Lieferdienst
«Das ist eine Schande für die Migros»: Neue Kooperation mit Uber-Konkurrent sorgt für heftige Kritik

Die Detailhändlerin expandiert mit der Westschweizer Firma, um Lebensmittel-Bestellungen noch schneller nach Hause zu liefern. Doch diese ist bei den Gewerkschaften heftig umstritten.

Benjamin Weinmann
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Die Westschweizer Firma Smood will Migros-Lebensmittel schon bald auch in der Deutschschweiz ausliefern.

Die Westschweizer Firma Smood will Migros-Lebensmittel schon bald auch in der Deutschschweiz ausliefern.

Zvg

Wenn es Gewinner in dieser Coronakrise gab, dann gehören sie definitiv dazu: Die Lieferdienste, die während der Lockdowns in den Kantonen dafür sorgten, dass man die Pizza, das Sushi oder den Burger vom Restaurant auch zu Hause geniessen konnte. Am bekanntesten sind der US-Anbieter UberEats und die niederländischen Firma Eat.ch. Doch mit «Smood» mischt seit 2012 auch ein Schweizer Unternehmen im stark umkämpften Kurier-Markt mit. In 18 Städten ist Smood bereits präsent.

In der Romandie belässt es Smood aber nicht nur bei Kooperationen mit Restaurateuren. Vor einem Jahr ging sie eine Partnerschaft mit der Migros Genossenschaft Genf ein (diese Zeitung berichtete). Kunden können so ihre Migros-Lebensmittel bestellen, die Lieferung erfolgt innerhalb von einer Stunde durch einen Smood-Angestellten auf einem Velo oder Töff. Die Lieferpauschale beträgt mindestens 4.85 Franken und das Sortiment umfasst 7000 Artikel. Die Kooperation überraschte, da die Migros mit «LeShop» bereits einen Online-Lieferdienst hatte, der inzwischen Migros online heisst. Doch dort erfolgt die Lieferung frühestens am Tag nach der Bestellung. Smood ist also deutlich flexibler.

Das zahlte sich im Corona-Jahr 2020 aus. «Mit dem Home-Office haben wir bei der Nachhauselieferung mindestens zwei oder drei Jahre in der Entwicklung gewonnen», sagte Smood-Gründer Marc Aeschlimann kürzlich im hauseigenen Magazin. Und auf Anfrage sagt er, dass bereits über 100'000 Migros-Bestellungen abgewickelt wurden, zum Teil auch von Migros-Töchterfirmen wie Melectronics, Do-it oder SportXX.

Bald in Zürich, Basel, Luzern und St. Gallen?

Das ist auch anderen Migros-Genossenschaften nicht entgangen. Im Juli kamen diverse Regionen im Kanton Waadt hinzu, im September im Tessin und vergangene Woche startete Smood Migros-Lieferungen in den Walliser Städten Martigny und Sion, wie Smood-Chef Aeschlimann auf Anfrage sagt. Und auch der Sprung über den Röstigraben ist geplant. Zwar entscheide jede der zehn Migros-Genossenschaften für sich allein. «Aber unser Ziel ist es, unsere Lieferdienste in allen Städten bereitzustellen, wo wir bereits mit den Restaurants arbeiten, wie zum Beispiel in Zürich, Basel, Luzern, Zug oder St. Gallen.» Anfang 2021 soll die Premiere in der Deutschschweiz erfolgen.

Nur: Die Expansion von Smood und der Migros geschieht nicht ohne Zwischenrufe. Vor einem Jahr hatte die Gewerkschaft Syndicom in der SRF-Sendung «Kassensturz» harsche Kritik am Geschäftsmodell von Smood geäussert. Die Kuriere würden pro Stunde brutto 19 Franken verdienen, und müssten für private Auslagen wie das Handy oder das Fahrzeug mehrheitlich selber aufkommen – ohne garantierte Arbeitszeit. Schicht-Fahrpläne würden meist kurzfristig verschickt.

Für die Migros und Smood sind alle Kritikpunkte heute gegessen. «Wie sich später zeigte, waren die Vorwürfe allesamt haltlos», sagt ein Migros-Sprecher. Man arbeite gerade deshalb mit Smood zusammen, weil der Umgang mit den Mitarbeitenden fair sei. Sie seien vollwertig angestellt, profitierten von Sozialversicherungen, festgelegten Arbeitszeiten und fixen Gehältern. Dies ist ein unausgesprochener Seitenhieb gegenüber der Firma Uber, die sich weigert, die Kuriere als feste Angestellte zu betrachten. Nur: Die Migros-Genossenschaften Aare und Luzern arbeiten derzeit mit UberEats derzeit zusammen.

Gross geworden ist Smood mit Restaurant-Lieferungen. Nun will sie vermehrt auch Migros-Lebensmittel ausliefern.

Gross geworden ist Smood mit Restaurant-Lieferungen. Nun will sie vermehrt auch Migros-Lebensmittel ausliefern.

zvg

Auch Smood-Chef Aeschlimann weist jegliche Kritik von sich. Die Vorwürfe seien unbegründet gewesen und hätten mehrheitlich auf Aussagen einer einzelnen Person mit finanzieller Motivation basiert. «Unser Geschäftsmodell wird regelmässig von den Behörden kontrolliert, wie das üblich ist. Die Anstellungsbedingungen des Personals gehörten zu den Hauptanliegen von Smood. «Wir müssen aber auch dem Markt Rechnung tragen und angesichts der Konkurrenz kompetitiv bleiben.»

Alles kein Problem also? Nicht für David Roth, Zentralsekretär der Gewerkschaft Syndicom. Absolut nichts habe sich an der misslichen Situation des Smood-Personals geändert. «Wir sind überzeugt: Smood verstösst gegen das Gesetz.» Die alten Vorwürfe hätten nach wie vor ihre Gültigkeit. Zudem habe man regelmässig Fälle vor den Schlichtungsbehörden, bei denen es um Verstösse gegen das Arbeitsgesetz gehe. So würden manche Angestellte 30 Tage in Folge arbeiten, und Überstunden würden teils nicht bezahlt.

In einigen Regionen, wie zum Beispiel Zürich, gebe es zwar eine Einsatzplanung, sagt Roth. In anderen Regionen wie Genf werde hingegen nach wie vor das gesamte unternehmerische Risiko auf die Arbeitnehmenden abgewälzt. Die Smood-Kuriere seien dem Plattform-System und den kurzfristigen Buchungen der Kunden gänzlich ausgeliefert.

David Roth, Zentralsekretär der Gewerkschaft Syndicom und Präsident der SP Luzern, übt heftige Kritik an der Migros-Smood-Partnerschaft.

David Roth, Zentralsekretär der Gewerkschaft Syndicom und Präsident der SP Luzern, übt heftige Kritik an der Migros-Smood-Partnerschaft.

Nadia Schärli / Luzerner Zeitung

«Die Migros verschliesst absichtlich beide Augen», sagt Roth. Sie bereichere sich mit dieser Kooperation an den Schwächsten der Gesellschaft, da sie deren Ausbeutung durch einen Dritten organisiere. «Das ist eine Schande für die traditionsreiche Migros-Genossenschaft.» Man erwarte von Smood, dass die Firma sofort mit Syndicom in Dialog trete und Verhandlungen über einen Gesamtarbeitsvertrag aufnimmt. Schliesslich existiere ein solches Vertragswerk für die Food- und Velokurierbranche seit vergangenem Jahr.

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