Wende
Der Abwärtstrend der Hypozinsen ist vorerst gebremst

Die Markterwartungen schlagen abermals einen Haken, die US-Zinswende könnte sich bald fortsetzen.

Tommaso Manzin
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Hypozinsen: Einige Institute haben ihre Richtzinsen etwas angehoben. Noch kann man aber nicht von einer Trendwende sprechen.

Hypozinsen: Einige Institute haben ihre Richtzinsen etwas angehoben. Noch kann man aber nicht von einer Trendwende sprechen.

Keystone/Urs Flüeler

Es ist zwar kaum sichtbar, aber doch eindeutig: Während seit Anfang Jahr die Hypozinsen ein weiteres Mal unerwartet nach unten drifteten, schlägt die Kurve der durchschnittlichen Sätze so gut wie in allen Laufzeiten zuletzt nach oben aus (vgl. Grafik).

«Wir sehen seit Anfang Jahr fallende Zinsen über alle Laufzeiten hinweg», erklärt Michael Hartmann, Leiter des Vertriebs beim Hypothekenvermittler Moneypark. Jüngst habe sich jedoch eine Bodenbildung gezeigt, einige Institute hätten ihre Richtzinsen etwas angehoben. Daraus lasse sich aber noch keine Trendwende ableiten. Ausschläge nach oben oder nach unten seien immer wieder zu beobachten.

Korrekturrisiken kehren zurück

Ähnlich UBS-Chefökonom für die Schweiz Daniel Kalt: Bei kurzfristigeren Hypothekarzinsen sei keine nennenswerte Änderung bis Ende 2017 zu erwarten. Doch scheine der weitere Abwärtstrend «vorerst gebremst». Die langfristigen Sätze dürften bis Ende 2017 gar geringfügig steigen. Das Risiko von Preiskorrekturen bei Immobilien halte sich im Niedrigzinsumfeld zwar in Grenzen. Die in den letzten Jahren aufgebauten Überbewertungen am Immobilienmarkt würden sich aber nicht von heute auf morgen in Luft auflösen. Korrekturrisiken dürften mit steigenden Zinsen wieder ein Thema werden.

Auch andere grosse Player sehen die neuen Zeichen: BlackRock, der weltgrösste Vermögensverwalter, stellt in einem Kommentar fest, dass der Libor, einer der wichtigsten Sätze für kurzfristige Zinsen am Geldmarkt, auf ein siebenjähriges Höchst gestiegen ist.

Was ist passiert? Die Erwartungen scheinen wieder gedreht zu haben. Grund für die gestiegene Spannung sind sich in den letzten Wochen mehrende Stimmen, die eine Beschleunigung des zum Erliegen gekommenen US-Zinserhöhungszyklus erwarten. Im Dezember hatte die dortige Notenbank Federal Reserve (Fed) erstmals seit der Finanzkrise die Zinsen angehoben und damit die Zinswende in den USA eingeläutet. Seitdem beliessen die Währungshüter den Leitzins aber wieder zwischen 0,25 und 0,5 Prozent.

Vorzeichen der US-Zinserhöhung

Am bisherigen Konsens der Experten, dass diese Zinslethargie andauert, hat vergangenen Sonntag der Vize-Chef der US-Notenbank Stanley Fischer mit den Worten gerüttelt, das Fed habe ihre Ziele fast erreicht. Es werde bald Vollbeschäftigung herrschen.

Es gilt als sicher, dass die Notenbank die Zinsen erhöhen muss, wenn diese Bedingungen erfüllt sind. Sonst drohen eine Überhitzung der Wirtschaft und ein scharfer Inflationsanstieg. Fischer hielt sich mit Blick auf mögliche weitere Zinsschritte der US-Notenbank aber bedeckt. Deutlicher war William Dudley, Präsident des New Yorker Ablegers des Fed: Die Lage am Arbeitsmarkt habe sich derart verbessert, dass eine Zinserhöhung bereits an der nächsten Sitzung vom 21. September «im Bereich des Möglichen» liege. Die Ökonomen von Bantleon Bank bestätigen: In den USA liessen immer mehr Daten eine anziehende Konjunkturdynamik erkennen. So legte die Industrieproduktion den zweiten Monat in Folge kräftig zu, es war zudem der stärkste Zuwachs seit über anderthalb Jahren.

SNB und das Notenbanker-Davos

Marktteilnehmer erhofften sich von dem am Donnerstag beginnenden Treffen in Jackson Hole in den USA – so etwas wie das «Davos» der internationalen Geldpolitik – Hinweise auf den Kurs der Geldpolitik. Mit besonderer Spannung wird dabei auf die Rede von Fed-Chefin Janet Yellen am Freitag gewartet (vgl. Textkasten rechts).

Die Schweizerische Nationalbank (SNB) schaut zwar eher nach Frankfurt, dem Sitz der Europäischen Zentralbank. Dennoch könnte sie sich dem Einfluss einer Zinserhöhung der US-Notenbank nicht entziehen. Dazu Kalt: «Für die Zinsentwicklung im Franken ist die Entwicklung der Eurozinsen deutlich wichtiger als jene der US-Zinsen. Über die vergangenen Jahre haben die durch Anleihenkäufe immer tiefer gedrückten Zinsen im Euroraum die Frankenzinsen immer weiter ins Negative gedrückt.» Allerdings sei es mittel- und längerfristig auch bedeutsam, was mit den US-Zinsen geschehe.

Denn nur wenn es den Amerikanern gelinge, in den kommenden zwei Jahren die Zinsen behutsam nach oben zu führen, habe auch Europa eine Chance, gegen Ende 2017 oder im Verlauf von 2018 die Zinsen schrittweise aus dem negativen Bereich nach oben zu führen. Gelinge das den USA nicht, dürften die Zinsen bei uns noch lange auf den derzeitigen Niveaus verharren, erklärt der Ökonom. Erste Zinsschritte der SNB erwartet Kalt nicht vor Ende 2017. Er geht davon aus, dass sich Yellen am Freitag kaum in die Karten wird blicken lassen.

Zinsgeflüster auf der US-Ranch

Die jüngsten Signale aus Kreisen der wichtigsten Notenbank der Welt, der Federal Reserve, waren uneinheitlich. Mit umso mehr Spannung wartet die
Finanzwelt nun auf Aussagen der Fed-Vorsitzenden Janet Yellen in ihrer für Freitag angesagten Rede in Jackson. Jackson Hole ist eigentlich ein verschlafener Wintersportort im US-Bundesstaat Wyoming. Doch einmal im Jahr wird es zum Mekka der globalen Geldpolitik, wenn hier das «Fed Symposium» stattfindet. In
ungezwungener Ranch-Atmosphäre treffen sich hier die Fed-Offiziellen (die dennoch nicht in Cowboy-Stiefeln erscheinen) mit anderen Notenbankern, Finanzministern und einflussreichen Ökonomen, um über Wirtschaftstrends zu sprechen – und über Geldpolitik zu flüstern. Die weltweite Analystengemeinschaft wird von heute bis Samstag Fed-Chefin Janet Yellen ganz genau zuhören. Sie
erwarten von ihr Hinweise, wann endlich die nächste Zinserhöhung kommt. Es war just in Jackson Hole, wo ihr Vorgänger Ben Bernanke 2012 eine weitere massive Ausdehnung der US-Geldmenge angekündigt hatte. Die Politik des billigen Geldes wurde darauf noch auf Jahre weltweit fortgesetzt, bis heute. (TM)

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