Chronik

Ein turbulentes Wirtschaftsjahr im Thurgau ist zu Ende

Fortschritte und Rücktritte, Angriffe und Streitereien, Auszeichnungen und Investitionen. Ein vergesslicher Grossverteiler und ein angebliches Hexenkraut, das gar keines ist – es war ein bewegtes Jahr für die Thurgauer Wirtschaft.

Thomas Griesser Kym
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Baut aus: Walter Strässle, Verwaltungsratspräsident und ehemaliger Chef der Griesser AG in Aadorf. Das Unternehmen investiert 17 Millionen Franken.

Baut aus: Walter Strässle, Verwaltungsratspräsident und ehemaliger Chef der Griesser AG in Aadorf. Das Unternehmen investiert 17 Millionen Franken.

Bild: Reto Martin

Natürlich hat Corona 2020 auch die Wirtschaft im Thurgau geprägt. Doch sind der Kanton und seine Menschen derart vielfältig, dass es das Virus gar nicht braucht, damit ordentlich Leben in der Bude herrscht. Eine Auswahl wichtiger Ereignisse:

  • 6. Januar: Andreas Böckli übernimmt erneut die Geschäftsleitung der Firma Nüssli, die auf temporäre Bauten spezialisiert ist. Zuvor hat sein Vorgänger Fred Gamper eine Restrukturierung des Unternehmens aus Hüttwilen durchgezogen. Mitte Mai beschliessen die Mehrheitsaktionäre eine Kapitalerhöhung. Ende August wird bekannt: Nüssli baut eine temporäre Konzerthalle für die Münchner Philharmonie.
  • 3. Februar: Bei der Baufirma Marty in Bischofszell ist Feuer im Dach. Allen Mitarbeitenden ist gekündigt worden, Firmenchef Ronny Marty ist nicht mehr im Amt. Die Gewerkschaft Unia richtet Vorwürfe an Verwaltungsratspräsident Patrick Manser, der sich wehrt. Später erstattet das Thurgauer Amt für Wirtschaft und Arbeit Strafanzeige gegen die beiden Marty-Lenker.
  • 17. Februar: Nach dem Ja des Thurgauer Stimmvolks zum Steuerpaket verbucht der Kanton einen ersten Ansiedlungserfolg. Die Wärtsilä Services Switzerland AG, die in der Forschung, Entwicklung und im Service von Schiffsmotoren aktiv ist, verlegt per 1. Juli ihren Standort mit 135 Arbeitsplätzen von Winterthur nach Frauenfeld.
  • 7. Mai: Der Schienenfahrzeughersteller Stadler macht einen Hackerangriff auf sein IT-Netzwerk bekannt. Die unbekannten Täter fordern sechs Millionen Dollar in Bitcoin. Stadler zeigt den Erpressern die kalte Schulter. Die Hacker veröffentlichen im Darknet gestohlene Daten, die aber älteren Datums sind und keine wesentlichen Geschäftsgeheimnisse verraten.
  • 21. Mai: Stadler macht überraschend den Abgang von Konzernchef Thomas Ahlburg publik. Er soll Differenzen in strategischen Fragen mit Verwaltungsratspräsident und Ankeraktionär Peter Spuhler gehabt haben. Dieser übernimmt «interimistisch» auch wieder die Konzernleitung. Die angedachte Übergangslösung ist zum Dauerzustand geworden und Ahlburg bis heute nicht durch eine andere Person ersetzt.
  • 29. Juni: Zusammen mit der Migros Luzern wollen die Schwesterfirmen Inno Plastics und Inno Recycling aus Eschlikon dem Sammeln und der Wiederverwertung von Kunststoffabfällen einen Schub geben. Doch die Migros hat vergessen, sich mit den Zentralschweizer Abfallzweckverbänden abzusprechen. Die Gespräche dauern immer noch an, das Projekt liegt auf Eis.
  • 17. Juli: Die UBS führt durch ihr neu gebautes Konferenzzentrum auf dem Wolfsberg ob Ermatingen. Es soll internationaler werden, doch vorerst hat Corona selbst dem geplanten Tag der offenen Tür Ende April einen Riegel geschoben. Geleitet wird das Zentrum seit Frühling von Björn Wäspe.
  • 6. August: Die Müller Frauenfeld AG zieht einen Grossauftrag der SBB für die Pflege von Bahnböschungen an Land. Für den Auftrag der Bundesbahnen hat sich Müller mit der Thurgauer Besa Strassenunterhalt AG in einer Arbeitsgemeinschaft zusammengetan.
Getränkekartons können rezykliert werden. Doch das Sammelvolumen lässt zu wünschen übrig. Die Folge: Model steigt zumindest vorläufig aus.

Getränkekartons können rezykliert werden. Doch das Sammelvolumen lässt zu wünschen übrig. Die Folge: Model steigt zumindest vorläufig aus.

