«Das konnte nicht gut gehen»

Wolfsburg ist dank des VW-Konzerns die wirtschaftlich stärkste Stadt in Deutschland. Der Skandal um Abgaswerte droht die Einnahmen nun zu schmälern. Angespannt wirken auch viele VW-Mitarbeiter.

Christoph Reichmuth/Wolfsburg
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«Es wird nicht ohne Schmerzen gehen»: Jede Ausgabe wird bei den VW-Werken auf den Prüfstand gestellt. (Bild: Christoph Reichmuth)

«Es wird nicht ohne Schmerzen gehen»: Jede Ausgabe wird bei den VW-Werken auf den Prüfstand gestellt. (Bild: Christoph Reichmuth)

In der «Tunnel Schänke bei Bruno» ist an diesem Nachmittag wenig Betrieb. Ein junger Mann wirft Münzen in einen Geldspielautomaten, sein älterer Kollege gönnt sich am Nebentisch einen Kaffee. An der Bar sitzen zwei ältere Männer. Müde von der Schicht blättern sie in der Zeitung, schweigend trinken sie einen Espresso. In der Ecke hängt ein überdimensionierter Flachbildschirm an der Wand, rundherum Wimpel und Fahnen des VfL-Wolfsburg. Restaurantbesitzer Bruno raunzt den fremden Fragesteller an, der die Ruhe zu durchbrechen wagt. «Ich hab die Schnauze voll», sagt der Inhaber der «Tunnel Schänke», so etwas wie die unabhängig geführte Betriebsgaststätte des VW-Werkes. Seit Wochen schon, erzählt Bruno, würden Kamerateams und Journalisten aus aller Welt seine Kneipe mit ihren lästigen Fragen in Beschlag nehmen. «Dabei wollen meine Kunden doch bloss ihre Ruhe.»

Korridor in eine andere Welt

In Wolfsburg ist seit September nichts mehr, wie es einmal war. Ein Skandal hat den wichtigsten Arbeitgeber in der 1938 auf Adolf Hitlers Reissbrett entstandenen Autostadt in seinen Grundfesten erschüttert. 120 000 Menschen leben hier, 60 000 arbeiten im VW-Werk, das sich jenseits von Mittellandkanal und Bahngleisen imposant erstreckt und über das Tor 17 und einen langen unterirdischen Korridor erreichbar ist.

Und nun dieser Abgasskandal. 6,5 Milliarden Euro hat Europas grösster Autobauer fürs erste zurückgestellt, doch das wird kaum reichen. Strafzahlungen, Prozesse, Umrüstungen, Anwaltskosten, das wird sich summieren. Die Landesbank Baden-Württemberg geht von einem Schaden von 47 Milliarden Euro aus. Der Gürtel wird enger geschnallt. VW-Vorstandschef Matthias Müller kündigte gegenüber der Belegschaft an, dass geplante Investitionen auf den Prüfstand gestellt würden. Es werde «nicht ohne Schmerzen gehen». Solche Worte hören sie im VW-Werk, beim Fussballclub mit Hauptsponsor VW und in der Stadtverwaltung an der Porschestrasse nicht gerne.

Der Wolfsburger Oberbürgermeister Klaus Mohrs hat bereits einen Einstellungsstop und eine Haushaltssperre erlassen, weil man fürchtet, dass die Gewerbesteuereinnahmen drastisch sinken werden. Dem Autobauer hat es Wolfsburg zu verdanken, dass sie heute die wirtschaftlich stärkste Stadt in Deutschland und schuldenfrei ist. Mit einem Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf von 92 600 Euro liegt die Stadt, die dank der Autoindustrie gleich viele Arbeitsplätze wie Einwohner hat, gar noch vor der Finanzmetropole Frankfurt. Berlin, zum Vergleich, kommt auf 31 504 Euro. Eine Studie aus dem Jahr 2013 belegt, dass Volkswagen mehr als zwei Drittel der gesamten Wertschöpfung der 50 grössten Unternehmen in Niedersachsen ausmacht. Der Umsatzanteil des VW-Konzerns an den 100 umsatzstärksten Unternehmen im Bundesland liegt bei 52 Prozent. Wenn VW hustet, dann hat Niedersachsen die Grippe.

