Das Ende der Weltreise

Notgedrungen verabschiedet sich die St. Galler Kantonalbank von Lateinamerika, Osteuropa und der Hyposwiss Genf. Der Fokus liegt nun auf den Kernmärkten.

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Kundenhalle am Hauptsitz der St. Galler Kantonalbank. In diese werden die Hyposwiss-Überbleibsel integriert. (Bild: Urs Bucher)

Kundenhalle am Hauptsitz der St. Galler Kantonalbank. In diese werden die Hyposwiss-Überbleibsel integriert. (Bild: Urs Bucher)

«Es war ein Branchenphänomen», sagt Roman Heinimann. Mit dem Phänomen meint der Bankenanalyst bei Albin Kistler in Zürich: «Vor einigen Jahren wurde einigen Kantonalbanken ihr angestammtes Marktgebiet zu klein.» Und weil unter den Kantonalbanken ein Gentlemen's Agreement galt, wonach eine Bank nicht im Revier ihrer Rivalinnen wildert, sah sich die eine oder andere in der grenzüberschreitenden Vermögensverwaltung um.

Die St. Galler Kantonalbank wurde zunächst in Zürich fündig, wo sie 2002 der UBS die Hyposwiss Privatbank abkaufte. 2008 folgte der Kauf des Genfer Ablegers der Anglo Irish Bank, die in Hyposwiss Genf umbenannt wurde. Die Expansion gab der SGKB einen Schub im Private Banking, seither betreut sie auch Gelder aus Osteuropa und Lateinamerika.

Die Kantonalbank bleibt in Portugal

Dann begann im Herbst 2008 die Finanzkrise. «Seither ist die Finanzwelt eine andere», sagt Heinimann. Das weiss auch SGKB-Chef Roland Ledergerber, der gestern drei Verkäufe bekanntgab: Die Hyposwiss Genf geht an den Vermögensverwalter Mirelis, der Teil ist der alteingesessenen Genfer Mirelis Financial Group. Das Lateinamerika-Geschäft wird an die portugiesisch beherrschte Banque Privée Espirito Santo in Pully verkauft, und das Osteuropa-Geschäft findet Unterschlupf bei der Zürcher Falcon Private Bank, die dem Staatsfonds von Abu Dhabi gehört. «Alle drei neuen Eigentümer kennen sich in diesen Märkten aus», sagt Heinimann.

Ledergerber begründet die Verkäufe mit dem «Umbruch in der Finanzbranche, vor allem in der grenzüberschreitenden Vermögensverwaltung». Der starke Franken, die niedrigen Zinsen, die zunehmende Regulierung, erschwerter Marktzugang, immer anspruchsvollere Kunden, und das obendrein bei relativ geringem Geschäftsvolumen: All das lässt die Margen erodieren und setzt die Bank unter steigenden Kostendruck, wie Ledergerber aufzählt. Heinimann pflichtet ihm bei und ergänzt: «Die Regulierung erfordert immer mehr Spezialisten, vor allem in Rechts- und Steuerfragen. Ausserdem bedingt die grenzüberschreitende Vermögensverwaltung viel Know-how, und das Engagement im Ausland führt zu zusätzlichen Reputationsrisiken.» Das hat auch die SGKB erfahren, etwa beim Wirbel um den Streit der russischen Oligarchen Wladimir Potanin und Oleg Deripaska, in den sich die Hyposwiss hineingezogen sah, oder im Skandal um den US-Finanzbetrüger Bernard Madoff, der viele Hyposwiss-Kunden Millionen kostete.