Bild: PD
  • 10. August: Rückschlag für das Rezyklieren von Getränkekartons: Model legt in Weinfelden die einzige Anlage in der Schweiz still. Die gesammelten Mengen sind zu klein, die Kosten sind zu hoch. Die Recyclinglobby hofft auf die Politik, die Kartons werden vorläufig ins Ausland gekarrt und dort wiederverwertet.
  • 25. August: Das Ferienportal Holidaycheck leidet stark unter der Coronakrise. Hatte sich die Firmenleitung anfangs noch optimistisch gezeigt, werden nun gruppenweit 100 der 500 Stellen abgebaut. Den Standort Bottighofen trifft es mit dem Verlust von 53 der 250 Arbeitsplätze.
  • 4. September: Mitten in der Krise kauft Swisspor-Inhaber Bernhard Alpstaeg der österreichischen Wienerberger-Gruppe die ZZ Wancor ab. Zu dieser gehört auch das Baustoffwerk in Istighofen.
  • 14. September: Der «Blick» schlägt Purzelbäume und feiert das pflanzliche Heilmittel Echinaforce der Roggwiler A. Vogel AG als angebliches Wundermittel gegen Corona. Der Hype samt Run auf Apotheken legt sich rasch, weil das Labor Spiez Echinaforce lediglich in einer Petrischale an infizierten menschlichen Zellen getestet hatte.
Süsses mal anders: Dieter Bachmann. Chef der Gottlieber Spezialitäten AG, präsentiert den «Thurgauer Apfel», den sein Unternehmen erhalten hat.

Süsses mal anders: Dieter Bachmann. Chef der Gottlieber Spezialitäten AG, präsentiert den «Thurgauer Apfel», den sein Unternehmen erhalten hat.

Bild: Donato Caspari
  • 15. September: Die Gottlieber Spezialitäten AG erhält mit halbjähriger Verspätung wegen Corona den «Thurgauer Apfel», den Motivationspreis der Thurgauer Wirtschaft. Das Unternehmen von Mehrheitsaktionär Dieter Bachmann ist landesweit bekannt für seine Hüppen. Die Jury bezeichnet die Thurgauer Traditionsfirma als «schönes Beispiel dafür, wie sich Tradition und der Ausbau von Geschäftsfeldern verbinden» liessen.
  • 23. September: Die Griesser AG legt an ihrem Hauptsitz in Aadorf den Grundstein für einen Neubau. Insgesamt werden 17 Millionen Franken investiert. Das Familienunternehmen, das Produkte für den Sonnen- und Wetterschutz herstellt, will damit die Produktion ausbauen und effizienter gestalten. Griesser hat allein am Hinterthurgauer Standort 400 Mitarbeitende.
  • 25. September: Nach 14 Jahren Planung, Einsprachen und Kampf sogar gegen die Stadt Konstanz begräbt die JTM Rütenen AG ihr Vorhaben, in Wigoltingen ein grosses Outletcenter namens Edelreich zu bauen. Zuletzt hatte das Verwaltungsgericht Thurgau den Gestaltungsplan bachab geschickt.
  • 9. Oktober: Das Kreuzlinger Familienunternehmen Rausch, das Haarpflegeprodukte herstellt, setzt in der operativen Leitung künftig auf einen angestellten Manager. Dies nachdem Lucas Baumann nach vier Jahren seinen Rücktritt als Firmenchef verkündet hat. Bis ein neuer CEO gefunden ist, leitet der Verwaltungsratsdelegierte Rolf G. Schmid das Unternehmen.
Walnüsse aus Ostschweizer Anbau: Christof Gubler, Präsident der Nuss Thurgau AG, führt die neue Verarbeitungsanlage in Hörhausen vor.

Walnüsse aus Ostschweizer Anbau: Christof Gubler, Präsident der Nuss Thurgau AG, führt die neue Verarbeitungsanlage in Hörhausen vor.

Bild: Reto Martin
  • 9. Oktober: Thurgauer Walnüsse gibt es neu auch im Detailhandel, und zwar bei Manor und Coop. Die Nuss Thurgau AG, in der mehrere Nussproduzenten zusammengeschlossen sind, nehmen in diesem Zusammenhang in Hörhausen eine neue Verarbeitungsanlage in Betrieb, um die steigenden Ernten bewältigen zu können.
  • 6. November: An diesem Datum hätte das Wirtschaftsforum Thurgau stattfinden sollen, statt im Thurgauerhof in Weinfelden im geräumigeren Pentorama in Amriswil. Doch Corona macht den Organisatoren einen Strich durch die Rechnung: Sie verschieben das Forum auf 8. Juni 2021.
  • 1. Dezember: Am Bezirksgericht Frauenfeld beginnt der Prozess gegen Zur-Rose-Chef Walter Oberhänsli. Angestrengt hat das Verfahren der Apothekerverband Pharmasuisse, weil die Frauenfelder Versandapotheke vor zehn Jahren in den Versandhandel mit rezeptfreien Medikamenten eingestiegen war. Später sah das Bundesgericht darin einen Verstoss gegen das Heilmittelrecht. Der Prozess geht am 12. Januar 2021 weiter.
  • 29. Dezember: Der Lebensmittelhändler Lidl Schweiz investiert 35 Millionen Franken in ein neues Logistikgebäude für Früchte und Gemüse inklusive einer Bananenreiferei. Errichtet wird es direkt am bestehenden Warenverteilzentrum am Hauptsitz in Weinfelden. Der Neubau geht voraussichtlich Ende 2021 in Betrieb.