Der Herr über das Öl ist tot

Mit Marc Rich ist einer der umstrittensten Geschäftsleute der westlichen Welt gestorben. Er verdiente Milliarden mit dem Handel von Rohstoffen, baute den Handelsriesen Glencore auf und machte die Schweiz zur Drehscheibe der Branche.

Steffen Klatt
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Marc Rich, Rohstoffhändler und Stiftungsgründer, ist im Alter von 78 Jahren in Luzern gestorben. (Bild: ky/Urs Flüeler)

Marc Rich, Rohstoffhändler und Stiftungsgründer, ist im Alter von 78 Jahren in Luzern gestorben. (Bild: ky/Urs Flüeler)

ZÜRICH. Dieser Mann hat polarisiert wie wenige andere. Rudolph Giuliani, der New Yorker Staatsanwalt und spätere Bürgermeister der Stadt, wollte ihn 1983 für 300 Jahre in Gefängnis bringen. Er warf ihm Steuerhinterziehung und illegalen Handel mit Iran vor. Bill Clinton begnadigte ihn dann 2001 am letzten Tag seiner Amtszeit als Präsident. Die Begründung: Es seien ja wohl keine Verbrechen gewesen, die er begangen habe.

Da war Marc Rich freilich nur noch eine Legende seiner selbst. Denn schon 1993 hatte er sein Reich verloren, von seinen Managern aus dem Unternehmen gedrängt. Doch die neue Führungsriege um den Südafrikaner Ivan Glasenberg und den Deutschen Willy Strothotte konnte sich auch nachher lange hinter dem schillernden Gründer verstecken; der Rohstoffhändler Glencore blieb nach Richs Abgang weit unter der Wahrnehmungsgrenze der Öffentlichkeit. Erst als Glencore 2011 an die Börse ging, musste das Unternehmen Zahlen vorlegen. Inzwischen ist es mit einem Umsatz von 214 Mrd. $ der grösste Rohstoffhändler der Welt.

Spotmarkt für Öl erschaffen

Angefangen hatte es im Jahr 1974 mit der Marc Rich + Co AG, in Zug von vier Partnern gegründet. In einer Welt, in der die Ölversorgung von den grossen westlichen Ölförderern beherrscht wurde, stieg das neue Unternehmen rasch zum grössten unabhängigen Ölhändler auf. Rich schuf auf diese Weise den heutigen Spotmarkt für Öl. Sein Biograph Daniel Ammann nannte ihn später «The King of Oil».

Weitere Rohstoffe kamen hinzu. Und bald ging Rich noch einen Schritt weiter: 1990 kaufte er die Südelektra und baute das Unternehmen zu einem Bergbaukonzern um. Nach seinem Abgang wurde Xstrata an die Börse gebracht. Im vergangenen Jahr hat Glencore es nach einem langen Übernahmekampf wieder unter seine Kontrolle gebracht.

Rich ging dorthin, wohin sich andere nicht wagten. Gezielt brach er dabei Tabus und Sanktionen. Sowjetisches Öl für den Apartheidstaat Südafrika? Kein Problem, solange es sich für ihn und seine Kunden lohnte. Iranisches Öl für Israel? Das war schon unter dem Shah so und auch noch nach dessen Sturz unter dem neuen Regime von Ayatollah Chomeini.

Ausgerechnet dieses Geschäft, eigentlich zum Wohle des im Nahen Osten isolierten Staates Israel in die Wege geleitet, wurde ihm in New York zum Verhängnis. So anrüchig seine Geschäfte für Aussenstehende waren, so sehr konnten sich seine Geschäftspartner auf Rich verlassen. Seine Verträge und Abmachungen waren auf Dauer angelegt. Davon konnten später noch seine Nachfolger profitieren.

Geboren wurde Marcell David Reich 1934 in Antwerpen, ein Sohn deutschsprachiger Juden, die aus dem Dritten Reich hatten fliehen müssen. Sein Vater war seinerseits schon aus der jüdischen Gemeinde von Przemysl in Polen ausgewandert. Der Familie gelang dann noch rechtzeitig die Flucht, bevor die flämische Hafenstadt von den deutschen Truppen besetzt wurde.

Veränderungen zeichnen sich ab

Mitte der 1980er-Jahre wurde es Rich nach der New Yorker Anklage so heiss, dass er sich einen eigenen Sicherheitsberater zulegte. Der Israeli Azulay Avner ist noch heute im Dienst von Rich, er amtiert als Geschäftsführer der Marc Rich Foundation for Education, Culture and Welfare mit offiziellem Sitz in Luzern. Mindestens zweimal soll er eine Entführung in die USA verhindert haben, in den Jahren 1985 und 1992.

Er entschädigt sich mit einem Luxusleben: schöne Frauen, Villen und Wohnungen am Vierwaldstättersee und in St. Moritz, in London und Marbella – Rich kann sich dem Glamour nicht entziehen. Doch die Branche, die er massgeblich mitgeprägt hat, verändert sich. Nicht mehr die Abenteurer von einst bestimmen das Bild, sondern die Manager. Richs Nachfolger in Zug und Genf sind smarte junge Männer, die ihr Geschäft verstehen, kontrollierte Risiken eingehen und die Öffentlichkeit so weit als möglich scheuen.

Branche im Rampenlicht

Vorbei sind wohl auch die Zeiten, in denen mit unsauberen Mitteln Milliarden gescheffelt werden können. Die USA, die EU und mit ein wenig Verzögerung auch die Schweiz versuchen nun Licht in das Dunkel zu bringen. Korruption soll eingedämmt werden, Steuerhinterziehung ebenso.

Die Zeit von Marc Rich ist vorüber. Am Mittwoch ist er 78jährig verstorben. Heute soll er in Tel Aviv beerdigt werden.