Die drei Verkäufe führen bei der SGKB zu einem Abfluss verwalteter Vermögen in Höhe von 4,3 Milliarden Franken. Das entspricht gut 11 Prozent jener 38,2 Milliarden Franken, welche die SGKB-Gruppe per Ende 2012 verwaltete. Aus Osteuropa stammten gut 1,7 Milliarden, aus Lateinamerika 1,2 Milliarden. Was bei der SGKB vom Hyposwiss-Komplex bleibt, das sind die übrigen Geschäftsfelder der Hyposwiss Zürich mit 4 Milliarden Franken verwalteter Vermögen vorwiegend von Kunden aus der Schweiz und aus Deutschland. Ebenfalls behalten will die SGKB die portugiesische Onshore-Filiale der Hyposwiss Genf, die 600 Millionen Franken verwaltet, wächst und – anders als die gesamte Hyposwiss Genf – «schön profitabel» ist. Ledergerber erklärt dieses Festhalten mit «einer weiteren Option im Euroraum» neben der Münchner Tochter SGKB Deutschland AG. Heinimann hat dafür kein Verständnis: «Ich hätte im ferneren Ausland tabula rasa gemacht.» Und selbst hinter die deutsche Onshore-Tochter setzt er ein Fragezeichen: «Im deutschen Markt sind die Margen im Private Banking noch viel enger als in der Schweiz. Zudem ist der Aufbau des Geschäfts mit hohen Kosten verbunden.»

«Wenige Entlassungen»

Mit den drei Verkäufen sinkt der Personalbestand der SGKB-Gruppe um 140 auf 930 Personaleinheiten. Das Geschäft der Hyposwiss Zürich bleibt an deren Standort am wichtigsten Schweizer Finanzplatz, wird aber in die SGKB integriert. Gleiches gilt für das Investment Center, das gruppenweit die Anlagepolitik und das Research verantwortet. Künftig arbeiten in Zürich gut 100 Mitarbeitende. Die Integration mache das Geschäft einfacher lenkbar und merze Doppelspurigkeiten aus, sagt Ledergerber. Das kostet zwei Dutzend Stellen, wobei es «wenige Entlassungen» geben dürfte, aber keine am Standort St. Gallen.

Der Verkaufspreis wird geheim gehalten. Nach Abzug des Goodwill-Abschreibers und aller Kosten für Restrukturierung, Transaktion, Migration usw. belasten die Verkäufe die Rechnung 2013 der SGKB einmalig mit 7 Millionen Franken. Weil nach den ersten fünf Monaten der Bruttogewinn um 7 Prozent über Vorjahr liege, stellt Ledergerber dennoch ein Ganzjahresergebnis auf Vorjahreshöhe in Aussicht. 2014 dann soll der Wegfall der verkauften Hyposwiss-Einheiten einen positiven Effekt von 19 Millionen Franken haben, weil der Goodwill abgeschrieben ist und Einsparungen wirksam werden.

Losgelöst vom US-Steuerstreit

Das angepasste Geschäftsmodell der SGKB sieht vor, in ihrem Heimmarkt Ostschweiz Privat-, Firmen- und Gewerbekunden zu bedienen, mit Hypotheken, Krediten, Sparen, Vorsorgen und Anlegen. Hinzu kommt das Private Banking für vermögende Privatkunden und institutionelle Investoren. Im Heimmarkt will die SGKB vor allem dank qualitativ guter Dienstleistungen ihren Marktanteil steigern. «Ergänzendes Wachstum» sucht sie in der übrigen Deutschschweiz im Private Banking und mit Firmenkunden sowie im deutschen Private Banking.

Mit dem Steuerstreit mit den USA haben die Verkäufe von der halben Hyposwiss laut Ledergerber «gar nichts zu tun». Die Hyposwiss Zürich verwaltete «einige hundert Millionen Franken» von US-Kunden, das SGKB-Stammhaus und die Hyposwiss Genf «sehr geringe Beträge in zweistelliger Millionenhöhe». Mittlerweile ist das US-Engagement «praktisch auf Null abgebaut.» Thomas Griesser Kym

SGKB-Chef Roland Ledergerber. (Bild: Urs Jaudas)

SGKB-Chef Roland Ledergerber. (Bild: Urs Jaudas)