Den Schwung verloren

Die Schweizer Wirtschaft ist im zweiten Quartal um 0,1 Prozent geschrumpft. Damit nähert sie sich einer Rezession. Trotz zugespitzter Lage wird aber kein unmittelbarer Absturz erwartet.

Thorsten Fischer
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Unterwegs im Möbelhaus: Die Lust am Einkaufen ist den Konsumenten nicht vergangen. Die Stimmung ist aber nicht mehr so positiv wie zuvor. (Bild: ky/Martin Rütschi)

Unterwegs im Möbelhaus: Die Lust am Einkaufen ist den Konsumenten nicht vergangen. Die Stimmung ist aber nicht mehr so positiv wie zuvor. (Bild: ky/Martin Rütschi)

BERN. Man hatte sich daran gewöhnt: Während in vielen Ländern die Wirtschaftskrise um sich greift, brilliert die Schweiz mit Wachstumszahlen. Nun gibt es einen unerwarteten Dämpfer. Im 2. Quartal 2012 hat das reale Bruttoinlandprodukt (BIP) der Schweiz gegenüber dem 1. Quartal um 0,1% abgenommen (siehe Grafik).

Umfeld verdüstert sich

Auf den zweiten Blick relativiert sich das Minus aber. Zum einen liegt es nur leicht im roten Bereich. Zum andern überrascht der Dämpfer nicht wirklich. Die Schweiz ist traditionell ein Exportland: Wenn es den Abnehmerländern laufend schlechter geht, sind früher oder später auch hierzulande Spuren zu erwarten. Im Vergleich zum Vorjahresquartal resultiert immerhin noch ein Wachstum von 0,5%. Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) hat in ihrem Quartalsbericht die Treiber der Entwicklung eindeutig identifiziert. Negativ entwickelten sich die Dienstleistungs- und Warenexporte. Von den Konsumausgaben der privaten Haushalte und des öffentlichen Sektors hingegen kamen positive Impulse.

In vielen Branchen spürbar

Konkret sind die Warenexporte im 2. Quartal um 0,7% geschrumpft. Die Exporte von Dienstleistungen nahmen im gleichen Zeitraum um 0,9% ab. Ein negativer Verlauf ist in den meisten der Rubriken festzustellen. So haben sich laut Seco die Ausfuhren von Chemikalien, aber auch die Exporte von Maschinen und Elektronik zurückgebildet. Lichtblick sind die Präzisionsinstrumente und Uhren. Sie fallen mit positiven Wachstumsraten auf.

Schub für die Wirtschaft kommt auch aus dem Inland. Die Ausgaben für den privaten Konsum sind im 2. Quartal um 0,3% gewachsen. Befeuert wurde die Entwicklung durch die Ausgaben für Wohnung, Wasser und Strom, ausserdem durch Ausgaben für die Gesundheitspflege und den Verkehr. Die Konsumausgaben des Staates und der Sozialversicherungen expandierten relativ kräftig mit 1,0%.

Wirft man einen Blick auf die Produktionsseite, hat sich vor allem die Wertschöpfung in der Industrie (–1,1%) und im Handel (–0,7%) zurückgebildet. Die Wertschöpfung im Baugewerbe (+1,5%) wiederum blieb in Fahrt.

«Keine Insel der Seligen mehr»

Letztmals musste sich die Schweiz mit einem geschrumpften BIP im 3. Quartal 2011 auseinandersetzen. Damals fiel es – der Wert ist revidiert worden – um 0,2% zurück. Wegen einer neuen Methodik sind noch andere frühere Werte nach unten korrigiert worden. Das ist auch ein Grund, weshalb von der Agentur SDA befragte Ökonomen die Lage insgesamt zurückhaltend beurteilen. David Marmet von der Zürcher Kantonalbank sagte, der jetzige Konjunkturdämpfer sei erstaunlich früh erfolgt. «Die Schweiz ist definitiv keine Insel der Seligen mehr.» Janwillem Acket, Chefökonom der Bank Julius Bär warnte, die Schweiz stehe am Rand der Rezession. Ein Absturz sei dank tiefer Zinsen und Zuwanderung aber nicht zu erwarten.

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