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Weil die Finanzmarktaufsicht Rabatte begrenzt: Prämienschock für Pensionierte

Die Finanzmarktaufsicht Finma deckelt bei Rahmenverträgen in der Zusatzversicherung die Rabatte – mit teuren Folgen für Versicherte. Das zeigt ein Beispiel eines ehemaligen Suva-Angestellten.
Roman Schenkel
Der Hauptsitz der Suva in Luzern. (Bild: Christian Beutler/Photopress)

Der Hauptsitz der Suva in Luzern. (Bild: Christian Beutler/Photopress)

«Es ist mit grösseren Prämienerhöhungen zu rechnen, besonders bei den Kategorien ab Alter 46.» Ein Schreiben seiner ehemaligen Arbeitgeberin Suva hatte H. K.* Mitte Mai zwar vorgewarnt. Als er dann aber einen Monat später seine neue Krankenkassenpolice in den Händen hielt, erschrak er doch heftig. «Ihre Prämie steigt an, je nachdem erheblich», hiess es da. Fürwahr: Statt der bis anhin monatlichen 543,40 Franken steigt die Prämie bei der Krankenversicherung CSS um über 160 Franken auf 704,60 Franken an. Der Anstieg erfolgt ausschliesslich in der Zusatzversicherung. «Das ist ein Anstieg von insgesamt fast 30 Prozent, das kann ich nicht so einfach stemmen», sagt der 72-Jährige.

Nun ist es nicht so, dass es sich dabei um den üblichen Prämienanstieg handelt, der jeweils im Herbst stattfindet. Im Schnitt sind die Prämien für die Grundversicherung in den letzten zehn Jahren um rund vier Prozent angestiegen. Selbst bei diesem Anstieg wäre es verfehlt, von «nur» zu schreiben, ein Anstieg von knapp 30 Prozent ist dann aber doch eine ganz andere Schuhgrösse. Was steckt dahinter?

Der heute pensionierte H. K. ist dank seiner ehemaligen Arbeitgeberin Suva im Kollektiv versichert. Diese hat einen sogenannten Rahmenvertrag mit der CSS, der den Mitarbeitenden auch nach der Pensionierung offensteht. Die meisten Mitarbeitenden bleiben auch dann im Kollektiv. Denn die Krankenkassen gewähren für diese Versicherungsart bei den Zusatzversicherungen Rabatte – in der Vergangenheit von bis zu 20 Prozent. Für Angestellte ist dies attraktiv, zumal sich die Arbeitgeber oft und nicht unwesentlich an den Krankenkassenprämien beteiligen. Die Suva beispielsweise übernimmt als «Fringe Benefit» 50 Prozent der Prämien der aktiven Mitarbeitenden. Laut Suva sind der- zeit 3700 Mitarbeitende und 1300 Pensionierte im Rahmenvertrag mit der CSS versichert – und damit von einer Änderung ihrer Krankenkassen-Police betroffen.

Finma hat Spezialtarife und
Rabatte ins Visier genommen

Die hohen Rabatte bei Rahmenverträgen haben jedoch die Finanzmarktaufsicht Finma, die den Zusatzversicherungsbereich überwacht, auf den Plan gerufen. Ab 2015 hat sie die Rahmenverträge ins Visier genommen. Dabei kam sie zum Schluss, dass nicht alle Spezialtarife und Rabatte aufsichtsrechtlichen Anforderungen genügten; konkret wurden für vergleichbar hohe Risiken in der Einschätzung der Finma stark unterschiedliche Prämien verrechnet. Sie hat deshalb gegen den Widerstand der Branche verfügt, dass Rabatte künftig von ihr genehmigt werden müssen. Dabei hat sich ein Rabatt von zehn Prozent als kritische Schwelle herauskristallisiert. Wer höhere Rabatte gewähren will, muss dies in einer Risiko- und Kostenkalkulation detailliert darlegen. Laut Finma müssen Rabatte versicherungstechnisch Sinn machen. Das bedeutet, ein Rabatt muss etwa wegen tieferer Leistungskosten im entsprechenden Kollektiv oder wegen tieferer Verwaltungskosten gerechtfertigt sein.