«Andere haben auch getrickst»

Die Stimmung unter den 60 000 Mitarbeitern im VW-Werk ist – man kann es nur vermuten – angespannt. Nur sagen will das kaum jemand. Man ist loyal zum wichtigsten Arbeitgeber in der Region. Viele profitieren von vergleichsweise hohen Gehältern. «Andere Autobauer haben ja auch getrickst», sagt ein junger VW-Mitarbeiter im Vorbeigehen. Es ist ein Satz, wie man ihn an diesem Nachmittag mehrmals hört. Wenige Stunden zuvor machte die Meldung die Runde, dass das deutsche Kraftfahrt-Bundesamt auch den Kohlendioxidausstoss anderer Autobauer prüfen lasse, offenbar gibt es Indizien, dass auch andere Hersteller geschummelt haben.

In der «Tunnel Schänke» ist es nun etwas betriebsamer. Einige von der Montage oder von der technischen Abteilung schauen bei Bruno noch auf einen Kaffee vorbei. Alexander wirkt gereizt. «Sind die Bremsen bei VW kaputt, klemmen die Räder oder gehen die Motoren in Flammen auf? Gibt es Tote wegen der Abgaswerte? Der Aufschrei in den Medien ist total übertrieben», sagt der 44-Jährige, seit 25 Jahren treuer VW-Mitarbeiter. Klar, es geht um Milliarden und vielleicht um Arbeitsplätze. «Die Verantwortlichen haben vorsätzlich gehandelt, die dürfen nicht noch mit einer Abfindung belohnt werden. Wir erhalten auch keine Abfindung, wenn sie uns rauswerfen.»

Unbedingt an Toyota vorbeiziehen

Sein 26jähriger Kollege Marcel, seit seinem 20. Lebensjahr im VW-Werk, geht davon aus, dass der Bonus fürs nächste Jahr gestrichen wird. Klar fürchteten sich viele vor dem Jobverlust. Dass jemand aus dem Betrieb sich fotografieren lässt und unter seinem richtigen Namen in der Zeitung kritische Aussagen zu VW tätige, das könne man gleich vergessen, meint er: «Leid tun mir vor allem jene Kollegen mit Zeitverträgen. Die erwischt es am ehesten.» Wie das passieren konnte mit der Schummelei, das ist den VW-Leuten in der «Tunnel Schänke» ein Rätsel. «Die wollten mit der Brechstange an Toyota vorbeiziehen, das konnte ja nicht gutgehen», sagt ein älterer Kollege, der an der Bar sitzt. Einig sind sich die Leute hier, dass der Abgang des Konzernpatriarchen Ferdinand Piëch ein Fehler war. «Würde man die Leute fragen, würden sie sich den Doktor Piëch zurückwünschen. VW wurde zu dem, was es heute ist, dank Piëch. Er hat immer gewusst, wovon er spricht», sagt Alexander fast ehrfurchtsvoll.

Für die Jungen wird es schwierig

Der Himmel über Wolfsburg verdunkelt sich nun. Aus dem Tor 17 treten jetzt jene heraus, deren Schicht nun endet. Und jene steigen den dunklen langen Korridor hinab, deren Arbeit erst beginnt. Die gebürtige Polin Margarete Baschek betreibt seit vielen Jahren einen Kiosk, an dem die VW-Mitarbeiter auf dem Weg zur Arbeit vorbeigehen. Bevor sie den Kiosk übernommen hat, arbeitete auch sie 15 Jahre lang für VW. Auf einer kleinen Bank sitzen einige VW-Mitarbeiter zum Feierabend zusammen und hören dem Gespräch zu. «Das Problem ist: Man weiss nicht, was sonst noch alles ans Licht kommt», sagt ein 52-Jähriger. Für die jungen Wolfsburger, die nach der Schule einen Job suchen, werde es jetzt schwieriger. Aber irgendwann komme das schon wieder gut, man müsse optimistisch sein.

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