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Das Heldenbild bekommt Kratzer: Warum der Ruf des Novartis-Chefs leidet

Vas Narasimhan wollte vieles anders und besser machen als seine Vorgänger. Doch nun gerät wegen des Umgangs mit manipulierten Daten unter Druck.
Andreas Möckli
Das glänzende Bild von Novartis-Chef Vas Narasimhan bröckelt. Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone

Das glänzende Bild von Novartis-Chef Vas Narasimhan bröckelt. Bild: Gian Ehrenzeller/Keystone

Er meditiert fast täglich, macht nahezu bis zu einer Stunde Sport, meist morgens. Er nimmt die Treppe statt den Lift, ernährt sich vegetarisch. Zudem fastet er an Arbeitstagen bis zu 16 Stunden. In dieser Zeit gibt es nur Kaffee, Wasser und Proteine. Intervallfasten nennt sich das – und liegt voll im Trend. Heilig sind ihm zudem seine fünf Wochen Ferien.

Dieses Konzept ist nicht etwa in einem Buch zum Thema Selbstoptimierung nachzulesen. Nein, es stammt von Novartis-Chef Vas Narasimhan.

Er werde oft gefragt, woher er die Energie für diesen Job nehme, schreibt der 42-Jährige auf dem Online-Karriereportal Linkedin. «Ähnlich wie bei Sportlern muss ich mich körperlich und geistig vorbereiten, damit ich meine Höchstleistungen erbringen kann.» Es sei der einzige Weg, um genug Kraft für das Amt des Konzernchefs zu haben – und für seine wichtigste Aufgabe: Vater und Ehemann.

Solche Sätze sind neu für die Schweizer Wirtschaftsgilde. Noch nie hat ein Topmanager ungefragt so viel Persönliches von sich preisgegeben. Er bewegt sich auf sozialen Medien wie Twitter oder Instagram. Vas, wie ihn alle nennen, stellt selbst Ferienfotos ins Netz, so etwa kürzlich ein Bild mit seinen beiden Söhnen auf Island. In Interviews spricht er über gutes Führen und darüber, wie Novartis das Vertrauen der Gesellschaft in das Unternehmen nach zahlreichen Skandalen wieder aufbauen will.

Im Tagesgeschäft verschaffte sich Vas mit einem rasanten Start viel Respekt. Schon kurz nachdem er die Leitung des Pharmakonzerns im Februar 2018 übernommen hat, trennt sich Novartis von Firmenteilen oder bringt sie an die Börse. Gleichzeitig zieht sich der Pharmakonzern aus Forschungsgebieten zurück und steigt in das aufstrebende Feld der Gentherapien ein.

Sein erster grosser Fehler als Konzernchef

Bis vor kurzem sah es also so aus, als würde Vas, der Held, der Saubermann, alles richtig machen. Bis zum 6. August. An diesem Tag wurde ein Schreiben bekannt, dass es in sich hat. Die US-Zulassungsbehörde FDA kritisiert Novartis scharf, droht mit rechtlichen Schritten. Der Grund: Mitarbeiter fälschten Testverfahren mit lebenden Mäusen, die für die Zulassung der neuen Gentherapie namens Zolgensma eine Rolle spielten. Noch schwerer wiegt, dass Novartis bereits seit Mitte März von der Manipulation wusste. Der Pharmakonzern wartete dreieinhalb Monate, bis er sich an die FDA wandte. In der Zwischenzeit hatte die US-Behörde grünes Licht für die Gentherapie erteilt.

Die Empörung in den Medien ist gross. Von seinem ersten grossen Fehler ist die Rede. Es sei rätselhaft, wie Vas so etwas passieren könne, sei er doch angetreten, um Novartis frei von weiteren Skandalen zu halten. Als letztes Jahr die Zahlung von Novartis an Ex-Trump-Anwalt Michael Cohen aufflog, gelobte Vas Besserung. Zwar ging der Fehltritt auf das Konto seines Vorgängers Joe Jimenez. Doch Vas musste den Schaden ausbügeln. Er entschuldigte sich umgehend. Und in seiner typischen Art wandte er sich an seine Mitarbeiter: «Gestern war kein guter Tag für Novartis. Auch für meine Familie war es ein schwieriger Tag. Ich ging frustriert und müde schlafen.»