Der alte Rahmenvertrag der Suva mit der CSS hätte dieser Prüfung nicht mehr standgehalten. Gemäss einem Schreiben der Suva habe sich die Rentabilität des Kollektivs zunehmend negativ entwickelt. Dazu beigetragen hat das Alter des Kollektivs, das seit 2012 durchschnittlich um 1,5 Jahre älter geworden ist. Ein hoher Altersschnitt der Versicherten verursacht in der Regel höhere Kosten. Ebenso angestiegen ist die Anzahl Hochkostenfälle. Unter dem Strich nahmen so die Kosten des Kollektivs seit 2012 um 812 Franken pro Jahr zu. Deshalb wurde der Rahmenvertrag neu verhandelt. So wie 1500 andere Rahmenverträge zwischen CSS und Unternehmen (siehe Box). Mit dem neuen Vertrag halten die Suva und die CSS die Vorgaben ein, sagt Suva-Sprecherin Erika Rogger. Jedoch räumt sie ein: «Der neue Standardtarif beinhaltet eine steilere Altersprogression, welche die Prämien für höhere Alterskategorien ansteigen lässt.» Die Erklärung für das Hochschnellen der Prämie von H. K.

CSS bietet Betroffenen
Beratungsgespräche an

Die CSS erklärt auf Anfrage, dass man die Vorgaben umsetze. «Da sich der Umgang der Aufsichtsbehörde mit Rabatten geändert hat, haben wir den Vertrag angepasst», sagt CSS-Sprecherin Christina Wettstein. Der Druck in diesem Bereich sei «sehr hoch». «Die Konsequenzen für die Prämienzahler versuchen wir bestmöglich abzufedern.» Mit einer eigens eingerichteten Hotline, persönlichen Beratungen und Informationsveranstaltungen habe die Versicherung versucht, die Pensionierten und die Angestellten so gut wie möglich zu unterstützen. H. K. hat ein Beratungsgespräch in Anspruch genommen. Viel gebracht habe es ihm aber nicht. «Ich muss Leistungskürzungen in Kauf nehmen, sonst geht es nicht», sagt er. Dass er die Krankenversicherung wechselt, ist keine Option: Mit über 70 Jahren wird man in der Regel nicht mehr in eine Zusatzversicherung aufgenommen. Bei der CSS bedauert man die grossen Prämiensprünge, betont aber, dass auch künftig Versicherte im Kollektivvertrag der Suva bessergestellt seien als ohne Rahmenvertrag.

* Name der Redaktion bekannt

Die Krankenkassen-Branche hat auf die Vorgaben der Finanzmarktaufsicht reagiert.

Insgesamt sind bei der CSS 300 000 Personen via Rahmenvertrag versichert. Bei der Helsana sind es gar über eine halbe Million Personen. Helsana hat die Rabatte bei Kollektivverträgen seit der Praxisänderung der Finanzmarktaufsicht auf zehn Prozent gedeckelt. Die Anzahl Verträge habe sich dadurch leicht reduziert, sagt eine Sprecherin auf Anfrage. Das war auch bei der Swica der Fall. Seit 2015 habe sich die Anzahl Rahmenverträge stark verringert. «Wir haben mehrere hundert Verträge aufgelöst und unseren jährlichen Prozess zur Überprüfung nochmals geschärft», sagt eine Swica-Sprecherin. Von den Auflösungen seien vorwiegend kleine Verträge betroffen gewesen. Bei Concordia hat sich die Zahl der Verträge gar um zwei Drittel reduziert. Rabatte von über zehn Prozent sind bei der Swica, aber auch bei der Concordia auch heute in Einzelfällen noch möglich – dies aber nur, wenn die Finma grünes Licht gibt. Bei Groupe Mutuel kam zur Reduktion bei den Verträgen ein Rückgang der Kollektivversicherten hinzu. Sie machen nun noch acht Prozent der Zusatzversicherten aus, 2014 waren es noch elf Prozent. (rom)

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