Zwar sinken die Neuinfektionen – doch die Sorgen der Wirtschaft nehmen zu

Die Schweiz scheint das Coronavirus in den Griff zu bekommen. Die Wirtschaft dürfte dennoch weiter leiden.

Niklaus Vontobel und Roman Schenkel
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«Ich denke, dass wir den Höchststand überschritten haben», sagte Patrick Mathys. Die Worte des Leiters der Sektion Krisenbewältigung an der gestrigen Medienkonferenz des Bundesamts für Gesundheit lassen aufhorchen. Tatsächlich bestätigen die neusten Daten zur Coronakrise eine solch zuversichtliche Einschätzung. Bis gestern kamen hierzulande nur 254 bestätigte Neuinfektionen hinzu. Bereits auf Montag waren die Zahlen nur um 280 bestätigte Infektionen gestiegen, auf Sonntag um 400. Die Lage scheint stabil.

Die Erleichterung in der Wirtschaft dürfte riesig sein. Bereits vor Ostern hatte die bundesrätliche Ankündigung eines graduellen Ausstiegs aus dem Stillstand für Erleichterung gesorgt. Simon Wey, Chefökonom des Schweizerischen Arbeitgeberverbands, spricht von einem wichtigen psychologischen Signal. Es zeige den Betrieben, dass sie von einer positiveren wirtschaftlichen Entwicklung ausgehen können. 

Spirale von Entlassungen muss durchbrochen werden

Wie sieht die Zukunft aus? Die Frage ist auch entscheidend für alle Arbeitnehmer. Im März erlebte die Schweiz eine noch nie gesehene Zunahme von Arbeitslosen. «Wie es sich nun weiterentwickelt, hängt stark von der Dauer des Lockdowns ab», sagt Wey. Gehe die Krise lange weiter, müssten weitere Betriebe zu so einschneidenden Massnahmen greifen. «Es ist zentral, diese Spirale von Entlassungen zu durchbrechen.» Andernfalls sei nach der Krise kein starker Aufschwung möglich. Ähnlich äusserte sich gestern im Interview mit CH Media der Verwaltungsratspräsident des Rückversicherers Swiss Re. Walter Kielholz appellierte: «Firmen sollten jetzt keine Leute entlassen.»

Die Arbeitslosenzahl steigt, die regionalen Arbeitsvermittlungszentren wie hier in Thun haben viel zu tun.

Die Arbeitslosenzahl steigt, die regionalen Arbeitsvermittlungszentren wie hier in Thun haben viel zu tun.

Keystone

Im März wurden alle überrumpelt. Die Arbeitslosigkeit stieg schnell an. Alle zeigten sich überrascht: Gewerkschaften und Arbeitgeberverband, die kantonalen Arbeitsämter oder der Bund. Man hatte allenthalben darauf gezählt, eine massive Ausweitung von Kurzarbeit werde einen starken Anstieg der Arbeitslosenzahlen verhindern.

Doch im März waren rund 23300 mehr Personen mehr bei den Arbeitsvermittlungszentren gemeldet als im Vorjahr. Dabei entfällt der Löwenanteil, nämlich 37 Prozent aller arbeitslos Gemeldeten, auf nur fünf Branchen: Gastgewerbe und Beherbergung, Baugewerbe und Detailhandel sowie Erziehung und Unterricht (siehe nachfolgende Grafik). Der Trend ist bisher ungebrochen. Vor den Ostertagen vermeldete das Staatssekretariat für Wirtschaft bereits 36200 Arbeitslose, also nochmals 12000 Personen mehr als Ende März.

Im Gastgewerbe sind die Sorgenfalten tief

Nun ist der Höchststand der Ansteckungen überschritten, der Lockdown wird gelockert. Doch im Gastgewerbe, einer der am stärksten leidenden Branchen, mag man keine Entwarnung geben, noch nicht einmal teilweise. «Es bleibt ein Problem, wenn Betriebe vielleicht nur 30 oder 50 Prozent ihrer Kapazität nutzen können», sagt Casimir Platzer, Präsident des Branchenverbands Gastrosuisse. Selbst eine vollständige Aufhebung aller Massnahmen würde keine Rückkehr zur Normalität erlauben. «Solange weltweit solch drastische Reisebeschränkungen gelten, fehlen uns die ausländischen Gäste.»

Immerhin bleibt die Hoffnung auf die Schweizer Kunden. Deren Treue hat der Branche nach dem Frankenschock von 2015 geholfen. In dieser Krise wird die Treue allerdings auf die Probe gestellt. In der Branche wird befürchtet, dass Gäste zu Hause bleiben könnten, die zu Risikogruppen zählen.

Das Beispiel Gastronomie zeigt: Die Bedeutung schweizerischer Fortschritte wird relativiert durch die Abhängigkeit vom Ausland. «Was die Massnahmen zur Lockerung des Stillstands bringen werden, ist eine offene Frage», sagt Michael Siegenthaler. Der Arbeitsmarktexperte an der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich fügt an: «Aber die noch grössere Frage ist, wie die Aussichten für die Wirtschaft sind, und zwar global.»

Anstellungsstopp im gesamten Arbeitsmarkt

Kriegen auch die schweizerischen Handelspartner das Virus bald in den Griff? Geht der Glaube an eine rasche Erholung verloren, dürften sich die Entlassungen in der Schweiz häufen. Siegenthaler: «Wenn Betriebe eine langsame Erholung erwarten oder gar eine lange Rezession, könnte die Arbeitslosenquote auf bis zu 7,5 Prozent steigen.» Dieses Szenario hatte das Staatssekretariat für Wirtschaft kürzlich in den Raum gestellt. Derzeit sind die Aussichten für die Weltwirtschaft düster. Der Internationale Währungsfonds rechnet mit der schwersten globalen Rezession seit hundert Jahren. Auf der anderen Seite sind die chinesischen Exportzahlen im März besser als erwartet ausgefallen. China gilt als Land, in dem das Virus ausbrach, als Vorlaufindikator in der Coronakrise.

Die unsicheren Aussichten dürften schon den beispiellosen Anstieg der Arbeitslosigkeit im März teils erklären. Denn auch die Unternehmen, die keine Stellen streichen, schaffen derzeit keine neuen Stellen. Sie warten ab. Siegenthaler sagt: «Der Anstellungsstopp erklärt zu einem gutem Teil, warum wir mehr Arbeitslose haben, trotz aller staatlicher Hilfen.» In normalen Zeiten findet jeden Monat ein beachtlicher Anteil der Arbeitslosen wieder eine neue Stelle. Derzeit dürfte aber mehr oder weniger der gesamte schweizerische Arbeitsmarkt stillstehen.

Steigen also im April die Arbeitslosenzahlen erneut? Die Gewerkschaften befürchten es. Daniel Lampart, Chefökonom des Gewerkschaftsbunds, sagt: «Bisher haben sich alle Hoffnungen zerschlagen, dass die Entlassungen ein Ende finden. Was wir sehen, deutet auf einen ungebremsten Anstieg hin.» Casimir Platzer von Gastrosuisse hingegen ist zuversichtlicher: «Ich wäre überrascht, wenn es im April weiter dermassen schnell in die Höhe geht.» Die Unsicherheit ist derzeit gross, auch für die Schweiz.