Im Unterschied zur Zahlung an Cohen wird sich Vas für den aktuellen Fall vermutlich nicht entschuldigen. «Wir haben versucht, alles richtig zu machen», sagte er vergangene Woche an einer Telefonkonferenz. Er wies den Vorwurf zurück, die FDA erst so spät informiert zu haben, um die Zulassung nicht zu gefährden. Doch genau diese Lesart hat sich breitgemacht. Mehrere US-Politiker kritisieren Novartis scharf dafür. Ein Ausschuss des Senats verlangt detaillierte Auskünfte zum Fall.

Vas beteuerte, Novartis habe den Dingen zunächst auf den Grund gehen müssen, um zu wissen, was Sache ist. Dazu mussten die fraglichen Tests mit lebenden Mäusen wiederholt werden, was Zeit beansprucht habe. Erst danach habe man die FDA vollständig ins Bild setzen können. Zudem sei stets klar gewesen, dass die fraglichen Daten keinen Einfluss auf die Wirksamkeit des Produkts und die Sicherheit der Patienten gehabt hätten.

Vas fällt auf den harten Boden der Realität

Hatte Novartis also tatsächlich keine andere Wahl, als die FDA erst so spät zu informieren? Die Zweifel sind auch in der Branche gross. «Verdirb es dir nie mit der FDA», lautet die goldene Regel in der Pharmaindustrie. Spätestens Anfang Mai, als die Diskrepanzen bei den fraglichen Daten bestätigt wurden, hätte sich Vas und sein Team an die FDA wenden können – selbst mit unvollständigen Informationen.

Das glänzende Bild von Vas erhält damit Kratzer. Er, der sich wahlweise zum Helden oder Saubermann hochstilisieren liess, fällt nun auf dem Boden der Realität auf. «Ich verstehe nicht, weshalb man es zuliess, dass Vas derart hochgejubelt wurde», sagt einer, der seit vielen Jahren als Berater in der Pharmabranche tätig ist. Tauche ein Skandal auf, sei der Fall umso tiefer. Ein Chef eines derart grossen Konzerns tue gut daran, mit einer gewissen Bescheidenheit aufzutreten, sagt ein anderer Beobachter. Natürlich sei er gewinnend, ein guter Kommunikator, sagen beide. Doch er tappte in die klassische Falle: Er habe das viele Lob, das er erhielt, allzu ernst genommen und es auch noch bewirtschaftet. Im Nachhinein zeigt sich, dass er sich vermutlich überschätzt habe.

Für Beispiele eines rasanten Aufstiegs und steilen Falls muss Vas nicht weit suchen. Sein Vor-Vorgänger Daniel Vasella wurde über Nacht zur Persona non grata, nachdem seine Abgangsentschädigung von 72 Millionen Franken bekannt geworden war. Oder Marcel Ospel, Ex-Chef der UBS, dem angelastet wird, die grösste Schweizer Bank mit seiner Strategie an den Abgrund geführt zu haben. Natürlich ist Vas noch weit von solchen Abstürzen entfernt, doch zeigen sie wie hoch die Fallhöhe in der Wirtschaftswelt sein kann.

Vas gelobt, aus den gemachten Fehler zu lernen. Wenn er zurückdenke, erkenne er Möglichkeiten, wie Novartis diese Situation besser hätte bewältigen können. Das gebe er zu, sagte er am Donnerstag an einer Telefonkonferenz mit 12 000 Führungskräften. Er sei als Führungskraft nicht perfekt und denke, dass «wir alle weiter daran arbeiten werden».

Vielleicht gewinnt Vas ja beim täglich Meditieren neue Erkenntnisse.

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