Der hohe Preis des billigen Erdöls

Der Zerfall des Erdölpreises reisst ein riesiges Loch in den Haushalt Saudi-Arabiens. Die steinreichen Scheichs müssen sparen. Das könnte soziale Unruhen zur Folge haben. Einen Ausweg böte eine stärkere Diversifizierung der Wirtschaft oder eine Drosselung der Ölproduktion.

Adrian Lobe
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Der Kingdom Tower soll 1007 Meter hoch werden und 210 Etagen haben. Das Fundament wird 60 Meter tief in den Boden gegossen. (Bild: Visualisierung: pd)

Der Kingdom Tower soll 1007 Meter hoch werden und 210 Etagen haben. Das Fundament wird 60 Meter tief in den Boden gegossen. (Bild: Visualisierung: pd)

RIAD. In Saudi-Arabien entsteht derzeit das höchste Hochhaus der Welt. 1007 Meter soll der Kingdom Tower in Jiddah in die Höhe ragen, ein Leuchtturm des Fortschritts, der den Glanz der saudischen Herrscherfamilie in den ganzen Orient ausstrahlen soll. Doch das megalomane Projekt mutet schon vor seiner geplanten Fertigstellung im 2019 wie ein Turmbau zu Babel an. Denn den Auftraggebern könnte schon bald das Geld ausgehen. Grund ist der rapide Ölpreiszerfall, der ein riesiges Loch in den saudischen Haushalt gerissen hat. Bis Ende Jahr beläuft sich das Defizit laut einer Projektion des Internationalen Währungsfonds (IWF) auf 20% des Bruttoinlandprodukts. Aus dem Export von Rohöl speisen sich fast alle Einnahmen (2014: 279 Mrd. $). Zwar verfügt der weltgrösste Ölexporteur über genügend Reichtümer sowie Währungsreserven (600 Mrd. $), doch der IWF ist alarmiert. Die Ratingagentur Standard & Poor's hat im Oktober die Kreditwürdigkeit Saudi-Arabiens auf A+ herabgestuft. Jetzt könnte sich rächen, dass die Wirtschaft zu wenig diversifiziert ist.

Ölschwemme drückt den Preis

Die Ironie dabei ist, dass die Scheichs diese Entwicklung zum Teil selbst befeuert haben. Anstatt wie bisher in konjunkturellen Krisen die Fördermenge zu drosseln, hat das Land zuletzt den Ölhahn kräftig aufgedreht. Bis zu 9 Mio. Fass Öl pro Tag warfen die Saudis zeitweise auf den übersättigten Markt, um einerseits der US-Frackingindustrie, die hohe Weltmarktpreise zur Profitabilität benötigt, das Wasser abzugraben, zum anderen, um die Geldsorgen Irans, des ärgsten regionalen Rivalen, zu verschärfen. Gleichwohl: Mit dem Preiskampf scheinen sich die Saudis selbst zu schaden.

Mehrheit in Staatsdiensten

Für einen ausgeglichenen Haushalt benötigt Saudi-Arabien laut Schätzung von Analysten einen Rohölpreis von 100 $ pro Fass. Das ist angesichts der derzeitigen Lage auf dem Weltmarkt mit einem Preis von 43 $ unrealistisch. Zumal Iran nach der Aufhebung der Sanktionen die Fördermenge erhöhen wird. Das Problem ist, dass das Regime in Riad kaum finanziellen Spielraum hat. Die grosse Mehrheit der saudischen Beschäftigten arbeitet im öffentlichen Dienst oder in einem der grossen staatlichen Betriebe wie dem Ölkonzern Aramco. Im Privatsektor sind hauptsächlich geringqualifizierte Gastarbeiter aus Bangladesh beschäftigt. Ein Beamter verdient laut «Wall Street Journal» im Schnitt umgerechnet 2000 $ im Monat, gut das Doppelte wie in der Privatwirtschaft. Und die Staatsdiener wollen freilich weiter alimentiert werden.

Staat lebt über die Verhältnisse

Saudi-Arabiens neuer König Salman hat zu seinem Amtsantritt über 31 Mrd. $ Prämien und Boni an Beamte ausgeschüttet. Seit Beginn des Arabischen Frühlings 2011 hat das Regime zudem seine Subventionen massiv ausgebaut. Strom, Wasser und Benzin werden in Saudi-Arabien grosszügig subventioniert. Ein Liter Bleifrei kostet 15 Cents. Mit Wohltaten statt Reformen erkauft sich das Königshaus die Loyalität seiner Untergebenen. Doch es ist ein brüchiger Pakt, denn unter der Oberfläche brodelt es. Die schiitische Minderheit fühlt sich diskriminiert und schikaniert. Salafisten wiederum geht die ultrakonservative Staatsreligion des Wahhabismus nicht weit genug. Das Regime regiert mit brutaler Härte. Im Norden (Irak, Syrien) und Süden (Jemen) toben zudem Kriege, in die das Land mittelbar und unmittelbar verwickelt ist. Um den Militäreinsatz in Jemen gegen die Huthi-Rebellen zu finanzieren, hat das Regime bereits im Januar 26 Mrd. $ Währungsreserven angezapft. Angesichts des dramatischen Rückgangs der Erdöleinnahmen muss das Königshaus neue Einnahmequellen erschliessen. Die Einführung einer Handänderungssteuer oder Mehrwertsteuer scheint nicht mehr ausgeschlossen.

Angespannter Arbeitsmarkt

Pascal Devaux, Analyst der Bank BNP Paribas, sagt: «Der budgetäre Handlungsspielraum ist begrenzt. Die Verteilung der Erdölrenten in Form von Subventionen, Stellen im öffentlichen Dienst und kostenlosem Zugang zur Vorsorge ist Teil des Sozialvertrags in Saudi-Arabien. Steuern erhöhen oder Transferleistungen senken würde heissen, dieses Modell aufzukündigen. Und das könnte negative soziale Folgen haben.» Devaux glaubt daher nicht an ein Sparprogramm. Gleichwohl sei der Rückgriff auf Schulden und Währungsreserven über 2020 hinaus nicht tragbar. «Die starke Erhöhung öffentlicher Ausgaben ist ein Zeichen steigenden sozialen Drucks.» Dieser ist umso höher, als jedes Jahr 400 000 junge Menschen auf den Arbeitsmarkt drängen. Das Wirtschaftswachstum von derzeit 3,5% reicht laut IWF nicht aus, um alle Menschen in Lohn und Arbeit zu bringen. Die Jugendarbeitslosigkeit der bis zu 25-Jährigen liegt schon jetzt bei 30%.