Coronakrise: 90 Prozent der Unternehmen erwarten Umsatzeinbussen

Eine Umfrage der IHK zeigt, wie schwer die Ostschweizer Wirtschaft unter der Coronakrise leidet. 

Kaspar Enz
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Längst nicht nur im Detailhandel wird der Einfluss des Coronavirus spürbar.

Längst nicht nur im Detailhandel wird der Einfluss des Coronavirus spürbar.

KEYSTONE/Adrian Reusser

Der Coronavirus und die Massnahmen ihn einzudämmen, haben auch die Ostschweizer Wirtschaft in eine Krise gestürzt. Hinweise darauf, wie tief diese sein könnte, gibt eine Umfrage, die die Industrie- und Handelskammern (IHK) St. Gallen-Appenzell und Thurgau gestern herausgaben. Die Antworten der befragten Ostschweizer Firmen lassen auf einen heftigen Abschwung schliessen. Mehr als 86 Prozent der Befragten erwarten einen Rückgang der Bestellungen. Über die Hälfte der Unternehmen rechnen mit mehr Krankheitsfällen im Unternehmen. Engpässe und Unterbrechungen in den Lieferketten werden von knapp der Hälfte der Unternehmen befürchtet. Knapp die Hälfte erwartet, zu viel Personal zu haben.

Dabei hatten die meisten Unternehmen das Jahr zuversichtlich begonnen. 91 Prozent beurteilten ihre Geschäftsaussichten positiv. Das Coronavirus schien weit weg. Drei Viertel der Firmen erwarteten keine Einbussen wegen des Virus. Erst Firmen, die Werke oder Absatzmärkte in China haben, insbesondere Automobilzulieferer, spürten erste Engpässe.

Lieferengpässe und Kurzarbeit

Das hat sich nun geändert. Mit Lieferengpässen rechnen neben den Fahrzeugbauern auch der Metall- und Maschinenbau, die Textilindustrie, Grosshandel und Chemie. Fast 80 Prozent der befragten Unternehmen haben Kurzarbeit angemeldet oder haben es vor. Knapp 90 Prozent rechnen mit sinkenden Einnahmen. Rund die Hälfte gibt Umsatzeinbussen von 10 bis 30 Prozent an. Rund 12 Prozent erwarten Einbussen von 70 Prozent und mehr. Das gilt vor allem für Unternehmen im Gastgewerbe oder der Unterhaltungsindustrie.

Infolge der sinkenden Umsätze rechnen denn auch 57,5 Prozent der Unternehmen mit Liquiditätsproblemen. Vor allem kleinere Unternehmen sind davon betroffen. «Je kleiner der Betrieb, desto grösser das Liquiditätsproblem», sagt Alessandro Sgro, Chefökonom bei der IHK St.Gallen-Appenzell. Das habe auch damit zu tun, dass gerade Gastro- und Unterhaltungsunternehmen oft eher klein sind. «Aber es ist nicht nur das Problem einzelner Branchen», ergänzt er.

Zurückhaltung bei Investitionen

Das mache die Zukunftsaussichten trüber, meint Sgro. Denn die tiefe Liquidität, zusammen mit der grossen Unsicherheit, hat bereits dazu geführt, dass die Unternehmen mit Investitionen zurückhaltend sind. Das gaben über 70 Prozent der befragten Unternehmen an. «Das Ausmass hat mich überrascht», sagt Sgro. Es sei zwar nachvollziehbar, dass Unternehmen in diesem Moment wenig Geld ausgeben wollen und können. «Aber langfristig sind Investitionen wichtig. Sie treiben das zukünftige Wachstum an.» Insbesondere seien sie wichtig, um die Innovationsfähigkeit sicher zu stellen.

Und Innovationen seien gerade jetzt von Bedeutung. «Die Unternehmen, die jetzt innovativ sind, kommen am besten durch die Krise», sagt Sgro. Und einige Lichtblicke sieht Sgro bereits: Weingüter stellen Desinfektionsmittel her, Modegeschäfte beraten online. «Oft sind Innovationen zu Zeiten grosser Not entstanden.»

Aufschwung kommt nicht so schnell

Trotzdem geht Sgro nicht davon aus, dass die Wirtschaft sofort voll in Fahrt kommt, wenn der Bund die Massnahmen zur Eindämmung des Virus aufhebe. «Die Folgeeffekte werden wohl noch länger anhalten.»

Dass die Coronakrise noch länger zu Erschwernissen im Geschäft führt, glauben auch die befragten Unternehmen. Über die genaue Dauer bestehen aber unterschiedliche Ansichten. 36,4 Prozent glauben, dass die Erschwernisse weniger als drei Monate anhalten werden. 44,5 Prozent rechnen mit einem halben Jahr. Knapp fünf Prozent glauben, dass diese noch über ein Jahr bleiben werden.

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