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Daten als Kapital oder Arbeit

Ansichten
Miriam Meckel

Manch eine Innovation entsteht schlicht daraus, dass man die Perspektive wechselt. Plötzlich eröffnet sich eine ganz neue Sicht der Dinge. Was Jahrzehnte so war, ist von nun an anders. So verlaufen ­historische Trendwenden, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Fortschritt erst möglich machen.

In diesem Lichte entstehen derzeit die ersten Gedankenspiele zu einer neuen Arbeiterbewegung. Richtig gelesen. Die sozialdemokratischen Parteien haben davon noch nichts gehört, aber einige Denker rund um den US-Informatiker und Philosophen Jaron Lanier proben den Aufstand gegen die grossen IT-Konzerne. Schon in seinem Buch «Wem gehört die Zukunft» hat er die Konzerne «Sirenenserver» genannt. Sie locken – in Anlehnung an die gleichnamigen weiblichen Fabelwesen der Mythologie – die im Netz Vorbeiziehenden an, bringen sie dazu, ihre Spuren zu hinterlassen, und leben ökonomisch hervor­ragend von den milliardenfach produzierten Daten ihrer ­Nutzerinnen und Nutzer. Die wiederum glauben zumeist, das müsse doch eine gute Sache sein: freie Daten für die Konzerne gegen freie ­Nutzung von deren Angeboten. So kann man das ökonomisch betrachten. Daten sind dann Kapital, entstanden als Abfallprodukt der Internetnutzung. Das akkumulieren die Konzerne bei sich, die Datenproduzenten hingegen gehen leer aus.

Ein Datenkapitalismus dieser Art nimmt in Kauf, dass die nächste technologische Zündstufe der künstlichen Intelligenz ganze Berufe aus dem Markt herausrechnet. Mit Hilfe eines bedingungslosen Grund­einkommens mögen sich die im klassischen Sinne Arbeitslosen doch bitte umorientieren und ihre menschliche Würde von nun an aus ihren gemeinschaftlich subventionierten Freizeitaktivitäten ableiten.

Das ginge auch anders. In einer schwungvollen Umkehr der bisher gültigen polit­ökonomischen Betrachtung fordern Lanier und Co., Daten ab sofort als Arbeit zu begreifen. Wir alle, die wir ganze Stunden des Tages am Smartphone oder Computer verbringen, um zu posten, zu liken oder etwas zu bestellen, sind die Helden der zukünftigen Arbeit. Wir produzieren mit jeder Aktion im Internet den Rohstoff, aus dem die kapitalen Träume der IT-Konzerne sind. Warum eigentlich machen wir all das umsonst?

Wenn der Datenmarkt der neue Arbeitsmarkt ist, dann gehören Daten bezahlt. Dann gehören die noch ausgebeuteten Datenarbeiter auf die Strasse, vertreten von Gewerkschaften, die nicht mehr um Tarifverträge, sondern um Plattformzugänge kämpfen. Und wenn das alles nichts hilft, muss die neue Arbeiterbewegung raus auf die realen und virtuellen Strassen des Netzes: «Kein Post ohne Bezahlung», steht dann auf den Transparenten des Datenprekariats, aus dem bald eine neue Produktionsgemeinschaft werden soll.

Ist das schlicht romantischer Unsinn? Keineswegs. Eher der Kerngedanke für einen politökonomischen Paradigmenwechsel – weg von der traditionellen hin zu einer zeitgemässen Definition von Kapital und Arbeit. Bislang ist es der digitalen Wirtschaft nicht gelungen, die Produktivität anzukurbeln und einen echten Datenmarkt zu schaffen. Beides ist aber Voraussetzung dafür, dass auch ent­wickelte Gesellschaften vom technologischen Fortschritt profitieren können.

Auch für die Konzerne liegt übrigens ein Vorteil drin. Wenn Datenarbeit professionalisiert wird, verbessert sich die Datenqualität. Nutzer sehen sich dann nämlich eher als Geschäftspartner denn als Kunden. Einzig von der bislang engstirnigen strikten Trennung von Arbeit und Musse müssen wir uns verabschieden. Wer müssig auf dem Sofa liegt und Daten produziert, der arbeitet. Schon Sokrates beschrieb die Musse als «Schwester der Freiheit». Das war historisch vorausschauend.

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