Die ÖV-Branche verliert Dutzende Millionen Franken und hofft auf Hilfe vom Bund

Die Züge und Busse sind fast leer. Trotzdem sitzen die Betriebe auf hohen Kosten fest. Neben Kurzarbeit hoffen sie auf die Hilfe des Bundes.

Stefan Ehrbar
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In den Bahnhöfen herrscht gähnende Leere. Die ÖV-Betriebe verlieren Dutzende Millionen Franken pro Monat.

In den Bahnhöfen herrscht gähnende Leere. Die ÖV-Betriebe verlieren Dutzende Millionen Franken pro Monat.

Keystone

Der öffentliche Verkehr in der Schweiz ist beinahe zum Erliegen gekommen. Derzeit sind noch etwa 20 bis 30 Prozent der durchschnittlichen Zahl an Passagieren unterwegs, wie es bei verschiedenen Unternehmen heisst. Entsprechend gross sind die finanziellen Folgen.

Das zeigt eine Berechnung anhand von Daten des Verbands Alliance SwissPass, der die ÖV-Einnahmen des Jahres 2018 aufschlüsselte. Alleine bei den Einzelbilletten und Tageskarten beträgt der Einnahmeausfall pro Monat mit so tiefen Passagierzahlen etwa 70 Millionen Franken. Hinzu kommen fehlende Einnahmen aus Verkäufen von GAs, Halbtax- und Verbundabos. 

«Auf Einnahmenseite sind wir machtlos»

Seit kurzem können GA-Besitzer ihr Abo online für einen Monat hinterlegen. Nutzt nur schon jeder dritte Inhaber diese Möglichkeit, verliert die Branche 45 Millionen Franken. Weitere 225 Millionen Franken nimmt die Branche monatlich aus Verbund- und Halbtaxabos ein. Nicht alle Abos können allerdings hinterlegt werden. Die Höhe der Ausfälle hängt auch davon ab, wie viele Kunden ihr Abo trotz Coronakrise behalten und wie viele trotz Krise weiterhin eines kaufen. Insgesamt dürfte die ÖV-Branche in jedem Monat, in dem die aktuellen Regelungen gelten, über 150 Millionen Franken verlieren - und das ist eine konservative Schätzung, wie ein Insider sagt.

Alleine die Verkehrsbetriebe Luzern (VBL) gehen von mehreren Millionen Franken Einbussen aus. «Der Rückgang bei den Einnahmen beträgt derzeit rund 80 Prozent», sagt Sprecher Sämi Deubelbeiss. In einem ähnlichen Rahmen gehen die Einnahmen laut Deubelbeiss auch bei den SBB zurück. «Wir machen alles Mögliche, um die Kosten zu senken. Doch auf Seite der Einnahmen sind wir machtlos», so Deubelbeiss. Je länger die aktuelle Situation anhält, desto grösser wird das Defizit.

Der Bund soll Ausfälle kompensieren

Einen «massiven Einbruch» der Erträge registrieren auch Bernmobil und die Basler Verkehrsbetriebe (BVB). Die Kosten können die Betriebe allerdings nicht im gleichen Rahmen reduzieren. Auch während einer Pandemie muss der öffentliche Verkehr funktionieren, so schreibt es der Bund vor. Zwar wurde das Angebot deutlich reduziert, doch noch immer fahren die meisten Züge und Busse. Man könne kostenseitig «nur bedingt Optimierungen machen», heisst es etwa bei den BVB.

Von der Krise betroffen ist auch Postauto, die grösste Busbetreiberin der Schweiz. Post-Chef Roberto Cirillo macht nun klar, wie er die Einnahmenausfälle kompensieren will: Der Bund soll zahlen. «Wir erwarten, dass der Bund für die ganze ÖV-Branche die entstehenden Ausfälle kompensieren wird», sagte Cirillo letzte Woche zu CH Media.

Saisonstart bei Schifffahrt fällt ins Wasser

Eine erste Hilfe hat der Bund den Betrieben bereits gereicht. Mit vorgezogenen oder höheren Auszahlungen sichert er die Liquidität der Unternehmen, die in subventionierten Bereichen tätig sind. Dazu gehören der regionale Personenverkehr, die Bahninfrastruktur und der Güterverkehr. Zudem könnten die Betriebe wie alle anderen Entschädigungen für Kurzarbeit in Anspruch nehmen, heisst es beim Bundesamt für Verkehr (BAV).

Davon machen viele bereits Gebrauch. Sowohl einzelne Unternehmen im Zürcher Verkehrsverbund als auch die Berner Bahngesellschaft BLS haben Kurzarbeit angemeldet. Dort sind knapp 240 Personen, die bei der Schifffahrts-Tochter und in den Reisezentren angestellt sind, betroffen. Die Schifffahrt wurde komplett eingestellt, auch der geplante Saisonstart auf dem Thuner- und Brienzersee am 4. April fällt ins Wasser. Auch Bernmobil musste Kurzarbeit anmelden, genauso wie die Verkehrsbetriebe Luzern und Basel-Stadt für Teile des Unternehmen.

«Reduktion hilft, fehlendes Personal zu kompensieren»

Weitere mittel- und langfristige Hilfen für die Branche würden festgelegt, wenn der Bedarf abgeklärt sei, so das BAV. Es werde eine Regelung im Rahmen des Gesamtpakets des Bundesrats zur Abfederung der wirtschaftlichen Folgen des Coronavirus geben, sagt ein Sprecher.

Von den bereits beschlossenen Hilfen nicht profitieren kann vorerst der Fernverkehr, den die SBB eigenwirtschaftlich betreiben. Die Ausfälle dort sind beträchtlich: Im vergangenen Jahr nahmen die SBB durchschnittlich 211 Millionen Franken pro Monat im Fernverkehr ein - Erträge, die nun praktisch komplett fehlen. Ob der Bund diese Ausfälle kompensieren wird oder ob andere Massnahmen wie eine Preiserhöhung in Frage kommen, ist noch unklar. Die SBB teilt mit, es sei zu früh, entsprechende Fragen zu beantworten.

Ohne Gelder der öffentlichen Hand wird die Branche die Folgen der Krise nicht abfedern können - unabhängig davon, ob die Kantone oder der Bund einspringen, die den öffentlichen Verkehr zusammen bestellen. Immerhin einen positiven Effekt hat die derzeitige Situation aber. So hilft sie, die Engpässe bei den Lokführern zu kompensieren. Diese waren zuletzt sowohl bei der SBB als auch bei anderen Bahnen wie der BLS Mangelware. «Kurzarbeit ist beim Zugpersonal kein Thema», sagt BLS-Sprecher Stefan Dauner. «Im Gegenteil: Der reduzierte Fahrplan hilft uns, das fehlende Personal zu kompensieren.»