard 2 nach Katar verkaufen wollte, bot der französische Konkurrent Nexter sein Modell Leclerk an. Die Botschaft ernannte den Scheich während der heissen Vergabephase im Frühjahr 2012 zum «Ritter der Französischen Ehrenlegion». Die Deutschen boten keine Orden, aber Provisionszahlungen. Krauss-Maffei Wegmann erhielt den Auftrag. Mögliche Motive werden nun im Gerichtssaal in Zug besprochen. Die Klage führt ein deutsches Ehepaar, dessen schweizerische Agentur seit Jahrzehnten militärisches Gerät nach Katar exportiert. Beklagt ist ihr früherer Partner in Doha: die Multi Services Company Qatar (MSC-Q).

Ein weiterer General

Bei der Trennung der beiden Geschäftspartner sollen Rechnungen in Millionenhöhe offengeblieben sein (diese Zeitung berichtete). Die schweizerische Agentur möchte deshalb durchsetzen, dass die katarische Firma ihre Bücher offenlegt. Der Anwalt der Katarer jedoch nennt die Auskunftsklage der Deutschen «substanzlos». Krauss-Maffei Wegmann und die Katarer Firma wären gar nicht ins Geschäft gekommen, sagt hingegen der Anwalt des deutschen Ehepaars, wenn seine Mandanten aus dem Kanton Zug dies nicht vermittelt hätten. Er nennt Abläufe, Provisionssätze und Rabatte.

Wie wichtig seine Mandanten für den Rüstungsdeal waren, zeigt das ­Besuchsprogramm einer katarischen Delegation, die 2012 nach Deutschland reiste. Die Offiziere liessen sich den Leopard 2 Panzer sowie die Radfahrzeuge Boxer und Fennek vorführen. Das deutsche Ehepaar ist auf der Teilnehmerliste als «KMW Representative Qatar» verzeichnet. Der gleiche Titel ist an zwei Brüder aus Syrien vergeben: Marar al-Jundi und Labid al-Jundi. Sie führten die Tagesgeschäfte der MCS-Q. Das Kommando hatten aber Katarer. Im Board sass der spätere Ritter der französischen Ehrenlegion Scheich Ahmed Nasser al-Thani. 70 Prozent der MSC-Q gehörten seinem Sohn, 30 Prozent entfielen auf das «Qatar Armed Forces Investment Portfolio», gewissermassen einem Fonds des katarischen Militärs.

Im Direktorium der MSC-Q gab es einen weiteren einflussreichen General: Thani Abdulrahman al-Kuwari. Er diente bis 2013 als Finanzverantwortlicher der katarischen Armee und von 2011 bis 2014 als «Head oft the Tenders and Auction Committee» des Ver­teidigungsministeriums. Al-Kuwari war somit für alle grossen Ausschreibungen verantwortlich. Heute ist er Vize­präsident des Olympischen Komitees in ­Katar. Verhandlungen über Provisionen mit führenden Generälen wären schwer zu rechtfertigen. Das deutsche Wirtschaftsministerium hat klare ­Vorkehrungen gegen die Vergabe von Schmiergeld.

Verdacht auf einen Interessenskonflikt: General  Al-Kuwari bei einer Pressekonferenz in Doha. (Bild: Getty, 2. Mai 2019)

Verdacht auf einen Interessenskonflikt: General Al-Kuwari bei einer Pressekonferenz in Doha. (Bild: Getty, 2. Mai 2019)

Auch die eigenen Compliance-Richtlinien verbieten es Krauss-Maffei Wegmann, Provisionen an Firmen zu zahlen, die unter dem Einfluss von Entscheidungsträgern stehen. Bislang behauptete Krauss-Maffei Wegmann, seine Partner vor Ort mithilfe einer lokalen Kanzlei geprüft zu haben. Auffälligkeiten seien nicht gefunden worden. Die Nachfrage, ob ihre Prüfer tatsächlich übersahen, dass bei den Verhandlungspartnern MSC-Q und Kingdom Projects der ehemalige Finanzchef der Armee und der stellvertretende Stabschef des Militärgeheimdienstes wichtige Rollen spielten, liess KMW unbeantwortet.

Fünf Prozent Provision, zehn Prozent Rabatt

Im Gerichtssaal in Zug sprudeln die Informationen ohne Unterlass. Der Anwalt der Klägerseite führt aus, die Al-Jundi-Brüder und die Generäle bei der MSC-Q hätten die Provision auf 10 Prozent hoch verhandelt. Doch Provisionen von mehr als drei Prozent halten deutsche Staatsanwälte in der Praxis für unangebracht. Selbst in der Rüstungsbranche sind derartige Zahlen ungewöhnlich. «Zweistellige Prozentzahlen bei einem Milliardendeal sind nicht zu rechtfertigen», sagt ein Branchenvertreter.

Die Höhe der Provision für den Vermittler des Geschäfts fiel offenbar auch dem Käufer auf. Branchenkenner unken, die katarische Armee habe sich übervorteilt gefühlt und ihrerseits einen Rabatt eingefordert. Fest steht, dass Vermittlungsarbeit und Provisionsansprüche plötzlich von der MSC-Q an die Kingdom Projects übergingen. Beide Firmen residierten im gleichen Gebäude. Scheich Al-Thani war laut dem französischen Portal «Intelligence Online» als Chairmen und Teileigentümer bei Kingdom Projects wieder mit dabei. Die Al-Jundi-Brüder hielten ebenfalls Anteile.

Wie an der Verhandlung in Zug klar wurde, musste KMW am Ende dem katarischen Militär 10 Prozent Rabatt einräumen und dem katarischen Geschäftsvermittler 5 Prozent Provision, von dem ein Teil weiter in die Schweiz floss. Die Kosten für das Geschäft dürften sich damit auf bis zu 300 Millionen Euro belaufen haben. Ganz abgeschlossen scheint der Deal aber nicht. «Beim Leopard-2-Geschäft stehen heute noch Zahlungen aus», sagt der Anwalt des deutschen Ehepaars in Zug. Das Gericht möge deshalb beschliessen, dass die MSC-Q ihre Buchhaltung vorzeigt. Die Entscheidung dazu wird jedoch frühestens im nächsten Jahr erwartet.

*Dieser Artikel entstand in Kooperation mit dem «Handelsblatt»

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