«Da sind mir fast die Tränen gekommen»: Corona-Speeddating bei der Hausbank –  wie der Chef eines Ostschweizer Fitnesscenters innert 20 Minuten zu frischem Geld kam 

Die Coronakredite sind gefragt. Das Beispiel des Fitnesscenters «well come fit» zeigt, wie schnell es gehen kann.

Stefan Borkert
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Tunç Karapalanci im geschlossenen Fitnesscenter «well come fit» in Frauenfeld ist froh über den Kredit.

Tunç Karapalanci im geschlossenen Fitnesscenter «well come fit» in Frauenfeld ist froh über den Kredit.

Bild: PD

Speeddating bei den Hausbanken der Ostschweizer Unternehmen. Das Coronavirus hebelt alle normalen Mechanismen aus, auch bei der Kreditvergabe. Das milliardenschwere Hilfspaket für die Wirtschaft soll schnell und unbürokratisch Firmen die Existenz sichern, wenn sie wegen der Coronapandemie in Schieflage geraten sind. Und die Geschwindigkeit mit der KMU Kredite bewilligt und ausbezahlt bekommen sucht ihresgleichen. Reto Inauen, Präsident des Verbandes Thurgauer Raiffeisenbanken ist überzeugt, dass das, was die Schweizer Banken jetzt leisten, einmalig auf der Welt ist.

Punkt 8.00 Uhr sind die ersten Formulare bei den Hausbanken eingegangen. Die Bearbeitung hat sofort begonnen. «Wir führen nur eine formelle Prüfung der Formulare durch. Dann leiten wir die Anträge an die Bürgschaftsgenossenschaft weiter.»

Reto Inauen, Präsident Verband Thurgauer Raiffeisenbanken.

Reto Inauen, Präsident Verband Thurgauer Raiffeisenbanken.

Bild: Donato Caspari

Inauen weiter: «Wir warten nicht, bis die Bürgschaftsgenossenschaft ihr Einverständnis erklärt hat, sondern zahlen sofort aus. Jeder Antragsteller wird dann angerufen und über die Auszahlung des Kredits informiert.»

Zu Tränen gerührt über die rasche Abwicklung

Einen solchen Anruf hat auch der Frauenfelder Fitnesscenterchef Tunç Karapalanci, Geschäftsführer und Inhaber von «well come fit» mit acht Standorten in Frauenfeld, St.Gallen, Bülach, Winterthur und Netstal bekommen. Er habe gleich das Formular aus dem Internet heruntergeladen, ausgefüllt und an seine Hausbank, die Raiffeisenbank Frauenfeld, geschickt.

Kaum 20 Minuten später habe das Telefon geklingelt. Er habe anhand der Nummer gesehen, dass es die Raiffeisenbank ist. Oh Gott, jetzt wird es sicher bürokratisch, habe er sich gedacht. Doch weit gefehlt.

«Der Bankchef Reto Inauen hat mir erklärt, dass das Geld schon ausgezahlt sei. Da sind mir fast die Tränen gekommen. Ich war wirklich gerührt.»

Das ging auch anderen Unternehmern so. Man hatte dem Bundesrat das Versprechen nicht so recht geglaubt, dass die Kredite bis zu einer halben Millionen Franken in einer halben Stunde ausbezahlt sein werden.

Eine halbe Stunde hat die Raiffeisenbank Frauenfeld eher selten benötigt. Die kürzeste Bearbeitungszeit bis zur Auszahlung habe gerade mal fünf Minuten gedauert, sagt Inauen und ergänzt: «Länger als 20 Minuten eigentlich nie.» Inauen betont, es sei der richtige Weg gewesen, die Coronakredite über die Hausbanken abzuwickeln. «Wir sind dafür ausgestattet, wir haben das Know-how und wir haben die Mitarbeiter dafür.» Dass viele Bankmitarbeiter im Homeoffice arbeiten, sei kein Problem. «Wir sind technisch darauf vorbereitet gewesen», erklärt Inauen.

Einmaliger Vorgang

Dieser Vorgang, dass Kredite derart schnell und unkompliziert ausbezahlt werden, sei absolut einmalig. «Dass wir das schaffen, macht uns stolz und bereitet Freude. Wir werden das so schnell nicht mehr erleben.»

Unternehmer wie Fitnesscenterchef Karapalanci können wieder durchatmen. «Wir haben seit dem 16. März geschlossen», sagt er. Was schwer ins Gewicht falle, sei, dass Neukunden fehlen. Diese würden immerhin 40 Prozent zum Umsatz beitragen. Ausserdem habe er gerade investiert, zwei weitere Fitnesscenter gekauft und mit Modernisierungen begonnen. An Kurzarbeit komme er nicht vorbei. Immerhin 300 Mitarbeiter seien betroffen.

Der Ansturm sei gross, aber nicht exorbitant gewesen, sagt Inauen. Insgesamt haben die Thurgauer Raiffeisenbanken am ersten Tag 250 Anträge mit einem Volumen von 25 Millionen Franken bearbeitet. 95 Prozent davon waren für Beträge unter 500'000 Franken quer durch alle Branchen. Inauen rechnet mit einer ähnlichen Fortsetzung in den nächsten Tagen. Vermutlich würden die Anträge für Kredite über 500'000 Franken dann aber zunehmen.

Unkompliziert auszahlen

KMU in der Schweiz können seit Donnerstag, Kredite wegen Ausfällen durch das Coronavirus bei ihrer Hausbank beantragen. Wie Swiss Banking weiter mitteilt, sind auf der Website covid19.easygov.swiss Formulare und Informationen verfügbar. Demnach müssen Unternehmen gewisse Minimalkriterien erfüllen. Insbesondere muss die Unternehmung erklären, dass sie auf Grund der Coronapandemie Umsatzeinbussen erleidet, schreibt Swiss Banking. Das Programm baut auf den bestehenden Strukturen der Bürgschaftsorganisationen auf und beinhaltet zwei Arten von Krediten.
• Covid-19-Kredit: Beträge bis zu 500'000 Franken werden von den Banken unkompliziert ausbezahlt und vom Bund via Bürgschaftsorganisationen zu 100 Prozent verbürgt. Der Zinssatz beträgt aktuell 0 Prozent.
•Covid-19-Kredit Plus: Beträge über 500'000 bis 20 Millionen Franken. Sie werden bis 85 Prozent verbürgt. Der Zinssatz beträgt 0,5 Prozent auf vom Bund abgesicherte Darlehen. (bor)