Coronavirus: In der Schweiz hat jeder Vierte zu wenig Arbeit

Die Schweiz schlittert in eine historisch einmalige Unterbeschäftigung hinein. Im Vergleich zu den USA ist dies noch ein Glücksfall.

Niklaus Vontobel
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Wir leben langsamer, aber wir leben noch.» Die Aussage von Gesundheitsminister Alain Berset an der gestrigen Medienkonferenz könnte auch den Arbeitsmarkt beschreiben. Eine neue Langsamkeit verbreitet sich rasend schnell im Land. Die Schweiz versucht, was andere europäische Länder auch tun: ihren Arbeitsmarkt möglichst einzufrieren. Damit der Neustart gelingen kann, wenn das Virus besiegt oder zumindest eingedämmt ist. Das wichtigste Instrument dazu: die Kurzarbeit.

In der Gastronomie ist Kurzarbeit weit verbreitet.

In der Gastronomie ist Kurzarbeit weit verbreitet.

KEYSTONE

Diese kommt nun in irrem Tempo zum Einsatz. Am Donnerstag hatte das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) neue Zahlen zur Kurzarbeit bekannt gegeben. Für 570'000 Angestellte wurde Antrag gestellt. Rund 11 Prozent aller Erwerbstätigen würden Kurzarbeit leisten. An sich wäre es ein Negativrekord für die Ewigkeit. Einen Tag später war er überboten. Neu sind es 656'000 Angestellte. Das machte Wirtschaftsminister Guy Parmelin am Freitag öffentlich. Nun sind also schon 13 Prozent aller Erwerbstätigen betroffen. Wie das Seco auf Anfrage sagt, haben die Regionalen Arbeitsvermittlungszentren gar nicht alle Anträge erfassen können.

Schweiz am Wochenende

«Diese Krise hat historisch einmalige Ausmasse», sagt Michael Siegenthaler, Arbeitsmarktexperte der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich. Sie übertreffe die Finanzkrise um ein Vielfaches, wie sich an den Zahlen zur Kurzarbeit zeige. Auf dem Höhepunkt der Finanzkrise wurde für sechs Mal weniger Angestellte als heute Kurzarbeit beantragt, nämlich für rund 100'000 Mitarbeiter. Damit wird die Schweiz zum unterbeschäftigten Land. Denn der Mangel an Arbeit war schon vor Ausbruch der Krise hoch. Im vierten Quartal 2019 lag die sogenannte Arbeitsmangelquote bei 10,9 Prozent, wie sie das Bundesamt für Statistik ausweist. Durch das Coronavirus kommen nun 13 Prozentpunkte dazu. Schätzungsweise jeder vierte Arbeitnehmer hat zu wenig Arbeit.

Warum wählt Amerika die ­Massenarbeitslosigkeit?

Es könnte schlimmer sein. «Der Vergleich mit den USA zeigt, welche Ausmasse die Entlassungswelle gegenwärtig annehmen kann, wenn ein Land das Instrument der Kurzarbeit nicht kennt», sagt Siegenthaler. In Amerika haben letzte Woche rund 3,3 Millionen Menschen ihre Stelle verloren. Der bisherige Rekord an Arbeitslosen wird um ein Vierfaches überboten. Die «New York Times» fragt: «Warum wählt Amerika die Massenarbeitslosigkeit?» Anders ist es in Dänemark oder die Niederlande, Frankreich Grossbritannien oder Deutschland. Der dänische Arbeitsminister sagte: «Wir versuchen die Wirtschaft einzufrieren.»

Die Arbeitslosigkeit steigt dennoch

Gelingt das der Schweiz? Die Zahl der Arbeitslosen ist gestiegen, trotz aller staatlicher Hilfe. 13'500 Personen haben den Job verloren. «Wir stellen fest, dass es zahlreiche Entlassungen gibt», sagt Daniel Lampart. Der Chefökonom des Gewerkschaftsbunds fordert Betriebe mit Problemen auf, vermehrt auf Kurzarbeit zurückgreifen. «Es dürfen keine Leute entlassen werden.» Beim Arbeitgeberverband sagt Chefökonom Simon Wey: «Der Anstieg erklärt sich teils damit, dass die Liquiditätshilfen am Anfang der Krise fehlten.» Viele Betriebe in Gastronomie, Tourismus oder Hotellerie seien damals finanziell in Schieflage geraten. Einige wurden insolvent.

Der Bund soll virusbedingte Gewinnausfälle ausgleichen

Mit der Hilfe vom Bund werde es bessern, so Wey, aber: «Es wird dennoch Betriebe geben, die für sich keine wirtschaftliche Perspektive mehr sehen.» Der Bund solle darum noch weiter gehen. Dazu rät eine Gruppe von Ökonomen der Uni Zürich. Ihnen zufolge sollen den Betrieben die Gewinne ersetzt werden, die sie virusbedingt verloren haben – ohne Rückzahlung.

Die Schweiz ist nur im Durchschnitt unterbeschäftigt. Die Gegensätze sind gross. Hotelköche habe keine Arbeit, das Flugpersonal der Swiss ist gegroundet. In den Spitälern kommt das Personal an den Anschlag. Überlastet ist auch der Online-Handel. Gegen diesen Missstand wollen einige Initiativen ankämpfen. Im Kanton Bern haben Spitäler und Hotels gemeinsam einen Hilfspool gegründet. So konnten Hotel-Mitarbeiter aus der Reinigung oder dem Abwasch an Spitäler vermittelt werden.

