Der Computer ist mein bester Arbeitskollege

Der Personal Computer im Büro ist schon fast ein Auslaufmodell. In Zukunft entscheiden intelligente Supercomputer über wichtige strategische Entscheide an Verwaltungsratssitzungen.

Philipp Bürkler
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Es ist die klassische Darstellung des Schwarzweiss-Hollywood: Der Chef schreitet konzentriert im Büro von einer Ecke zur anderen und diktiert in erzieherischem Ton seiner Sekretärin einen Brief. Diese tippt die Anweisungen emsig in ihre Schreibmaschine, während der Chef hinter ihr an einer Zigarre zieht, deren Rauch das Büro samt Sekretärin in Nebel hüllt.

Leben im Post-Computer-Zeitalter

Seit den alten Filmszenen hat sich der Büroalltag grundlegend geändert. Der autoritäre Chef und sein blauer Dunst sind genauso aus dem Büro verbannt wie das antiquierte und abwertende Rollenbild der Frau als Tippse. Technologisch wurde die Schreibmaschine spätestens zu Beginn der 90er-Jahre durch einen Personal Computer ersetzt. Auch das gängige Bild des Büroangestellten, der vor einem Personal Computer sitzt und auf einer Tastatur herumtippt, dürfte bald Vergangenheit sein. Der Computer ist in gewissem Sinne selber zum Auslaufmodell geworden. Wir leben heute längst im Post-Computer-Zeitalter.

Notebooks, Tablets, Smartphones und überall verfügbares drahtloses Internet haben die Verkaufszahlen von Desktop-Computern in den vergangenen fünf Jahren markant schrumpfen lassen. Dank technologischer Mobilität ist Arbeiten von zuhause oder unterwegs längst tägliche Realität. Ständige Erreichbarkeit ist wohl oder übel eine Selbstverständlichkeit geworden. Bereits heute haben vier von zehn Angestellten keinen eigenen permanenten Büroarbeitsplatz mehr.

Supercomputer als Mitarbeiter

In den kommenden Jahren dürfte sich der Arbeitsalltag der rund zwei Millionen Büroangestellten in der Schweiz nochmals stark verändern. Amerikanische und europäische Wissenschafter forschen bereits am Mitarbeiter der Zukunft. Dieser ist nicht aus Fleisch und Blut, sondern rechnet mit Nullen und Einsen. Es ist ein Supercomputer, der seine menschlichen Bürokollegen punkto Schnelligkeit und Intelligenz alt aussehen lässt. Der amerikanische Softwarehersteller IBM beispielsweise forscht in seinem Labor in New York am Supercomputer Watson. Bekannt wurde ein Teilprojekt von Watson vor drei Jahren durch die Quizsendung «Jeopardy!» am amerikanischen Fernsehen. Watson hatte damals die Quizfragen des Moderators präziser beantwortet als seine zwei menschlichen Gegenkandidaten. Jetzt wollen die Forscher auch das Büro und mit ihm den Sitzungsraum ins 21. Jahrhundert bringen. IBM's Laborraum gleicht einem Sitzungszimmer. An den Wänden und Decken sind Mikrophone installiert. Alles, was im Raum gesprochen wird, zeichnet Watson auf und transkribiert es. Der Computer kann automatisch auf frühere Sitzungen zugreifen sowie auf Befehle reagieren. «Watson ist in der Lage, menschliche Interaktionen zu verstehen und daran teilzuhaben», sagt Dario Gil, Direktor für kognitive Systeme bei IBM.

Der Computer redet zuerst

Sitzungsteilnehmer können den Computer nach Informationen abfragen. Anstatt ins Suchfeld einer Suchmaschine wie Google zu tippen, fragt man den Computer mündlich. Dieser antwortet innert Sekundenbruchteilen mit einer künstlich erzeugten menschlichen Stimme. Im Gegensatz zum Menschen, macht er keine Fehler. Sitzungsteilnehmer, die mit falschen Markt- oder Absatzzahlen argumentieren, müssen damit rechnen, von Watson korrigiert zu werden. «Der Computer kann Sitzungen also auch auf inhaltliche Fakten überprüfen», sagt Gil.

Systeme der künstlichen Intelligenz hätten deshalb auch entscheidenden Einfluss auf die Dynamik einer Sitzung. «Der Computer kann als Sitzungsteilnehmer agieren und eine neutrale Haltung zu einem Geschäftsentscheid einnehmen», so Gil. Auf einen Vorschlag der Geschäftsleitung könnte der Computer blitzschnell eine Stellungnahme abgeben, noch vor den Mitarbeitern. «Wenn der Computer zuerst einen Vorschlag unterbreitet, dürfte es für die Anwesenden einfacher sein, zu einem kontroversen Thema Position zu beziehen», so der Wissenschafter.

Spracherkennung als Schwierigkeit

An intelligenten Computersystemen für den Büroalltag wird auch in Europa geforscht. Die Europäische Union unterstützt das Projekt «AMI», Augumented Multiparty Interaction. Auch hier geht es im wesentlichen um das Aufzeichnen und Auswerten von Sitzungsinhalten. Die exakte Aufzeichnung von menschlicher Sprache ist für die Europäer und für ihre amerikanischen Forscherkollegen von IBM allerdings die grösste Herausforderung. Noch immer haben Computer Mühe, Gespräche auseinanderzuhalten, gerade wenn verschiedene Menschen gleichzeitig sprechen oder die Akustik im Raum schlecht ist. Noch müssen Verwaltungsräte und Manager auf solche Supercomputer in ihren Sitzungen verzichten. Für die jetzige Generation von Studenten und Lehrenden an Hochschulen dürfte der «Besserwisser» jedoch bereits zum beruflichen Alltag gehören.