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Das Wunder vom Perlflussdelta

Die chinesische Megacity Shenzhen war einst bekannt als Werkbank der Welt. Heute wird hier an Hightech-Hardware getüftelt.
Felix Lee, Shenzhen
Vom Fischerstädtchen zur Millionen-Planstadt. Blick auf das Ping An International Finance Center (Mitte) in Shenzhen. (Bild: Qilai Shen/Bloomberg (20. September 2017))

Vom Fischerstädtchen zur Millionen-Planstadt. Blick auf das Ping An International Finance Center (Mitte) in Shenzhen. (Bild: Qilai Shen/Bloomberg (20. September 2017))

Alan Chang hat einen Harvard-Abschluss in Informatik. Er hat in der IBM-Zentrale in Upstate New York gearbeitet und bei Microsoft in Redmond. Dort hatte der 36-Jährige zuletzt ein Jahreseinkommen von 120 000 Dollar. In Seattle besitzt der chinesischstämmige Amerikaner eine Wohnung mit Blick auf den Lake ­Washington. Er hat es geschafft in den USA, ihm geht es gut. Trotzdem hat es ihn im letzten Jahr nach Shenzhen verschlagen, eine Metropole vor den Toren Hongkongs, wegen ihrer vielen Fabriken und Fertigungsstätten bis heute auch bekannt als Werkbank der Welt.

In weiten Teilen der chinesischen Stadt sieht es so auch aus. Im Industriegebiet nordöstlich des Flughafens etwa: Kilometerweit erstrecken sich Werkhallen, Lagerhäuser und breite Strassen, die wiederum allesamt vollgestopft sind mit Lieferfahrzeugen. Dazu der Smog, ein Dunst, der sich mit der schwülen Hitze Südchinas mischt und das Atmen mühsam macht. Chang schwärmt dennoch von den vielen Fertigungsstätten, deretwegen Shen­zhen seinen Ruf hat, zudem von den riesigen Elektromärkten und den vielen Tüftlern und Technikern, die inzwischen über das gesamte Stadtgebiet von fast 2000 Quadratkilometern verteilt leben und arbeiten.

Chang selbst hat sich mit einem chinesischen Partner zusammengetan und ein Start-up gegründet. Gemeinsam arbeiten sie an einem Navigationssystem fürs autonome Fahren. Einer ihrer Auftraggeber: Huawei, Chinas führender Technologiekonzern und einer der grössten Smartphone-Hersteller und Netzwerkausstatter der Welt. Auch Huawei hat seinen Sitz in Shenzhen.

Chang bezeichnet Shenzhen als «Innovationshub», ein «technologisches Kraftzentrum», das «Silicon Valley der Hardware». Als «Wunder am Perlflussdelta» wird Shenzhen in chinesischen Medien auch oft bezeichnet. Wie wichtig die Wirtschaftsmetropole ist, zeigt sich etwa auch darin, dass die deutsche Kanzlerin Angela Merkel bei ihrem China-Besuch letzte Woche einen Abstecher nach Shenzhen machte.

Versuchslaboratorium für kapitalistische Experimente

Dabei war Shenzhen noch zu Beginn der Achtzigerjahre nichts weiter als ein verschlafenes Fischerstädtchen, direkt an der hochbewachten Grenze gelegen, die die zu der Zeit streng kommunistisch geführte Volksrepublik von der damals noch britischen Kronkolonie Hongkong trennte.

Dann kam Chinas Öffnungspolitik unter dem Reformer Deng Xiaoping. Er erklärte Shenzhen zu einem der Versuchslaboratorien für kapitalistische Experimente. Die ersten Textilfabriken siedelten sich an, es folgten Fertigungsstätten für Spielzeug, Turnschuhe, Kleinelektronik – und so ziemlich alles, was billig, aus Plastik und leicht herzustellen war.

Millionen Wanderarbeiter aus ganz China zogen nach Shen­zhen. In weniger als einer Generation entwickelte sich die Region am Perlflussdelta mit den umliegenden Städten Dongguan, Fo­shan, Zhongshan und Zhuhai zu einem gigantischen Konglomerat aus Fabriken, Wohnsilos und Logistikzentren. Diese Städte waren einst ebenfalls Fischerorte. Heute sind es allesamt Millionenstädte, die von den Wirtschaftsreformen und der Nachbarschaft zur dynamischen Ex-Kolonie Hongkong profitierten.

Shenzhen hat in den vergangenen Jahren jedoch eine weitere industrielle Revolution durchgemacht. Und zwar die zu einer Hightech-Metropole.

