Der Musterknabe der G-20

Kanada als Gastgeber des G-20-Gipfels vom kommenden Wochenende kann den anderen Teilnehmerländern als Vorbild dienen. Dank vernünftiger Regulierungen sind die kanadischen Banken relativ unbeschadet durch die Krise gekommen.

John Dyer
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Skyline von Toronto. Kanadas Finanzmetropole und fünftgrösste Stadt Nordamerikas empfängt zum G-20-Gipfel. (Bild: pd)

Skyline von Toronto. Kanadas Finanzmetropole und fünftgrösste Stadt Nordamerikas empfängt zum G-20-Gipfel. (Bild: pd)

Boston. «Die Welt wäre gern wie Kanada», betitelte der «Toronto Globe» einen Vorbericht auf das Treffen der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer (G-20). Die Behauptung ist nicht übertrieben, denn das Gastgeberland kann den anderen G-20-Ländern eine modellhaft intakte Wirtschaft vorführen. Das Land hat die weltweite Finanzkrise und Rezession heil überstanden, und es hat dabei die Bürgerrechte und die Sozialleistungen bewahrt, welche die G-20 immer wieder von China und anderen Schwellenländern fordern.

Wirtschaftskraft und Toleranz

«Für Kanada ist dies ein guter Zeitpunkt, die G-20 zu präsidieren, denn die Wirtschaftsleistung des Landes ist etwas, was viele Länder kopieren möchten», sagte der kanadische Premierminister Stephen Harper diese Woche. Das Land des Ahorns, wie Kanada genannt wird, hat einen Bankensektor, der niemals in Versuchung geriet, zu viel Auslandkapital aufzunehmen, es hat eine starke konsumorientierte Wirtschaft, stetige Zuwanderung und grosse natürliche Ressourcen bis hin zum Ölsand, der bei der Ausbeutung so lukrativ wie umweltschädlich ist.

In einer Studie des Historica-Dominion Institute, die der «Toronto Globe» veröffentlicht hat, geben die Hälfte der in zwei Dutzend Industrienationen Befragten an, sie würden nach Kanada auswandern, wenn sie könnten. Als Gründe genannt wurden eine Mischung aus Wirtschaftskraft, Toleranz und bürgerlichen Freiheiten. «Kanada ist der Traum vieler Menschen in der ganzen Welt, wie es die USA einst waren», sagte Andrew Cohen, Präsident des Historica-Dominion Institute.

Starkes Wachstum 2010

Das kanadische Bruttoinlandprodukt ist im 1. Quartal 2010 um 6% im vergleich zum Vorjahreszeitraum gewachsen. Für das ganze Jahr wird mit einem Wachstum von 3,5% gerechnet. Rund 300 000 Arbeitsplätze sind in diesem Jahr geschaffen worden – das sind drei Viertel der Jobs, die in der Krise verlorengegangen waren. Der Immobilienmarkt gilt als gesund, auch in Weltstädten wie Montreal, Toronto oder Vancouver.

Der Loonie, wie der kanadische Dollar wegen des eingeprägten Eistauchers (Loon) genannt wird, ist praktisch gleich stark wie der US-Dollar.

«Wir haben die wirtschaftliche Rezession in weniger als einem Jahr überwunden», sagte der kanadische Finanzminister Jim Flaherty in New York. Wann immer er aus dem Ausland nach Hause komme, werde ihm die wirtschaftliche Führungsrolle Kanadas bewusst.

Zwischen den USA und Europa

Auf dem G-20-Gipfel wird Kanada nicht nur durch sein eigenes Beispiel führen können. Denn zwischen den G-8 (die sieben grössten westlichen Industrienationen der G-7 plus Russland) und hier vor allem zwischen den USA und Europa wird es zur Debatte über den US-Wunsch kommen, die Konjunktur mit massiven Ausgaben anzukurbeln – auch durch neue Schulden.

Den Europäern ist aber daran gelegen, ihre Haushaltdefizite abzubauen, um das Vertrauen in den Euro zu sichern.

Von Premier Harper wird erwartet, dass er den G-20-Ländern eine Halbierung ihrer Defizite in den kommenden drei Jahren vorschlägt. Dagegen wird US-Präsident Barack Obama opponieren, während Harper die Europäer auf seiner Seite hat. Die treten allerdings für eine international vereinbarte Bankensteuer ein, wogegen sich Harper wendet.

«Unsere Banken waren besser gemanagt, und wir hatten eine bessere Regulierung», sagte der frühere Premier Paul Martin, der in den 90er-Jahren Kanadas hohe Defizite abgebaut hatte. Harper hat als Konter zur Krise zwar die Defizite kurzfristig ausgeweitet, aber der Währungsfonds (IWF) hat Kanada einen Haushaltüberschuss schon für 2015 prophezeit, als einzigem der G-7-Länder.