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Comeback für das «Viagra für Frauen»

Als die Lustpille «Addyi» vor drei Jahren in den USA lanciert wurde, ging die Nachricht vom «Viagra für Frauen» um die Welt. Dann kaufte der Pharmakonzern Valeant das Medikament – und es versank in der Vergessenheit. Nun wird die Pille erneut lanciert.
Renzo Ruf, Washington
Cindy Eckert versucht ein zweites Mal, die Lustpille «Addyi» auf dem Markt zu etablieren. (Bild: Chris Goodney/Bloomberg (New York, 19. August 2015))

Cindy Eckert versucht ein zweites Mal, die Lustpille «Addyi» auf dem Markt zu etablieren. (Bild: Chris Goodney/Bloomberg (New York, 19. August 2015))

Es kommt selten vor, dass eine amerikanische Unternehmerin eine erneute Chance erhält, ihre Vision zu verwirklichen. Doch dank einer Reihe von Verwicklungen steht Cindy Eckert wieder an der Spitze von Sprout Pharmaceuticals. Und damit bietet sich der 45-Jährigen zum zweiten Mal die Möglichkeit, ihre Theorie zu beweisen, wonach die USA reif für eine weitere «sexuelle Revolution» seien – weil Frauen eine Pille wollten, die ihnen das «Recht auf Lust» gebe.

Diese Pille trägt den Namen «Addyi» und basiert auf dem Wirkstoff Flibanserin. Ursprünglich handelte es sich dabei um ein Produkt aus dem Hause Boehringer Ingelheim. 2010 aber stoppte das deutsche Pharmaunternehmen die Entwicklung des Medikaments, das sexuelle Lustlosigkeit bei Frauen vor den Wechseljahren behandeln sollte. Diese Entscheidung sei nicht leichtgefallen, sagte damals ein Sprecher, aber letztlich habe Boehringer Ingelheim keinen Weg gefunden, die Skepsis der amerikanischen Zulassungsbehörde FDA (Food and Drug Administration) aus dem Weg zu räumen.

Sexualwissenschafterinnen zeigen sich skeptisch

Eckert erfuhr, über einige Ecken, von diesem Scheitern: Ein gut vernetzter Gynäkologe zeigte ihr am Rande einer Fachtagung Videoaufnahmen von Frauen, die niedergeschlagen auf das Aus für das «weibliche Viagra» reagierten, wie Flibanserin in den Medien auch genannt wurde. (Dieser Vergleich sei nicht zulässig, sagt Eckert. «Addyi» kuriere gewisse Fälle von Frigidität, während sich «Viagra» an Männer mit Potenzproblemen richte.)

Eckert nahm den Ball auf, und mit ihrem damaligen Gatten überzeugte sie Boehringer Ingelheim ein Jahr später davon, ihr die Rechte an dem Medikament abzutreten. (Im Gegenzug beteiligten sich die Deutschen an Sprout Pharmaceuticals.) In der Folge startete sie eine auf mehrere Jahre angelegte PR-Kampagne, mit dem Ziel, die FDA von den Vorteilen des Medikaments zu überzeugen. Nach einigem Hin und Her erfolgte 2015 der Durchbruch, obwohl sich namhafte Sexualwissenschafterinnen bis zuletzt auf den Standpunkt gestellt hatten, weibliche Lustlosigkeit sei keine Krankheit, die mit einem Medikament kuriert werden könne. Auch sei Sprout der Nachweis nicht gelungen, dass «Abbyi» die weibliche Libido positiv anrege.

Mit 18 zu 6 Stimmen genehmigte die Zulassungsbehörde die kommerzielle Vermarktung von «Addyi»; allerdings unter der Auflage, dass einzig Spezialisten das Medikament verschreiben dürften. Ausserdem ist es Patientinnen streng untersagt, Alkohol zu trinken – aus Angst vor mas­siven Nebenwirkungen. Zwei Tage nachdem die FDA am 18. August 2015 grünes Licht gegeben hatte, verkaufte Eckert ihr Unternehmen an den kanadischen Pharmakonzern Valeant. Stolzer Preis für die kleine Firma: 1 Milliarde Dollar in bar.

Noch heute sind Aktivistinnen deshalb wütend auf Eckert. Der Verkauf von Sprout an Valeant habe bewiesen, dass «Addyi» eine «Mogelpackung» sei, sagte die Sexualtherapeutin Leonore Tiefer kürzlich der Wirtschaftszeitschrift «Bloomberg Businessweek». Eckert weist diesen Vorwurf zurück. Sie sei damals der Meinung gewesen, die Transaktion sei die beste Lösung, sagte sie «Bloomberg». (Interview-Anfragen unserer Zeitung lehnte Eckert via ihre Sprecherin ab.) Denn die Kanadier hätten ihr zugesichert, sie und ihr drei Dutzend Angestellte zählendes Team könnten unter dem grossen Valeant-Dach unabhängig weiterarbeiten. Rasch zeigte sich: Dabei handelte es sich um ein leeres Versprechen. Bald wurde die Sprout-Chefin aufgefordert, sich nach einer neuen Stelle umzusehen. Eckert verliess Valeant Ende 2015. Doch die selbstbewusste Unternehmerin liess sich nicht abspeisen. Mit Hilfe einer Gruppe ehemaliger Sprout-Investoren erkämpfte sie sich die Rechte an «Addyi» zurück.

Im November vergangenen Jahres willigte der mittlerweile krisengeschüttelte Valeant-Konzern ein, Sprout wieder in die Unabhängigkeit zu entlassen – und lieh Eckert gar 25 Millionen Dollar, damit ihr genügend Geld für den Neustart zur Verfügung stand. Im Gegenzug versprach die alte und neue Sprout-Konzernchefin, ihrem ehemaligen Arbeitgeber 6 Prozent des «Addyi»-Umsatzes abzuliefern.

Absatzzahlen sind enttäuschend

Ein Grund für diesen ungewöhnlichen Deal: Die Verkaufszahlen von «Addyi» blieben weit unter den Erwartungen des Valeant-­Managements zurück. So erzielte das umstrittene Medikament 2017 nur einen Umsatz von etwas mehr als 6 Millionen Dollar – auch weil Valeant angeblich die Werbung für die Lustpille sträflich vernachlässigte. Monatlich wurden nur rund 600 Rezepte für «Addyi» ausgestellt, während Potenzpillen für Männer gegen 800'000 Mal pro Monat verschrieben würden, schätzt «Bloomberg».

Eckert, die während ihrer öffentlichen Auftritte meist rosarote Kleidungsstücke trägt, lancierte «Addyi» im Juni dieses Jahr zum zweiten Mal. Vertrieben wird die Pille nun vornehmlich über das Internet, im direkten Gespräch zwischen Patientinnen und einem zugelassenen Arzt. In einem nächsten Schritt will Eckert, deren Büro sich in Raleigh (North Carolina) befindet, das Medikament in Kanada lancieren. Die entsprechende Zulassung liegt seit Februar 2018 vor. Ob auch eine Expansion nach Europa geplant ist, will Eckert nicht verraten.

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