Die Kleinen spielen den Grossen zu

Mit dem Elektronikzulieferer Foxconn fing es an. Das taiwanesische Unternehmen errichtete im Stadtbezirk Longhua riesige Fertigungsstätten mit zeitweise über 300000 Mitarbeitern, die für Sony, Nintendo, Apple und Hewlett-Packard Spielkonsolen, iPhones und Laptops zusammenschraubten. Chinesische Elektronikhersteller folgten: Huawei, ZTE, Midea, TCL, der Batteriehersteller Byd, der nun zu den weltweit führenden Elektroautobauern zählt, und Xiaomi – sie alle gehören inzwischen zu den innovativsten Hardware-Herstellern der Welt. Auf Software-Seite gesellte sich Tencent dazu, das mit seinen Online-Spielen und seiner Multifunktions-App WeChat vor kurzem im Firmenwert sogar Facebook überflügelt hat.

Und zwischen den vielen grossen Playern finden sich Zehntausende Klitschen: Elektroniker, Programmierer, Ingenieure, Studienabbrecher, Wanderarbeiter – nur dass sie nun Maker, Founder, Entrepreneure oder Start-up-Unternehmer heissen. Sie hatten den Open-Source-Gedanken schon in einer Zeit verinnerlicht, als er im Westen noch gar nicht verbreitet war. Um geistiges Eigentum scherte sich hier viele Jahre niemand. Vom «Ökosystem Shen­zhen» ist heute die Rede. Die grossen Firmen wie Huawei oder Tencent sind die Bäume, die für alle sichtbar sind. Den Bodensatz aber bilden die vielen hunderttausend kleinen Firmen, die mit ihren Komponenten und Erfindungen den Grossen zuarbeiten.

Nirgendwo ist dieses Zusammenspiel so gut zu beobachten wie rund um das Viertel der Huaqiangbei-Strasse, der grössten Ansammlung von Elektrogrossmärkten der Welt. Mehrere Blöcke mit bis zu 20 Stockwerken reihen sich nebeneinander. In jeder Etage dieser Blöcke tut sich ein Labyrinth aus engen Gängen und kleinen Geschäfte auf, manche kaum grösser als eine Kleiderkammer. Auf diesen Märkten findet sich alles, was das Elektronikherz begehrt: Platinen, Chips, LCD-Bildschirme in allen nur erdenkliche Grössen, fertige Drohnen oder Konsolen oder auch einfach nur ein paar Kupferkabel. Der Käufer kann die Teile einzeln erwerben oder kistenweise.

Ein Paradies für Selbermacher

Die ständige Verfügbarkeit all der kleinen Teile, die für ein neues Produkt nötig sind, macht Shen­zhen zum Paradies für Selbermacher. Auf den Märkten stöbern sie nach genau dem Schalter, Lichtleiter oder Speicherchip, den sie für ihre Erfindung brauchen, und schrauben sie in irgendwelchen Hinterhöfen zu neuen Gadgets zusammen. Heraus kommen dann Produkte wie ein iPhone für zwei SIM-Karten, Bälle, die von selbst zurückrollen, oder Drohnen, die den Rasen sprenkeln. Die Ideen werden dann an die grossen Firmen wie Huawei, Xiaomi oder Tencent weiterverkauft.

Die von 30000 auf mindestens zwölf Millionen Einwohner gewachsene einstige Wanderarbeiterstadt ist denn auch längst kein Arbeitermoloch mehr. Die jährliche Wirtschaftsleistung pro Kopf liegt in Shenzhen bei rund 50000 US-Dollar – und ist damit gleichauf mit dem Bruttoinlandprodukt der Deutschen.

Der Erfindergeist von Shen­zhen hat auch Tüftler aus Europa angelockt, zum Beispiel Jens Höfflin. Vor einem Jahr ist der gebürtige Freiburger, der ein Doppeldiplom in Ingenieurswissenschaften und Physik hat, nach Shenzhen gekommen. Nun entwickelt er medizinische Geräte. Der 36-Jährige nimmt teil am HAX, einem 2011 von zwei In­vestoren aus dem Silicon Valley gegründeten Accelerator-Programm für Hardware. Dieses Programm hilft Start-ups aus der ganzen Welt dabei, Ideen in echte Produkte zu verwandeln. Die Unternehmer erhalten dafür ­einen Arbeitsplatz, Beratung und ein Startgeld in Höhe von 150000 US-Dollar. Das Programm beinhaltet auch den Aufenthalt für ein paar Monate im Silicon Valley. Im Gegenzug geben sie zwischen 9 und 15 Prozent ihres Unternehmens ab.

«Diese Anschubfinanzierung ist aber gar nicht der grösste Vorteil», sagt Höfflin. Die Kontakte vor Ort seien der wahre Wert. «Da alle hier Hardware machen und oft ähnliche Probleme haben, kann man sich gegenseitig helfen.» Oder wie US-Unternehmer Alan Chang Shen­zhen beschreibt: «Die ganze Stadt eine Werkstatt für die Zukunft. Jeder, der eine Idee hat, kann sofort loslegen.»

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