Der Baumwollberg wächst

Die Welt hat zu viel Baumwolle. Die Nachfrage in China, dem grössten Verbraucher, sinkt. Die wachsende Beliebtheit von Textilien aus Polyester macht der Baumwolle ebenso zu schaffen. Nun sinkt der Preis des weissen Goldes.

John Dyer
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Aufgeschichtete Baumwolle vor einer chinesischen Fabrik – und in den USA kündigt sich bereits die nächste Superernte an. (Bild: epa/Michael Reynolds)

Aufgeschichtete Baumwolle vor einer chinesischen Fabrik – und in den USA kündigt sich bereits die nächste Superernte an. (Bild: epa/Michael Reynolds)

AUSTIN. Für Ronnie Hopper kam der Regen zur falschen Zeit. Die Felder des Baumwollfarmers aus Westtexas rund um Lubbock wurden in diesen Wochen durch schwere Regengüsse überschwemmt. Auch in anderen Landesteilen von Texas regnete es stark. Eigentlich sollte Hopper nach langen Jahren der Dürre jubeln. Aber ihm nutzt die Aussicht auf eine Superernte nicht viel. «Ich bin optimistisch mit Blick auf die Produktion», sagt der 68-jährige Farmer. «Aber ich bin nicht optimistisch mit Blick auf die Preise. Selbst bei guter Ernte ist mit Baumwolle nicht mehr viel zu verdienen.»

Die USA sind der weltgrösste Baumwollproduzent. Aber sie bleiben auf dem einst als weisses Gold bezeichneten Naturprodukt sitzen. Denn der weltgrösste Baumwollkonsument China hat selber zu viel davon. Hinzu kommt, dass Textilien aus Polyester – überwiegend aus chinesischen Fabriken – Baumwollkleidung oft verdrängen. Und Indien meldet auch gute Ernteaussichten bei seiner Baumwolle. Das wird die Preise wohl auf den niedrigsten Stand seit sechs Jahren senken, berichtet das «Wall Street Journal». «Wir haben riesige Überschüsse in der Welt», sagt Analyst Chris Kramedjian von FCStone in Nashville im Bundesstaat Tennessee.

Kaum Auftrieb erwartet

Es gibt nur wenige Faktoren, die die Preise anheben könnten. Zum einen steigt die Nachfrage nach Baumwolltextilien wieder etwas an und entsprechend brauchen die Textilindustrien in Bangladesh, Vietnam und Indonesien mehr Rohstoff. Und die heftigen Regen in Gebieten wie Texas haben viele amerikanische Farmer dazu gebracht, etwas anderes als Baumwolle zu pflanzen. Dennoch wird laut einem aktuellen Bericht von Morgan Stanley die erwartete Baumwollernte die globale Nachfrage um 2,1 Mrd. Kilo übertreffen.

James Wedel, Besitzer von Wedel Farms nahe Lubbock, verweist auf einen Teufelskreis: «Wir haben die Chance auf eine überdurchschnittliche Ernte. Und die Baumwollpreise sind so niedrig, dass ein Farmer nur dann genug Geld zum Überleben verdient, wenn er überdurchschnittliche Ernten einfährt.»

China und Indien spielen auf dem Weltmarkt eine grosse Rolle. Peking hat die Baumwollernte seiner Farmer in den vergangenen Jahren aufgekauft, um die heimische Industrie zu fördern. Im vergangenen Jahr wurde diese Politik eingestellt. Aber immer noch sitzt die Regierung auf riesigen Baumwollbeständen. Deshalb werden die Einfuhren in diesem Jahr um 45% zurückgehen. Das ist der grösste Einbruch seit acht Jahren, wie das Handelshaus International Cotton Advisory feststellt. Und auch das drückt auf die Preise.

Die indische Regierung hat die eigene Agrarindustrie subventioniert, indem sie die Baumwollernte ihrer Farmer aufkaufte. Anders als China haben die Inder die Baumwolle aber nicht eingelagert, sondern auf dem Weltmarkt verkauft, solange die Preise noch einigermassen hoch waren. Das US-Agrarministerium sieht eine Steigerung der indischen Baumwollexporte um 28% voraus. Auch das drückt die Preise.

Ersetzt durch Polyester

Nur China gewinnt mit der Baumwollkrise. Polyester ist zunehmend zum Ersatz für Baumwolle geworden, vor allem im Bereich der Freizeitkleidung. Und Polyester wird aus Erdöl gemacht. Das macht Polyesterkleidung für den Konsumenten noch billiger. China profitiert davon. Denn 85% der globalen Polyester-Produktion kommen nach Angaben der britischen Marktforscher Tecnon OrbiChem aus China.