Der kernige Kanadier

Vieles wird sich ändern im Herzen der Londoner City. Dafür ist Mark Carney schon vor Amtsantritt verantwortlich. Sein Gehalt als Leiter der Bank of England wird um rund die Hälfte höher liegen als das des derzeitigen Chefs Mervyn King.

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Mti Mark Carney wird zum ersten Mal in der 318-jährigen Geschichte ein Ausländer Chef der britischen Zentralbank. (Bild: epa/Georgios Kefalas)

Mti Mark Carney wird zum ersten Mal in der 318-jährigen Geschichte ein Ausländer Chef der britischen Zentralbank. (Bild: epa/Georgios Kefalas)

Der kernige Kanadier

Vieles wird sich ändern im Herzen der Londoner City. Dafür ist Mark Carney schon vor Amtsantritt verantwortlich. Sein Gehalt als Leiter der Bank of England wird um rund die Hälfte höher liegen als das des derzeitigen Chefs Mervyn King. Dafür will der 47-Jährige nur halb so lang im Amt bleiben wie seine vier Vorgänger, die es auf jeweils zehn Jahre brachten. Carney erhält deutlich mehr Verantwortung: Der neue Gouverneur ist nicht mehr nur für die Zinspolitik im Vereinigten Königreich zuständig, ihm fällt auch wieder die Aufsicht zu über den wichtigsten Finanzplatz der Welt.

Grossbritannien braucht den Besten

Vor allem aber übernimmt zum ersten Mal in der 318jährigen Geschichte ein Ausländer den enorm wichtigen Chefposten: Carney ist Kanadier. «Grossbritannien braucht den Allerbesten», begründete Finanzminister George Osborne seinen Überraschungscoup im Unterhaus. Monatelang hatte der Konservative den derzeitigen Chef der kanadischen Zentralbank über den grossen Teich zu locken versucht, zuletzt beim Treffen der G20-Finanzexperten in Mexiko. Dessen Vorbehalte sollen vor allem im Privaten gelegen haben: Carneys Frau, eine englische Ökonomin, und die vier Töchter fühlen sich in Ottawa sehr wohl. Andererseits gibt es kaum eine reizvollere Aufgabe für die Generation «ehrgeiziger, international ausgerichteter Zentralbanker mit Markt-Orientierung». Er gehe immer gern dorthin, wo «die grösste Herausforderung» ist – ein zweischneidigeres Kompliment hätte der frühere Eishockeyspieler und Heavy-Metal-Fan seinem neuen Arbeitgeber kaum machen können.

Tatsächlich übernimmt der kernige Kanadier eine mächtige, aber auch im Kern verunsicherte Institution. Unter Kings professoraler Führung liess die Bank of England dem Finanzplatz viel zu lang freie Hand und zeigte im globalen Crash grosse Unsicherheit. Die Rettung insolventer Finanzunternehmen wie Royal Bank of Scotland und Lloyds bugsierte der damalige Premier Gordon Brown weitgehend an King vorbei. Unter der konservativ-liberalen Koalition hat der Gouverneur brav immer neues Geld gedruckt, 375 Milliarden bisher. In der Realwirtschaft merkt man davon wenig: Das Wachstum stottert, die Inflation liegt mit 2,7 Prozent dauerhaft über der angestrebten Zwei-Prozent-Marke, die Arbeitslosenquote verharrt bei 7,8 Prozent.

Der neue Mann wird die übermässig hierarchische Struktur der Bank of England aufbrechen, über die sich gerade viele Angestellte beklagten. Ändert er auch ihre makro-ökonomische Sichtweise, fasst er die «Casinobanker» der City härter an?

Schon jetzt «Untertan der Queen»

Carney hat das Finanzsystem kritisiert, «in dem Gewinne privatisiert und Verluste verstaatlicht» werden. Nach Studium und Doktortitel arbeitete er in Harvard und Oxford erst einmal 13 Jahre bei der legendären Geldmaschine Goldman Sachs, ehe er sich zum Zentralbanker umschulte. Linke Ökonomen befürchten deshalb, es werde sich wenig ändern. Finanzminister Osborne, die Koalition, aber auch die Labour-Opposition sind hingegen begeistert. Nicht einmal die Nationalität des neuen Mannes wird kritisiert. Erstens wolle Carney die britische Staatsbürgerschaft annehmen, beteuert Osborne. Und als Kanadier sei er immerhin schon jetzt «Untertan der Queen».

Sebastian Borger, London

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