Der Internet-Robinson

Ein Franzose hat vierzig Tage auf einer einsamen Insel verbracht, um zu beweisen, dass man auch von dort aus ein Unternehmen leiten kann. Er heisst Gauthier Toulemonde, was auf Deutsch übertragen so viel bedeutet wie Walter Jedermann.

Stefan Brändle, Paris
Drucken
Teilen
Gauthier Toulemonde (Bild: Web Robinson)

Gauthier Toulemonde (Bild: Web Robinson)

Ein Franzose hat vierzig Tage auf einer einsamen Insel verbracht, um zu beweisen, dass man auch von dort aus ein Unternehmen leiten kann. Er heisst Gauthier Toulemonde, was auf Deutsch übertragen so viel bedeutet wie Walter Jedermann.

Doch der 54jährige Publizist aus Roubaix (Nordfrankreich) ist nicht jedermann. Vielmehr war er es leid, wie so viele Erdenbürger die meiste Zeit seines Lebens am Bürotisch zu verbringen – und schritt zur Tat.

Über eine weite Distanz

Mit vier Sonnenkollektoren, dazu Computer, Tablet und Satellitentelefon setzte er sich nach Indonesien ab und liess sich dort auf einer kleinen unbewohnten Insel aussetzen – fünf Bootsstunden von der Zivilisation entfernt. «Ziel war es, die Heimarbeit über eine weite Distanz und mit erneuerbaren Energien zu testen», erklärte der Herausgeber einer Philatelie- und einer Immobilienzeitschrift.

Der Anfang war nicht leicht, der Komfort dürftig. Viel mehr als eine Hängematte, ein Zelt zum Bedecken der Elektronik und ein paar Utensilien hatte der Internet-Robinson nicht dabei. Am Anfang fegten zudem Tropenstürme über das 500 × 700 Meter grosse Eiland vor Sumatra. «Erst da wurde mir bewusst, dass ich völlig von der Natur abhing», erzählt Toulemonde, um einige Erfahrungen reicher und 14 Kilogramm leichter. «Das Schlimmste war der Hunger», erzählte er dem Regionalblatt «La Vox du Nord». «Das nächste Mal erkundige ich mich vorher, welche Fische man essen kann.»

Mühsam waren auch die Giftschlangen, Riesenspinnen, Ratten, Mücken und die Kokosnüsse. Letztere fallen auch im Tropenparadies ohne jede Vorankündigung zu Boden. «Sie können einen Mann erschlagen», lernte der Franzose, der sich nur noch mit einem zusammengeknüllten Badetuch auf dem Schädel in den Palmenhain wagte.

Und daneben wollte auch die Arbeit erledigt sein. Der Chef hatte täglich Kontakt zu seinen Mitarbeitern, meist per E-Mail, selten per Telefon. «Unsere Beziehung war persönlicher als zuvor, trotz der Distanz und des sechsstündigen Zeitunterschieds», merkte Toulemonde, der die Abschlussredaktion leitete und selber Beiträge beisteuerte.

Ungeahnte Fähigkeiten

Der Robinson-Patron-Franzose lernte auch viel über sich selbst: «Es war nicht leicht, ich verletzte mich, ertrank fast und hatte einmal unhöfliche Besucher, die mich fast vermöbelten. Dass ich ruhig blieb, rettete mich. Ich lernte Situationen meistern, mit denen ich noch nie konfrontiert war, und entdeckte Fähigkeiten in mir, die ich bisher nie benutzt hatte.»

Nachträglich hält Toulemonde das Experiment für geglückt. Zur Testbestätigung plant er sein nächstes Homeoffice, diesmal im Pazifik. Die Angestellten sollen dem Vernehmen nach nichts einzuwenden haben, dass der Chef noch einmal ausser Haus arbeiten will.