So sieht es in anderen Ländern aus

USA: Millionen sind schon arbeitslos

Erstmals liegen offizielle Daten über die wirtschaftliche Krise vor, in die Amerika aufgrund des Coronavirus gefallen ist: In der Vorwoche beantragten gemäss dem Arbeitsministerium in Washington landesweit fast 3,3 Millionen Menschen Arbeitslosenhilfe. Dies entspricht einer Zunahme von gegen 3 Millionen gegenüber der Vorwoche und deutet darauf hin, dass die Arbeitslosenrate im März um mehrere Prozentpunkte ansteigen wird. Dies ist keine «normale Rezession», sagte Jerome Powell, der Chef der amerikanischen Notenbank. Er gehe davon aus, dass die Wirtschaft wieder auf die Beine kommen werde, sobald die Zahl der Neuinfizierten nicht mehr sprunghaft zunehme. Derweil verabschiedete der Senat diese Woche ein Hilfspaket in der Höhe von 2200 Milliarden Dollar. Es enthält Finanzspritzen für Arbeitnehmer und kriselnde Branchen. (Renzo Ruf aus Washington)


Deutschland: BIP-Einbruch um 9 Prozent

Das Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel musste seine Frühjahrsprognose wegen der Coronakrise mächtig nachjustieren: Noch vor wenigen Wochen ging das IfW von einem Rückgang des deutschen Bruttoinlandprodukts (BIP) 2020 von 0,1 Prozent aus. Nun hat das IfW für dieses Jahr zwei Szenarien erarbeitet: Sollten die dämpfenden Massnahmen durch den «Lockdown» Ende April allmählich aufgehoben werden, rechnet das IfW mit einem Einbruch von 4,5 Prozent des BIP. Hielte die Stilllegung weiter Teile der Wirtschaft bis Ende August an, drohe die deutsche Wirtschaft um 8,7 Prozent einzubrechen. Optimistischer sind die Forscher des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB). Das IAB prognostiziert trotz Coronakrise einen geringeren Wirtschaftseinbruch von 2 Prozent für 2020. Auch die Arbeitslosigkeit dürfte demnach, sollte der Lockdown Ende April allmählich aufgehoben werden, nur gering um 90'000 Arbeitslose ansteigen. Bei einem Lockdown bis Ende August drohten bis Ende Jahr allerdings etwa eine Million Arbeitslose mehr. Um Arbeitslosigkeit und Wirtschaftseinbruch möglichst zu verhindern, hat die Bundesregierung ein Hilfspaket in der Höhe von 500 Milliarden Euro auf den Weg gebracht. Hinzu kommt ein 40-Milliarden-Hilfsprogramm für Kleinstunternehmen. Auch Künstler, Gastrobetriebe oder Friseure sollen mit Direkthilfen über Wasser gehalten werden. (Christoph Reichmuth aus Berlin)


Italien: Schulden statt Finanzpolster

Italien wird in diesem Jahr wegen der Coronaepidemie wieder in eine Rezession rutschen, darin sind sich die Experten einig. Uneinig sind sie sich bloss, wie verheerend das Minus sein wird. Einige Institute rechnen mit einem Rückgang des Bruttoinlandprodukts um 5 Prozent, andere sogar mit 8 Prozent. Italien war mit einer offiziellen Wachstumsprognose von 0,5 Prozent schon vor der Pandemie das Land mit dem tiefsten Wachstum in der Eurozone gewesen. Die Arbeitslosigkeit lag im Januar bei 9,8 Prozent. Die Schliessung aller nicht strategischen Betriebe durch die Regierung wird die Situation zwangsläufig verschärfen. Zur Abfederung der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie hat die Regierung einen Sonderkredit von 25   Milliarden Euro bereitgestellt. Angesicht des Ausmasses der Krise – der Unternehmerverband beklagt schon heute Umsatzausfälle von 100 Milliarden Euro pro Monat – sind die 25 Milliarden nur ein Tropfen auf den heissen Stein. Das Problem: Italien hat statt Finanzpolstern den drittgrössten Schuldenberg der Welt – viel Spielraum für weitere Rettungspakte ist nicht vorhanden. Kommt hinzu: Die Banken sitzen immer noch auf faulen Krediten (non-performing loans) in dreistelliger Milliardenhöhe. Nun drohen wegen der Pandemie erneute, massive Kreditausfälle – und eine neue Bankenkrise. Diese könnte sich, wie das Coronavirus, schnell auch über die Landesgrenzen ausbreiten.
(Dominik Straub aus Rom)


Frankreich: Milliarden für Kurzarbeit

Frankreichs Wirtschaft bricht ein: Laut dem nationalen Statistikamt Insee ist das Bruttoinlandprodukt seit Beginn der Ausgangssperre Mitte März um mehr ein Drittel geschrumpft. Aufs Jahr gerechnet erwarten die Pariser Wirtschaftsinstitute eine Rezession von minus 2 bis 6 Prozent. Die Arbeitslosigkeit, die in Frankreich in den letzten Monaten von knapp 10 auf 8,1 Prozent gesunken ist, dürfte wieder anschwellen. Die Ökonomen rechnen mit einem ähnlichen Anstieg wie in der Finanzkrise von 2008. Damals verloren in Frankreich 500'000 Angestellte ihren Job. Die meisten französischen Firmen haben nun bereits Kurzarbeit eingeführt. Den Staat kostet das einen zweistelligen Milliardenbetrag. Wirtschaftsminister Bruno Le Maire stellt ebenso teure Staatshilfen in Aussicht, um den Finanzkollaps von KMU zu verhindern. (Stefan Brändle aus Paris)

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