Zuwanderung

Das Boot scheint den Schweizern wieder mal zu voll

Die Kehrseite des Erfolgsmodells Schweiz drängt sich mit Macht in den Vordergrund. Es entwickelt sich nicht primär eine Überfremdungsdebatte, sondern eine von hauptsächlich ökonomischen Argumenten geprägte Diskussion.

Marcel Speiser
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Bedroht die Zuwanderung das Erfolgsmodell Schweiz

Bedroht die Zuwanderung das Erfolgsmodell Schweiz

Keystone

Polit-Rowdy Giuliano Bignasca will eine Mauer zwischen Italien und dem Tessin. Die Grünen wollen nur noch Öko-Firmen in der Schweiz ansiedeln. Die Ecopop-Umweltschützer wollen die Zuwanderung radikal begrenzen. Die SVP will die Personenfreizügigkeit mit der EU kündigen.

In der Schweiz macht sich wieder einmal eine Zuwanderungsdebatte breit. Ausländer werden für fast alles, was schlecht läuft im Land, (mit)verantwortlich gemacht.

Es heisst: Sie verstopften die Pendlerzüge und Autobahnen, trieben den Stromverbrauch hoch, sorgten für explodierende Mieten und Immobilienpreise, drängten den einheimischen Mittelstand von der Stadt in die Agglo ab. Und – fast noch schlimmer: Die Ausländer krallten sich unsere Jobs, drückten unsere Löhne.

Von rechts und links alimentierte Kakofonie

Noch ist die neue Zuwanderungsdebatte eine von rechts und links alimentierte Kakofonie. Klar scheint nur: Es entwickelt sich nicht primär eine Überfremdungsdebatte, sondern eine von hauptsächlich ökonomischen Argumenten geprägte Diskussion. Eine Debatte über Gewinner und Verlierer der jüngsten Einwanderungswelle.

Welche Fakten dürfen als etabliert gelten? Erstens: Diverse Branchen im Land funktionieren nur dank der Arbeitskraft von Ausländern – Gesundheitswesen, Gastronomie, Tourismus, Bau, Reinigung, Entsorgung, Detailhandel. Zweitens: Die Offenheit der Schweizer Grenzen für Waren und für Personen – Konsumenten, Arbeiter, Angestellte – ist für die Volkswirtschaft als Ganzes von Vorteil. Seit im Juni 2002 die Personenfreizügigkeit mit der EU eingeführt wurde, hat sich die Schweiz von einer «Schnecke» zu einem «helvetischen Tiger» entwickelt, wie es UBS-Ökonom Caesar Lack in Anspielung auf die schnell wachsenden Tiger-Staaten in Asien formuliert.

Der Wohlstand hat sich vermehrt

Der Wohlstand im Land hat sich – gemessen am Bruttoinlandprodukt – also klar vermehrt – angeheizt von der Zuwanderung. Aber: Weil man vom Wachstum die Krankenkassenprämie nicht zahlen kann, sondern nur vom Lohn, fragt sich: Wem hat die gestiegene Wertschöpfung genützt? Wem geschadet?

Dabei zeigen Studien: 2008 hatte der durchschnittliche Arbeitnehmer real rund 2 Prozent weniger Geld im Portemonnaie als zehn Jahre zuvor. Zugelegt haben nur Gutverdiener (siehe Grafik). Das heisst: Das beschleunigte Wachstum der letzten Jahre hat nicht allen genützt, beim Gros der Leute stagniert das Einkommen.

Nur: Ist dafür die Zuwanderung respektive die Personenfreizügigkeit verantwortlich? Sicher nicht allein: Denn die Lohnschere geht seit den frühen 1990er-Jahren auf. Wegen der Globalisierung der Schweizer Konzerne, wegen der Dominanz des Finanzsektors. Das Stück, das sich der Schweizer Mittelstand vom Einkommenskuchen abschneidet, ist kleiner geworden.

Die Kosten sind für alle gestiegen

Die Kosten aber sind für alle gestiegen – und werden weiter steigen. Spürbar ist das vor allem bei den Mieten, dem nach den Steuern gewichtigsten Posten im Haushaltsbudget. Die rund 60000 Einwanderer pro Jahr – so viele Einwohner hat Luzern – brauchen Wohnungen. Das treibt die Mieten und die Immobilienpreise; der Zusammenhang mit der Zuwanderung ist offenkundig. Aber erneut ist sie nicht der einzige Faktor. Denn auch die Nachfrage nach mehr Raum pro Person macht das Wohnen teurer. In den Grosszentren gar so teuer, dass der untere Mittelstand an deren Ränder ausweichen muss. Und zunehmend zur Arbeit pendelt – mit dem Auto, mit dem öV. Die erforderlichen Ausbauten der Infrastruktur verschlingen Milliarden.

Die Beispiele Löhne und Mieten zeigen: Die Zuwanderung hat unerfreuliche Konsequenzen. Als alleinige Erklärung für die Nebenwirkungen taugt sie aber nicht. Gleichzeitig gilt: Die Profiteure – Wohlhabende und Unternehmen – stehen in der Verantwortung gegenüber den Verlierern. Davon allerdings ist bislang kaum etwas zu spüren.