Das Coronavirus konnte sich bei Tönnies problemlos verbreiten – was machen Schweizer Schlachtbetriebe besser?

Wäre ein Fall Tönnies auch in der Schweiz möglich? Nein, lautet der Tenor in der Branche. Die Arbeitsbedingungen seien besser, die Hygienevorschriften strenger. Doch Missstände gibt es auch hier.

Gabriela Jordan
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Preisdruck gibt es auch in der Schweiz. Die gesamte Fleischproduktion steht unter Druck.

Preisdruck gibt es auch in der Schweiz. Die gesamte Fleischproduktion steht unter Druck.

Mareycke Frehner

Wegen des Corona-Ausbruchs beim deutschen Fleischverarbeiter Tönnies herrschen um die Region Gütersloh in Nordrhein-Westfalen inzwischen wieder Lockdown-Zustände. Am Dienstag hat die Landesregierung weitere Massnahmen verkündet, Kinos und Fitnessstudios müssen zum Beispiel wieder schliessen. Von der Tönnies-Belegschaft wurden bislang über 1500 Personen positiv auf das Coronavirus getestet. 7000 Mitarbeiter des deutschen Branchen-Riesen sind für zwei Wochen in Zwangsquarantäne.

Der Fall Tönnies schlägt international hohe Wellen – und ruft die Frage auf, ob ein solcher in Schweizer Fleischbetrieben ebenfalls möglich wäre. Aus der Branche ist auf diese Frage ein deutliches Nein zu hören. «Tönnies ist fast so gross wie alle Schweizer Schlachthöfe zusammen», sagt Ronny Hornecker, Verwaltungsratspräsident des Schlachtbetriebs Zürich (SBZ).

«Wir haben 70 Mitarbeiter – ein solcher Corona-Brandherd wäre bei uns allein wegen der Grössenverhältnisse nicht denkbar.»

Auch Philipp Sax vom Schweizer Fleisch-Fachverband (SFF) weist auf die «völlig anderen Dimensionen» in deutschen Fleischbetrieben hin.

Über den Eklat bei Tönnies zeigen sich die beiden nicht überrascht. Die ganze Situation sei in erster Linie auf den Preisdruck zurückzuführen. Dieser sei in Deutschland immens, die prekären Arbeitsbedingungen in den Fleischbetrieben bekannt. «Es war eine Frage der Zeit. Dort wo der grösste Preisdruck ist, passiert irgendwann etwas. Der erste Skandal in einem deutschen Fleischbetrieb war es ausserdem nicht», sagt Hornecker.

Bessere Bedingungen und strengere Hygieneregeln

Den Preisdruck spürt man zwar auch hierzulande, dennoch sind die Arbeitsbedingungen in Schweizer Schlachtbetrieben deutlich besser. Während Tönnies häufig temporäre Arbeitskräfte über Subunternehmen bezieht und in engen Baracken unterbringt, sind hier die meisten fest angestellt und leben in normalen Wohnungen. Die Branche hat zudem einen allgemeinverbindlichen Gesamtarbeitsvertrag, der vom Schweizer Fleisch-Fachverband SFF und dem Metzgereipersonalverbandes MPV ausgehandelt wurde.

Höher gewichtet werden in der Schweiz darüber hinaus die Qualitätsstandards und die Hygienevorschriften. Die Schlachtbetriebe, die sich ohnehin schon strenge Auflagen gewohnt seien, hätten die zusätzlichen Schutzmassnahmen gegen das Coronavirus gewissenhaft umgesetzt, versichert Philipp Sax. Hilfreich seien dabei die Erfahrungen mit der Schweinegrippe vor zehn Jahren gewesen. Ronny Hornecker bestätigt dies: In der Kantine des Zürcher Schlachtbetriebs seien die Abstandsregeln schon Mitte Februar – also vier Wochen vor dem Lockdown – eingeführt worden.

Tiefe Löhne und Unfallrisiko

Alles in allem ist die Fleischbranche aber auch in der Schweiz ein hartes Pflaster – dass es auch hier zu einem Skandal kommen könnte, lässt sich nicht ausschliessen. Immer höhere Auflagen gehen mit einem steigenden Preisdruck einher. Die gesamte Produktionskette steht unter grossem Druck – vom Fleischproduzent über den Schlachthof bis hin zur Metzgerei. Die Arbeit in einem Schlachtbetrieb ist dabei besonders hart. Nur wenige Schweizer wollen diese Arbeit machen, viele der Angestellten sind ausländischer Herkunft. Hinzu kommt, dass die Tätigkeit nicht ungefährlich ist: Laut einer Unfallstatistik des Bundes kommt es in der Fleischwirtschaft jährlich zu über 2000 Unfällen, die Hälfte davon durch Schneiden, Stechen oder Schürfen.

Erstaunlich ist deshalb, dass von der Arbeitnehmerseite kaum jemals laute Forderungen zu hören sind. Spricht man mit Giusy Meschi, Geschäftsführerin des Metzgereipersonalverbandes MPV, weiss man warum: Sie vertritt eine Politik der kleinen Schritte und ist bestrebt, die Branche in einem guten Licht darzustellen. «Unsere Arbeitsbedingungen sind zwar hart, aber Arbeitsbedingungen lassen sich überall verbessern.» Und weiter:

«Es hat keinen Sinn, Forderungen laut hinauszuschreien bis sich alle sträuben. Unser Ziel ist eine nachhaltige Verbesserung, hinter der alle Partner stehen. Das erreicht man nur mit Dialog.»

Die Sozialpartnerschaft in der Fleischbranche beurteilt Meschi als eine der besten in der Schweiz.

Zum Fall Tönnies sagt Meschi: «Es tut mir leid für all die Menschen dort. Unsere Branche soll dadurch aber nicht noch mehr Schaden erleiden. Wir tun unser Möglichstes, damit so etwas hier nicht passiert.» Den hiesigen Fleischverarbeitern windet sie bezüglich der Vorkehrungen gegen Corona «ein Kränzchen»: Den allermeisten sei es gelungen, innert kürzester Zeit die notwendigen Schutzmassnahmen umzusetzen. Risikopatienten wurden geschützt, die Krise sei vorerst überstanden.

Wird Fleisch in Deutschland nun teurer?

Für welche Verbesserungen der Arbeitsbedingungen sich Meschi unabhängig von der Coronapandemie einsetzt, will sie nicht mitteilen. Ein neu ausgehandelter GAV liege derzeit beim Seco zur Prüfung vor. Harte Worte findet sie dafür für jene Konsumenten, die jetzt wieder dem Einkaufstourismus frönen. «Als die Grenzen geschlossen waren, hat unsere Branche mit viel Effort die Versorgung gewährleistet. Diejenigen, die in dieser Zeit die Regale leer gekauft hatten, waren die ersten, die nach der Grenzöffnung wieder günstiges Fleisch im nahen Ausland holten – den Umsatzrückgang spüren Metzger in den Grenzregionen deutlich.»

Ob der Preisdruck durch den Fall Tönnies nachlässt und Fleisch in Deutschland nicht mehr zu Spottpreisen erhältlich sein wird, darüber wagen die Branchenvertreter nicht zu spekulieren. Dafür bräuchte es eine nachhaltige Veränderung des Systems, sagt Philipp Sax. «Bleibt Fleisch unter dem Preisdiktat der deutschen Detailhändler, dann bleibt alles beim Alten.»

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