"Der Markt ist in einer Stresssituation"

ST.GALLEN. Mit dem Konkurs der US-Bank Lehman Brothers zeigt sich, dass auch Grossbanken nicht "too big to fail" sind. Ein Gespräch mit Wegelin-Geschäftsführer Konrad Hummler über die UBS, Grossbanken und Schweizer Handwerker.

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"Wir erleben derzeit eine komplette Neubewertung der Situation": Konrad Hummler, Geschäftsführer der Privatbank Wegelin. (Bild: Hannes Thalmann)

"Wir erleben derzeit eine komplette Neubewertung der Situation": Konrad Hummler, Geschäftsführer der Privatbank Wegelin. (Bild: Hannes Thalmann)

Herr Hummler, wie gravierend ist der jüngste Sturm an den Börsen?
Konrad Hummler:Der Markt befindet sich in einer Stresssituation. Der September ist die Zeit der Jahresabschlüsse der US-Banken und deshalb traditionell ein heikler Monat. Doch was wir jetzt erleben, ist eine komplette Neubewertung der gesamten Situation. Bisher hat im Markt die Annahme vorgeherrscht, dass eine solche Krise ohne grösseren Konkurs über die Bühne gehen würde. Jetzt setzt sich die Erkenntnis durch, dass gewisse Unternehmen nicht „too big to fail“ sind, sondern vielmehr „too big to rescue“.

Die Konkurswelle könnte also noch weitergehen?
Hummler: Die Probleme bei AIG und Washington Mutual sind offensichtlich. Besonders AIG könnte das gleiche Schicksal ereilen wie Lehman Brothers. Aber ein Versicherungskonkurs wäre eine viel delikatere Übung. Versicherungen sind um einiges komplexer als Banken.

Ist in der Schweizer Bankenwelt ein ähnliches Beben denkbar?
Hummler: Die hiesige Situation ist nicht zu vergleichen mit dem amerikanischen Finanzsystem. Hier haben wir zwei Grossbanken. Jeder zweite Handwerker hat dort ein Guthaben. Deshalb haben diese Banken für die Schweiz eine andere Bedeutung als beispielsweise Lehman Brothers für den amerikanischen Markt. Dazu kommt, dass die UBS erfolgreich neues Kapital beschaffen konnte.

Aber auch hier haben viele Unternehmen stark an Wert verloren.
Hummler:Ja, aber in der Regel parallel zum Gesamtmarkt. So lange ein Unternehmen nicht massiv ausschert, besteht kein Grund zur Besorgnis. Was zählt, ist die Stabilität des Geschäftsmodells.

Also dürfen Privatanleger weiter in Aktien investieren?
Hummler: Auf jeden Fall. Aber Diversifikation ist das oberste Gebot. Das gilt in einer Krise noch viel mehr. Jeder Anleger soll sein Geld quer über alle Anlageklassen und verschiedene Schuldner verteilen. Und ich persönlich halte lieber ein paar Anteile an einer Glacémaschine oder an einem Zementofen als ein Schuldpapier einer Investmentbank.

Wann wird sich die Situation wieder beruhigen?
Hummler: Bis die Situation bereinigt und das Vertrauen wieder hergestellt ist, wird es noch ein bis zwei Jahre dauern.

Interview: Andri Rostetter

Stichwort: "Too big to fail"


"Too big to fail (deutsch: zu gross, um konkurs zu gehen) beschreibt das Phänomen, dass Unternehmen ab einer bestimmten Größe allein aufgrund ihrer Größe vor einem Konkurs geschützt seien. Dies gilt insbesondere für den Bankensektor. "Too big to rescue" bedeutet genau das Gegenteil: Ab einer bestimmten Grösse sind Unternehmen zu gross, um vom Staat gerettet zu werden. (ar)

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