Das Enttäuschungspotenzial ist hoch

Börsenspiegel

Caroline Hilb Paraskevopoulos, Leiterin Anlagestrategie und Analyse, St. Galler Kantonalbank
Merken
Drucken
Teilen

Der Wirtschaftsmotor brummt, die Unternehmensgewinne werden steigen, und die Geldpolitik bleibt expansiv. Alles gut, könnte man meinen. Dennoch ist Vorsicht angebracht. Denn die starke Performance an den Aktienmärkten ist der effektiven Konjunkturentwicklung davon gelaufen. Zwar hat letzten Monat die starke Aufwärtsbewegung des amerikanischen Leitindexs S&P 500 an Kraft verloren. Dafür haben die europäischen Aktienmärkte und auch der Schweizer Leitindex SMI eine kleine Aufholjagd hingelegt. Während man in den USA ein leichtes Plus von lediglich 1% verzeichnete, legte der SMI um solide 2% zu. Noch besser entwickelte sich der europäische Aktienleitindex Euro Stoxx 50, der im gleichen Zeitraum um beachtliche 3,5% anstieg.

Aktienindizes schon stark entwickelt

Die Stimmungsindikatoren signalisieren eine starke Expansion der Konjunktur, und wir teilen die Meinung, dass das Wirtschaftswachstum in den kommenden Monaten positiv ausfällt. Wir sehen aber angesichts der bereits hohen Erwartungen und der starken Entwicklung der Aktienindizes wenig Potenzial für weitere positive Überraschungen. Solche sind nämlich nötig für eine positive Entwicklung der Aktienmärkte. Ebenfalls beobachten wir die anstehenden politischen Entscheide in der Eurozone. Denn Wahlausgänge können die Entwicklung der europäischen Finanzmärkte beeinflussen. Ein Beispiel ist die Entwicklung der Renditen französischer Staatsanleihen. Die Möglichkeit, dass EU-Gegnerin Marine Le Pen gewinnen könnte, hat zu einem Anstieg der Risikoprämien geführt, was die Renditen nach oben drückte.

Es macht also Sinn, nicht nur den Aktienmarkt zu beachten, sondern die Perspektive zu öffnen. So ist ein weiteres Beispiel für die Verbindung zwischen Politik und Märkten die Wertentwicklung der jeweiligen Währung. Der Brexit hat das Pfund auf Talfahrt geschickt, und die potenziellen politischen Umwälzungen in der Eurozone belasten zu einem gewissen Teil bereits den Euro.

Blick auf die US-Geldpolitik

Immer mehr US-Firmen beklagen, dass sie kaum noch qualifiziertes Personal finden. Aus diesem Grund sollten die Löhne in den nächsten Monaten ten­denziell steigen. Der Konsum dürfte deshalb ebenfalls zunehmen, und die protektionistischen Bestrebungen der Regierung Donald Trumps drücken gleichfalls den Inflationsdruck aufwärts. Darum ist es keine Überraschung, dass die US-Notenbank (Fed) den Leitzins erhöht hat und weitere Erhöhungen in diesem Jahr plant.

Ebenfalls taucht auf der Agenda zum ersten Mal das Traktandum «Reduktion der Fed-Bilanzsumme» auf. Damit wird die Lockerung der expansiven Geldpolitik vielleicht zum ersten Mal wieder reduziert und die Geldpolitik restriktiver. Das birgt Gefahr für die Aktienmärkte, weil die Ausweitung der Geldmengen die Aktienmärkte beflügelt hatte.

Caroline Hilb Paraskevopoulos, Leiterin Anlagestrategie und Analyse, St. Galler Kantonalbank