Interview

«Das ist die Protein-Pflanze der Zukunft»: Thurgauer Unternehmer über den Wunderbaum mit Potenzial:

Ralf Schönung und die Vitarbo AG in Arbon beschäftigen sich mit der Gewinnung von Pulver aus der Moringa-Pflanze.

Stefan Borkert
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Moringa-Protein enthält alle essenziellen Aminosäuren für den menschlichen Bedarf.

Moringa-Protein enthält alle essenziellen Aminosäuren für den menschlichen Bedarf.

pd

Sie erforschen die Nutzung der Blätter des Meerrettichbaums, auch Wunderbaum genannt, der unter anderem im Himalaja wächst. Woher bekommen Sie die Pflanze?

Ralf Schönung: Moringa wächst nicht nur im Himalaja, sondern ist rund um die Erde zu finden und wächst am besten in sonnig-warmen Gebieten, oft im Tropengürtel. Für unsere Versuche und Entwicklungsarbeiten können wir frische Blätter zum Beispiel aus Indien, Afrika oder Südspanien beziehen. Eine Produktionsanlage für Moringa-Protein im grossen, industriellen Massstab muss dann aber im Anbaugebiet entstehen.

Wer sind die Adressaten, also Händler, Kunden für dieses Produkt?

Alternative, neue Proteinquellen werden in der Lebensmittelindustrie und auch in der Futtermittelindustrie gesucht. Vor allem pflanzliche Proteinquellen werden immer wichtiger, da die Produktion von Fleisch an ihre ökologischen Grenzen stösst. Unsere zukünftigen Kunden oder Partner werden daher Lebensmittelproduzenten oder Lebensmittel-Rohstoffhändler sein, die proteinreiche Produkte herstellen. Typisch wären Produkte für Aufbau- und Diäternährung oder sogenannte Low-Carb-Produkte, die mehr Proteinanteil in die Rezeptur bekommen wollen.

Ralf Schönung, Geschäftsführer und Verwaltungsrat der Vitarbo AG.

Ralf Schönung, Geschäftsführer und Verwaltungsrat der Vitarbo AG.

pd

Sie haben eine weitere Finanzierungsrunde eingeläutet, wann soll Vitarbo Gewinn abwerfen?

Zusammen mit der Innosuisse-Förderung sind die Vorhaben im Rahmen des Protein-Projekts für die nächsten drei Jahre finanziert. Wir planen parallel den Aufbau einer Pilotanlage und möglicherweise die Anpflanzung von Moringa auf grösseren Flächen. Dafür sind weitere Investitionen und Kapitalerhöhungen in der Vitarbo in den nächsten zwei bis drei Jahren denkbar. Unser Businessplan ist langfristig ausgelegt und eine Produktion von Moringa-Protein im industriellen Massstab ist erst in drei bis vier Jahren geplant. Danach erst kann mit Gewinn aus diesem Produktsegment gerechnet werden.

Sehen Sie sich als eine Art Entwicklungshelfer für faire Produktion des Rohstoffes vor Ort?

Moringa wächst tatsächlich in Regionen, die oft in Schwellen- oder Entwicklungsländern sind. Der Moringa-Anbau oder auch eine Moringa-Protein-Produktion hilft daher in diesen Regionen, die Wirtschaft zu entwickeln und neue Export-Produkte zu schaffen. Auch ist der Bedarf an hochwertigen Lebensmitteln und Proteinversorgung in diesen Regionen mindestens genauso wichtig, wie wenn wir an uns selbst denken. Klassische Entwicklungshelfer für Kleinprojekte sind wir nicht.

Warum nicht?

Wir müssen im grossen Massstab denken und nachher industriell und ökonomisch anbauen und verarbeiten. Fairer Umgang und ökologisches Handeln ist aber stets oberstes Gebot unseres Unternehmens.

Moringa könnte die Proteinpflanze der Zukunft sein.

Moringa könnte die Proteinpflanze der Zukunft sein.

pd

Sie haben bereits das Baobab-Pulver im Angebot. Wie läuft der Verkauf?

