«Corriere della Sera» in neuer Hand

Die italienische Traditions- und Qualitätszeitung «Corriere della Sera» erhält einen neuen Patron: Der ehemalige Berlusconi-Vertraute Urbano Cairo hat den Bieterkampf um die RCS Media Group gewonnen.

Dominik Straub
Drucken
Teilen

ROM. Es ist der Coup seines Lebens, und Urbano Cairo hat ihn gebührend gefeiert: mit einer Magnumflasche Prosecco im Kreis seiner Mitarbeitenden. Am Freitagabend war der 59jährige Medien- und Werbeunternehmer aus Alessandria im Piemont überraschend als Sieger im Bieterwettbewerb um die RCS Media Group hervorgegangen. Cairo kontrolliert künftig mindestens 48,8% des Mailänder Medienhauses.

RCS zählt zu den bedeutendsten Medienhäusern des Landes und gibt unter anderem den «Corriere della Sera» heraus, das Flaggschiff des italienischen Qualitätsjournalismus und Leibblatt des Bildungsbürgertums. Ebenfalls zu RCS gehört die «Gazzetta dello Sport», das rosarote Zentralorgan der italienischen Fussballfans.

Ein Selfmademan

Trotz seiner prestigereichen Publikationen schreibt RCS seit längerem rote Zahlen und sitzt auf einem Schuldenberg von 500 Mio. €. Hauptursache der Probleme waren unglückliche Beteiligungen im Ausland; um die Finanzlöcher zu stopfen, hat das alte Management einen Teil des Tafelsilbers verscherbelt. Unter anderem wurden der traditionsreiche Redaktionssitz des «Corriere» in Mailand und die Buchabteilung RCS Libri verkauft.

Mit Cairo übernimmt bei RCS ein Selfmademan das Ruder, der in den letzten Jahren praktisch alles, was er in die Hand genommen hat, in Gold verwandelt hat. Zu seinem Werbe- und Medienkonzern Cairo Communication mit 260 Mio. € Jahresumsatz gehören allerlei Klatschzeitschriften, billig gemachte Männermagazine sowie Koch-, Garten- und Reisehefte.

In Berlusconis Imperium

2013 übernahm Cairo von der Telecom Italia den kriselnden TV-Sender La7, den er mit einer Neustrukturierung und mit personellen Verstärkungen in kurzer Zeit wieder auf Kurs brachte. Heute ist La7 der einzige wirklich unabhängige nationale Sender neben den drei staatlichen RAI-Kanälen und den drei Sendern des Berlusconi-Imperiums.

Cairo, der einen Abschluss an der renommierten Mailänder Bocconi-Universität hat, hatte sein Handwerk bei Silvio Berlusconi gelernt. Mit 24 wurde er persönlicher Assistent des Medientycoons und späteren Premiers. Danach war er Manager in Berlusconis Werbefirma Publitalia – wo er schliesslich entlassen wurde: Im Rahmen des Korruptionsskandals «Mani pulite» Anfang der 90er-Jahre war Cairo der einzige Publitalia-Manager, der mit den Staatsanwälten zusammenarbeitete und die illegalen Schwarzgeldmechanismen offenlegte. Das hat ihm der damalige Publitalia-Chef Marcello Dell'Utri, der heute wegen Mafiadelikten inhaftiert ist, nicht verziehen. Dank seiner Kooperationsbereitschaft kam Cairo mit einer Bewährungsstrafe davon.

Zumindest auf der persönlichen Ebene ist das Verhältnis zu Berlusconi einigermassen intakt geblieben. Das dürfte daran liegen, dass sich die beiden ähneln: Wie Berlusconi hat Cairo Witz und Charme und umgibt sich gern mit schönen Frauen.