Versicherungen: Dem Auffangnetz 
droht die Überlastung

Der Auffangeinrichtung sind heute mehr Betriebe angeschlossen, als das für diese bei der Gründung vorgesehen war. ­ Ein zweiter Axa-Knall könnte sie weiter aufblähen und das System der zweiten Säule über Gebühr strapazieren.

Daniel Zulauf
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Die Auffangeinrichtung: Ursprünglich eine Stiftung für sehr schwer versicherbare Risiken. (Bild: Georgios Kefalas/Keystone, Basel, 9. Mai 2019)

Die Auffangeinrichtung: Ursprünglich eine Stiftung für sehr schwer versicherbare Risiken. (Bild: Georgios Kefalas/Keystone, Basel, 9. Mai 2019)

Die zweite Säule im Schweizer Vorsorgesystem ist sanierungsbedürftig. Das ist keine Neuigkeit, aber ein Fakt, der mit Blick auf den politischen Reformstau auch in Zukunft noch oft festgestellt werden wird. Vor diesem Hintergrund eine positive Überraschung ist, wie gut das von den hohen gesetzlich vorgegebenen Zinsverpflichtungen gestresste System den Axa-Knall bewältigt hat. Im April des vergangenen Jahres hatte Axa als Marktführerin den Ausstieg aus dem kapitalintensiven Geschäft mit sogenannten Vollversicherungslösungen in der obligatorischen beruflichen Vorsorge (BVG) angekündigt.

Vollversicherungslösungen sind ausgesprochen beliebt bei KMU. Die Assekuranzgesellschaft übernimmt darin, nebst der Bewirtschaftung der von den Versicherten angesparten Vorsorgekapitalien, auch das gesamte Anlagerisiko. Seit der Finanzkrise werden Vollversicherungslösungen stark nachgefragt, weil sie den KMU einen Schutz vor dem Risiko teurer Sanierungsmassnahmen bieten. Die Versicherer stehen bei der Annahme neuer Kunden aber seit langem auf der Bremse. Zur Deckung der Anlagerisiken müssen sie viel Eigenkapital vorhalten, das eine vergleichsweise geringe Rendite für die Aktionäre abwirft.

Für Zirkusartisten gegründet

Einige tausend Arbeitgeber haben 2018 das Angebot von Axa verworfen, in eine teilautonome Lösung zu wechseln. Dort sind die Prämien zwar tiefer, aber die Risiken eben auch höher. Es war zu befürchten, dass viele dieser Firmen auf der Suche nach einer gleichwertigen Anschlusslösung bei den fünf verbliebenen Anbietern im freien Markt (Swiss Life, Baloise, Helvetia, Allianz Suisse und Pax) keinen neuen Vertrag erhalten würden. Die Rede ist von kleinen Handwerks- und Gewerbebetrieben. Diese gehören typischerweise nicht zu den Zielkunden privater BVG-Anbieter. Die Mitarbeiter solcher Firmen beziehen im Durchschnitt eher geringe Löhne, und sie leisten eine Arbeit, die oft mit besonderen Risiken verbunden ist. Derartige Unternehmen sind für die Versicherer besonders unattraktiv, wenn sie eine Vollversicherungslösung haben. Die hohen gesetzlichen Zinsverpflichtungen im BVG (Umwandlungssatz, Mindestverzinsung), die nur für den obligatorisch zu versichernden Teil des Lohnes (bis 85000 Franken im Jahr) gelten, fallen hier stark ins Gewicht.

Für diese Klasse von KMU dient die Stiftung «Auffangeinrichtung BVG» als Auffangnetz. Die privaten Versicherer mussten diese Einrichtung 1983 auf Geheiss des Gesetzgebers gründen, um am damals noch überaus aussichtsreichen BVG-Markt partizipieren zu dürfen. Ursprünglich war die Stiftung primär dazu gedacht, besonders schwer versicherbare Risiken wie beispielsweise jene von Zirkusartisten aufzunehmen. Die Auffangeinrichtung ist die einzige Vorsorgeeinrichtung in der Schweiz, die keinen Antragsteller ablehnen kann, sofern dieser die gesetzlichen Erfordernisse erfüllt. Inzwischen ist die Auffangeinrichtung aber ein Sammelbecken, in dem sich auch viele gewöhnliche KMU wiederfinden, die mit ihrem Risikoprofil im freien Markt nirgends mehr unterkommen.

Die Auffangeinrichtung weist seit Jahren ein kräftiges Wachstum aus. Die Zahl der angeschlossenen Betriebe in der beruflichen Vorsorge ist seit 2010 um mehr als ein Drittel auf über 30000 hochgeschnellt. Ein klares Zeichen, dass der Markt nicht funktioniert, wie die Stiftung im aktuellen Jahresbericht schreibt. Gross ist deshalb die Erleichterung, dass der Exodus der Axa-Kunden die ungewollte Geschäftsexpansion nicht zusätzlich angetrieben hat. Zwar erwartet die Stiftung nach eigenen Angaben einen sprunghaften Anstieg der Meldungen von Betrieben, die ihre bestehenden BVG-Verträge nicht verlängern konnten oder wollten. Die Stiftung rechnet mit einer Zunahme solcher Meldungen um rund ein Drittel. Die grosse Mehrheit betrifft ehemalige Axa-Kunden. Trotzdem kann die Auffangeinrichtung bereits heute zuverlässig feststellen, dass nur wenige bei ihr hängenbleiben.

Auffangstelle stellt 10 Prozent der Konkursbegehren

Bei einer neuerlichen Mutationswelle, wie sie durch einen weiteren Ausstieg eines Vollversicherungsanbieters ausgelöst würde, wäre dies anders. Fachleute gehen davon aus, dass die Auffangstelle in einem solchen Fall viele zusätzliche Anschlüsse verkraften müsste, was die ohnehin schon grossen Spannungen im System der zweiten Säule weiter verstärken würde. Schon jetzt versichert die Auffangeinrichtung um die 30000 Betriebe, die in einem gesunden Markt eigentlich bei einer Versicherung Anschluss finden müssten. Das entspricht rund 15 Prozent der KMU, die derzeit bei den von den Versicherern betriebenen Sammeleinrichtungen angeschlossen sind. Dieser Anteil hat in den vergangenen Jahren laufend zugenommen, und der Druck auf das System erhöht sich. Während die im Wettbewerb stehenden Versicherungen und Sammelstiftungen eine zunehmend restriktive Politik bei der Annahme neuer Kunden betreiben, landen immer mehr Kleinstfirmen durch Zwangsanschlüsse bei der Auffangeinrichtung. Viele sind nicht in der Lage, die Beiträge zu bezahlen, und müssen betrieben werden. Die Auffangeinrichtung stellt rund 1800 Konkursbegehren im Jahr, was mehr als 10 Prozent aller in der Schweiz ausgesprochenen Konkurse entspricht.

Ein nächster Stresstest droht, wenn sich das Klima an den Finanzmärkten verschlechtert und die Nachfrage der KMU nach Vollversicherungslösungen abermals zunimmt. Viele kämen nicht darum herum, bei der Auffangeinrichtung anzuklopfen. Diese könnte sich dann gezwungen sehen, ihre im Marktvergleich ohnehin schon überdurchschnittlich hohen Beiträge weiter anzuheben.