DDR-Devisengeschäfte über die Schweiz

BERLIN. Die Schweiz als neutraler Staat im Herzen Europas und als Standort etlicher internationaler Institutionen – genau deshalb war die Schweiz für die DDR als diplomatische Drehscheibe und als Finanzplatz von grosser Bedeutung.

Christoph Reichmuth
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BERLIN. Die Schweiz als neutraler Staat im Herzen Europas und als Standort etlicher internationaler Institutionen – genau deshalb war die Schweiz für die DDR als diplomatische Drehscheibe und als Finanzplatz von grosser Bedeutung. Das sagt Jochen Staadt, Projektleiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin. Staadt (64) arbeitet sich durch Tausende Seiten von Stasi-Dokumenten über die Schweiz. Nächstes Jahr veröffentlicht er ein Buch, das die Beziehungen zwischen beiden Ländern detailliert erläutert.

DDR-Tarnfirmen in der Schweiz

«Die DDR musste immer wieder darum kämpfen, auf den internationalen Märkten mit Devisen wirtschaften zu können. Für internationale Transaktionen war der Finanzplatz Schweiz für die DDR überlebenswichtig», sagt Staadt. Die DDR betrieb unter anderem auch in der Schweiz etliche Firmen, die nach aussen hin nicht als Eigentum der DDR zu erkennen waren. Mit diesen getarnten Holdinggesellschaften wickelte die DDR auf den internationalen Märkten Geldgeschäfte ab, kaufte oder verkaufte Industrieprodukte. Die Einnahmen aus diesen Geschäften wurden zumeist über die Schweiz in die DDR transferiert. Darunter gehören auch Einnahmen aus umfangreichen Waffengeschäften der DDR. Während des Iran-Irak-Kriegs in den 80er-Jahren belieferte der SED-Staat gleich beide Kriegsparteien mit Waffen. Aber auch die Schweizer Industrie nutzte den Standortvorteil des neutralen Staates aus, um mit der DDR ins Geschäft zu kommen. Industriezweige wie Chemie, Maschinenbau oder Elektronik exportierten im hohen Umfang in die DDR.

Brisantes «Züricher Modell»

Von Brisanz war zudem das von der SED «Züricher Modell» genannte Finanzierungsmodell für die damals schon marode DDR. Anfang der 80er-Jahre war die DDR nach westlichem Kreditstopp dringend auf finanzielle Unterstützung angewiesen. Der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) und DDR-Staatschef Erich Honecker standen kurz davor, einen Deal mit Hilfe der Schweiz abzuschliessen. In der Schweiz hätte ein Bankinstitut gegründet werden sollen, an deren Aktienkapital sich die DDR und die BRD zu gleichen Teilen beteiligt hätten. Über die Bank hätte die DDR den Kreditstopp umgehen können, um an einen dringend nötigen Kredit über 4 Mrd. DM heranzukommen. Als Gegenleistung hätte sich die DDR verpflichtet, die Reisebestimmungen zu lockern. Doch im Kanzleramt wurde noch vor Schmidts Abwahl das Modell auf Eis gelegt. Schmidt befürchtete einen Entrüstungssturm im Land, wenn der Deal bekannt würde. Nach dem Machtwechsel wurde das Projekt vom damaligen bayrischen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauss (CSU) mit der DDR als alternatives Kreditmodell verwirklicht.

Dopingmittel en masse

Das Ministerium für Aussenhandel hat zudem den Spitzensport der DDR mit Geräten für den Hochleistungssport unter anderem aus der Schweiz versorgt. Zudem importierte es leistungsfördernde Medikamente in hohem Umfang von der Schweiz in die DDR. Alleine 1984 hat die DDR dafür laut Staadt 2 Mio. DM in der Schweiz ausgegeben.