Ex-CEO von Postfinance: «Es gibt nur eine Option: Postfinance ganz zu privatisieren»

Jürg Bucher fordert den Bundesrat auf, nachzubessern. Eine Teilprivatisierung von Postfinance habe wenig Chancen. Aber auch die Kantonalbanken sollen sich bewegen.

Roman Schenkel
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Die Gewinne der einstigen Ertragsperle Postfinance erodieren.

Die Gewinne der einstigen Ertragsperle Postfinance erodieren.

Bild: Peter Klaunzer/Keystone

Im Schweizer Retailbanking-­Markt herrschen stabile, wenn nicht gar starre Verhältnisse. Die Grossbanken UBS und Credit Suisse prägen das Geschäft bei den mittleren und grossen Geschäftskunden, Raiffeisen ist Marktführerin im Hypothekargeschäft, und die 24 Kantonalbanken haben eine dominante Stellung innerhalb ihrer Kantonsgrenzen. Den Regionalbanken und übrigen Banken bleiben die Brosamen.

Doch nun kommt etwas Bewegung auf. Der Bundesrat will mit einer Gesetzesanpassung die Postfinance teilprivatisieren und ihr den Einstieg ins Hypothekarkreditgeschäft verschaffen. Jürg Bucher, ehemaliger Postfinance-CEO und bis im Frühjahr Präsident der Regionalbank Valiant, begrüsst diese Entwicklung. «Es ist das erste Mal, dass sich der Bundesrat überhaupt um die Weiterentwicklung des Geschäftsmodells bemüht», sagt der langjährige Berner Bankmanager.

Jürg Bucher sorgt sich um die Postfinance, die unter ihm gross geworden ist.

Jürg Bucher sorgt sich um die Postfinance, die unter ihm gross geworden ist.

Philipp Schmidli

Schon bald ein Sanierungsfall?

Denn dieses ist mehr als nur in Frage gestellt. Da Postfinance keine Hypotheken und andere Kredite vergeben darf, haben die niedrigen Zinsen sie besonders hart getroffen. Die Einnahmen haben sich in den letzten fünf Jahren halbiert. Der Zinserfolg sank von über 1 Milliarde Franken auf 575 Millionen Franken ab. Die Konkurrenz arbeitet dank Kreditgeschäft deutlich profitabler. Kommt dazu, dass Postfinance von der Schweizerischen Nationalbank die Etikette «systemrelevante Bank» erhalten hat. Sie muss deshalb beim Kapital ein Sicherheitspolster von rund drei Milliarden Franken aufbauen. «Geschieht nichts, wird Postfinance früher oder später zum Sanierungsfall – und das vor den Augen ihres Eigentümers», so Bucher. Volksvermögen und Hunderte Stellen würden vernichtet, betont er.

Doch den bundesrätlichen Postfinance-Plänen weht eine steife Brise entgegen. Besonders die politisch gut vernetzten Kantonalbanken bekämpfen das Vorhaben. Auch Inlandbanken wie die Raiffeisen oder die Migrosbank liessen verlauten, dass sie sich gegen einen neuen Player im Hypotheken- und Kreditgeschäft stellen. Der Markteintritt eines neuen Anbieters könne im derzeit stabilen und weitgehend gesättigten Markt eine negative Dynamik auslösen, befürchten sie. Zudem kommt das Vorhaben in der Politik nicht gut an: Wie die «Sonntagszeitung» Anfang August berichtete, sind sich mit SVP, SP, FDP, Grüne und Grünliberale fünf der grossen Bundesparteien einig, die Neuausrichtung der Postbank abzulehnen.

Der zweite grosse Kritikpunkt ist die Eigentümerstruktur. Dass der Bund die Mehrheit an Postfinance halten will, wird scharf kritisiert. Es brauche in der Schweiz keine weitere Staatsbank, die im Krisenfalle vom Steuerzahler aufgefangen würde, so der Tenor. Jürg Bucher gibt der Vorlage deshalb nur wenig Kredit. «Der Bundesrat muss nachbessern», sagt er. Dabei habe er eigentlich nur eine Option: «Postfinance ganz zu privatisieren.» Das könne auf einen Schlag passieren oder stufenweise. «Gegen eine privatisierte Postfinance kann niemand etwas haben.» Den Zahlungsverkehr, in dem die Postfinance die Nummer eins sei, könnten auch andere Banken ausbauen. «Alle Banken haben erkannt, dass das Transaktionsgeschäft wichtig ist im Retailgeschäft.» Nicht ohne Grund stossen Neo-Banken und Fintech-Unternehmen genau in diesen Bereich vor.

Kantonalbanken mit viel längeren Spiessen

Kein Verständnis hat Bucher für den Staatsbank-Vorwurf. «Im Retailbanking-Markt gibt es bereits jetzt ungleich lange Spiesse.» Neben den Grossbanken, die aufgrund ihrer schieren Grösse «too big to fail» seien, profitierten auch die Kantonalbanken von «gehörigen Privilegien». Sie seien deshalb die letzten, die berechtigt seien, eine neue Staatsbank zu kritisieren.

So besitzen die meisten Kantonalbanken neben der faktischen Staatsgarantie durch die Kantonsbeteiligung auch über eine formale Staatsgarantie. 21 von 24 kantonalen Instituten verfügen über eine solche. «Zudem sind die Kantonalbanken zu einem grossen Teil steuerbefreit – im Gegensatz zu Post­finance», sagt Bucher. Hinzu komme das Rating, das bei den Kantonalbanken dank der Kantone im Rücken um drei bis vier Stufen besser ausfällt als dasjenige von Regional- oder auch Grossbanken. «Sie können dadurch am Kapitalmarkt günstiger Geld beschaffen», sagt Bucher.

Bucher fordert ein Umdenken in der Diskussion um die Retailbanken. «Neben der Eigentümerstruktur bei Postfinance muss die Politik auch die Besitzverhältnisse der Kantonalbanken diskutieren.» Die Versorgung mit Finanzdienstleistungen sei sichergestellt. Das haben die Covid-19-Kredite gezeigt, welche zügig ausbezahlt wurden: «60 Prozent der Kredite an KMU wurden von Nicht-Staatsbanken ausbezahlt.»

Das Aufbrechen der Eigentümerstrukturen hätte mehrere Vorteile. Bestehende Wettbewerbsverzerrungen würden eliminiert. Gesunde und unabhängige Retailbanken seien am besten in der Lage, die Herausforderungen bezüglich Kundenverhalten, Digitalisierung und Margenerosion zu meistern. «Zudem könnten Bund und Kantone durch den Verkauf ihrer Anteile an den Staatsbanken wertvolle Finanzmittel freispielen, die angesichts der bevorstehenden riesigen Verluste infolge von Corona sinnvoll eingesetzt werden könnten», sagt Bucher.

Im Kanton Glarus könnte eine Kantonalbank mit Minderheitsbeteiligung des Kantons schon bald Tatsache werden. Der Glarner Regierungsrat will die Staatsgarantie seiner Kantonalbank abschaffen und die Mehrheit am Finanzinstitut verkaufen. Er hat eine entsprechende Gesetzesänderung in die Vernehmlassung geschickt. «Wird die Vorlage umgesetzt, erhielte das Retailbanking zünftig frischen Wind», sagt Bucher.