Wir hatten zu Beginn unserer Tätigkeiten vor, auch andere exotische Frucht- und Gemüsepulver zu vertreiben. Letztlich haben wir uns aber nur auf Moringa spezialisiert. Baobab spielt bei uns nur eine Nebenrolle. Wir bieten aktuell Moringa als getrocknete und geschnittene Blätter an, für Tee oder für Gewürzmischungen. Oder als sehr fein gemahlenes Pulver, das zum Beispiel in Nahrungsergänzungsprodukten oder Teig- oder Backwaren oder in der Getränkeindustrie verwendet wird. Eine Besonderheit ist auch das Moringa-Extrakt-Pulver. Ein Konzentrat, das für Eistee oder Energydrinks oder auch für Süsswaren geeignet ist.

Welche Pflanzen kommen für Ihr Geschäftsmodell noch in Frage?

Die Entwicklung des Extraktionsprozesses von Protein aus Moringa-Blättern ist möglicherweise auch in ähnlicher Form auf andere Pflanzen anwendbar oder adaptierbar. Wir haben und belassen unseren Fokus jedoch bis auf weiteres nur auf Moringa. Wir wissen, dass Moringa den doppelten bis dreifachen Protein-Output pro Hektar haben kann wie Soja-Anbau. Zudem beinhaltet Moringa-Protein alle essenziellen Aminosäuren für den menschlichen Bedarf. Damit ist Moringa für uns die absolute Protein-Pflanze der Zukunft.

Wie sieht die personelle Ausstattung und Planung von Vitarbo aus?

Wir befinden uns aktuell in einer Phase von Forschung und Entwicklung. Noch sind wir kein Unternehmen, das Gewinne abwirft. Im Projekt Team sind in den nächsten drei Jahren durchschnittlich vier Personen seitens der Fachhochschule Bern (HAFL) geplant. Dort ist auch ab Sommer eine neue Doktorandenstelle vorgesehen und es sind im Schnitt zwei Personen seitens Vitarbo geplant, die zum einen bei den Forschungs- und Entwicklungsarbeiten mitarbeiten, aber auch die Projektleitung und die generelle Geschäftsentwicklung machen.

Wunderbaum mit sechs bis acht Ernten pro Jahr

Die Suche nach neuen Lebensmitteln gewinnt angesichts der wachsenden Weltbevölkerung, des Klimawandels und des steigenden Bedarfs an hochwertigen Lebensmitteln an Bedeutung. Das gilt besonders für pflanzliche Proteine. Neben Soja, Reis, Getreide, Erbsen, Linsen und andern pflanzlichen Proteinquellen, sucht gerade die Lebens- und Futtermittelindustrie weitere geeignete Pflanzen.
Die Arboner Vitarbo AG, beschäftigt sich seit fünf Jahren mit der Nutzung von Moringa für Lebensmittelzwecke. Moringa, auch Wunder- oder Meerrettichbaum genannt, wächst am besten in tropischen Regionen mit viel Sonne und kann sechs bis acht Mal pro Jahr geerntet werden. In einem Anbau- und Produktionsmodell wurde der doppelte Proteinertrag im Vergleich zu Soja ermittelt.
Daher legt die Vitarbo AG den Schwerpunkt ihrer Aktivitäten auf die Gewinnung von hochwertigem Protein aus den frischen Blättern der Pflanze. Nach erfolgreichen Vorversuchen und dem Aufbau von Know-how im Bereich Proteingewinnung, wurde zusammen mit Hochschule für Agrar-, Forst und Lebensmittelwissenschaften, einem Departement der Berner Fachhochschule (BFH-HAFL), ein Innovationsprojekt ausgearbeitet und die Förderung durch Innosuisse (Schweizerische Agentur für Innovationsförderung) beantragt.

70 Prozent des Blattproteins nutzbar machen


Ende März wurde dieses Gesuch bewilligt. Für die kommenden drei Jahre steht für das Forschungsvorhaben ein Gesamtbudget von 700'000 Franken zur Verfügung. Ziel des Projektes ist es, einen industriell skalierbaren Prozess zur Proteingewinnung zu entwickeln.
Durch aufeinanderfolgende Verarbeitungsschritte entstehen diverse proteinreiche Produkte mit unterschiedlichen sensorischen und funktionellen Eigenschaften, welche sich für den Einsatz in der Lebens- oder Futtermittelindustrie eignen. Angestrebt ist die Nutzbarmachung von mehr als 70 Prozent des gesamten Blattproteins. (bor)