Der Flughafen-Zürich-Chef im Interview: «Unsere Erträge sind um 97 Prozent eingebrochen»

Stephan Widrig leitet den grössten Landesflughafen der Schweiz, der zurzeit hauptsächlich leer ist. Im Interview spricht er über die finanziellen Folgen der Corona-Krise - und sagt, weshalb er glaubt, dass künftig trotzdem immer mehr geflogen wird. 

Benjamin Weinmann
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Die Abflug-Anzeigetafel im Terminal 1 in Zürich-Kloten ist dieser Tage praktisch leer.

Die Abflug-Anzeigetafel im Terminal 1 in Zürich-Kloten ist dieser Tage praktisch leer. 

Andy Mueller / freshfocus

Der Bundesrat greift den Airlines unter die Arme. Auch die Landesflughäfen hätten Anspruch auf Staatshilfe. Greifen Sie zu?

Stephan Widrig: Nein, unser Ziel ist es, dass wir aus eigener Kraft durch diese Krise gehen können. Ich begrüsse aber, dass der Bund Überbrückungskredite den Airlines und anderen systemrelevante Luftfahrt-Firmen anbietet, die diese Krise sonst nicht durchstehen könnten.

Der Flughafen Zürich ist derzeit praktisch leer. Ewig können Sie diese Phase nicht aus eigener Kraft stemmen.

Wir sind ein finanziell gesundes Unternehmen, und Stand heute glauben wir, dass wir es ohne staatliche Hilfe schaffen werden. Aber das hängt natürlich davon ab, wie lange der internationale Reiseverkehr stillsteht.

Und wenn er länger stillsteht?

Wir gehen von einer langsamen Erholung in einigen Monaten aus.

Zirka?

Das kann ich schlicht und einfach derzeit nicht sagen. Auch wenn in der Schweiz die Regelungen im Alltag gelockert werden, wird es in der Luftfahrt länger dauern, bis wir zur Normalität zurückkehren. Denn für alle internationalen Destinationen braucht es schliesslich Einreisebewilligungen. Und manchen Ländern in Europa und vielleicht auch den USA steht das Schlimmste erst noch bevor. Die internationalen Reisebeschränkungen werden nicht so rasch verschwinden.

Swiss-Chef Thomas Klühr rechnet mit 75 Prozent des normalen Flugvolumens bis Ende Jahr. Realistisch?

Da wage ich keine Prognose. Die nächsten Monate werden aber nach wie vor stark beeinträchtigt sein von der Krise. Ich hoffe auf eine signifikante Erholung gegen Ende Jahr.

Der Flughafen Zürich ist eine börsenkotierte Firma, an dem der Kanton Zürich zu einem Drittel beteiligt ist. Trotz der Krise wollen Sie eine Dividende auszahlen. Halten Sie an dieser Politik fest?

Dieser Entscheid obliegt der Generalversammlung. Der Verwaltungsrat wird die Anträge für die verschobene Generalversammlung der aktuellen Lage entsprechend überprüfen und dabei auch die heutige Situation und die Entwicklung der betriebswirtschaftlichen Auswirkungen auf unser Geschäft und auf unsere Finanzlage berücksichtigen.

Stephan Widrig, CEO der Flughafen Zürich AG: «Wir sind massiv von der Corona-Krise betroffen.»

Stephan Widrig, CEO der Flughafen Zürich AG: «Wir sind massiv von der Corona-Krise betroffen.»

Alexandra Wey / KEYSTONE

Kommen Sie Ihren wichtigsten Kunden, den Airlines, entgegen?

Wir sind selbst massiv von der Corona-Krise betroffen. Es wird ja gar nicht mehr geflogen. Unsere Erträge sind insgesamt um 97 Prozent eingebrochen.

Es stehen aber zig Flugzeuge in Kloten, die Parking-Gebühren bezahlen müssen.

Das ist ein vernachlässigbarer Betrag. Fakt ist, dass wir die Infrastruktur für die wenigen Flüge, die noch stattfinden, aufrecht erhalten. Für Repatriierungs-, Fracht- oder Ambulanzflüge zum Beispiel. Wir haben ein riesiges Defizit deswegen. Ein Grossteil der Betriebskosten fallen an unabhängig davon, ob drei oder 700 Flüge am Tag stattfinden.

Erwarten Sie für diesen «Service Public» eine Entschädigung durch den Bund?

Falls der internationale Flugverkehr länger stillsteht, dann sollte das geprüft werden. Denn wir stellen eine gewisse Grundversorgung für die Schweiz sicher, wie dies beim öffentlichen Verkehr der Fall ist.

Praktisch alle Geschäfte am Flughafen Zürich und die Restaurants sind geschlossen. Kommen Sie McDonald’s, Sprüngli und den anderen Mietern entgegen?

Ja, wir verzichten  auf die vertraglich geschuldete Mindestmiete bei den Geschäften, die wegen der behördlichen Massnahmen schliessen müssen.

Inwiefern ist Ihr Kommerzkomplex «The Circle» von der Krise betroffen, der dieses Jahr eröffnet werden soll? Haben gewisse Mieter gekündigt?

Die Baustelle läuft weiter. Kündigungen von Mietern gab es keine. Insgesamt ist es hier zu früh für eine Prognose.

Und was ist mit dem Auslandgeschäft, wo der Flughafen Zürich unter anderem in Südamerika Geld investiert hat?

Auch dort sind die Erträge natürlich eingebrochen und wir mussten harte Kostensparmassnahmen durchsetzen. Wie auch im Heimatmarkt, wo wir Kurzarbeit beantragt und diverse Projekte repriorisiert oder auf Eis gelegt haben.

Sie planen einen grossen Neubau des Terminal 1. Bleibt es dabei?

Ja, dieser Neubau beginnt erst in fünf Jahren. Bis dahin sollte die Welt wieder anders aussehen.

Was denken Sie, wie wird diese Krise die Mobilität der Zukunft verändern?

In den nächsten paar Jahren wird der Luftverkehr wohl reduziert bleiben, aber langfristig bin ich überzeugt, dass mehr geflogen wird. Die Welt wird zunehmend global vernetzt, und da wird die Mobilität eine ganz grosse Rolle spielen. Wichtig aber ist, dass wir von den fossilen Energieträgern wegkommen und innovative, umweltfreundliche Lösungen in der Aviatik finden.

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