Chinesen auf Einkaufstour

In Europa und just in Frankreich geraten immer mehr Grossunternehmen unter chinesische Kontrolle. Nach Peugeot und dem Flughafen Toulouse ist die Reihe am Reiseanbieter Club Med.

Stefan Brändle
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Grosszügige Pool-Anlage eines Ferienresorts: Chinesische Investoren interessieren sich für Anbieter aus dieser Branche. (Bild: fotolia/zmkstudio)

Grosszügige Pool-Anlage eines Ferienresorts: Chinesische Investoren interessieren sich für Anbieter aus dieser Branche. (Bild: fotolia/zmkstudio)

PARIS. Er wurde auf den Balearen gegründet und dehnte sich bald über das ganze Mittelmeer aus. Doch muss der Club Méditerranée nun in «Club Chinesisches Meer» umgetauft werden? Das jedenfalls glaubt der französische Politiker Florian Philippot. Der Vizepräsident des rechtsextremen Front National (FN) verurteilte am Wochenende den Verkauf des Reiseanbieters an die Investorengruppe Fosun aus Shanghai. Der Club Med sei «ein Aushängeschild französischer Lebens- und Freizeitkultur», sagte Philippot, an die Pionierzeiten der ersten, besonders fidelen Feriendörfer des Clubs erinnernd.

Fosun will nicht nur stiller Teilhaber spielen. Für den stolzen Kaufpreis von 939 Mio. € will er vor allem den asiatischen Pfeiler des Reiseanbieters stärken; weltweit sollen die billigsten Feriendörfer geschlossen und durch Vier- und Fünf-Sterne-Clubs ersetzt werden. Dazu holt Fosun-Direktor Guo Guangchang auch einen brasilianischen Geschäftsmann ins Kapital.

Italiener wirft das Handtuch

Der bisherige Club-Med-Chef Henri Giscard d'Estaing, Sohn des früheren französischen Präsidenten, hatte das Kaufgebot aus China tatkräftig unterstützt. Im fast zweijährigen Übernahmekampf warf der italienische Mitbieter Andrea Bonomi schliesslich entgeistert das Handtuch. Wie schon beim Industriekonzern Alstom – um den die deutsche Siemens gebuhlt hatte, bevor der US-Konzern General Electric den Zuschlag erhielt – ziehen die Franzosen einen aussereuropäischen Konkurrenten vor.

Vor allem die Chinesen sind heute gerngesehene Gäste in Paris – wo die U-Bahn-Durchsagen neuerdings auch in Chinesisch erfolgen. Vor wenigen Wochen wählte die französische Regierung schon das Pekinger Konsortium Symbiose für die Teilprivatisierung des Flughafens Toulouse, der wegen Airbus auch industrielle Bedeutung hat. Zuvor hatte sie zusammen mit dem aus Wuhan stammenden Mischkonzern Dongfeng 28% des PSA-Konzerns erworben. Die Chinesen erhalten damit ein wichtiges Mitspracherecht bei den traditionellen französischen Automarken Peugeot und Citroën.

Kritik ist weitgehend verstummt

Der Wandel ist augenfällig: Nachdem französische Konzerne wie Electricité de France (EDF), Renault oder LVMH (Luxusgüter) jahrelang in Schwellenländern aufgetrumpft hatten, wird Frankreich nun selbst zu einer wichtigen Zielscheibe asiatischer Investoren. 2014 zog es neben England die meisten ausländischen Direktinvestitionen an. Besonders beliebt bei Chinesen sind zum Beispiel Weinberge in Bordeaux. Für solche Symbole des sozialen Aufstiegs legen sie Unsummen auf den Tisch. Aber auch Fosun überzahlte Club Med laut Analysten, um eine begehrte Prestigemarke zu ergattern. Zuvor hatte sich Fosun bereits in Modemarken in Deutschland (Tom Tailor) und Griechenland (Folli Folie) eingekauft.

Gewandelt hat sich aber auch die Haltung der französischen Öffentlichkeit zur massiven Ankunft chinesischer Investoren: Niemand würde mehr von einer «gelben Gefahr» sprechen. Der lautstarke Protest des FN war ein Einzelfall und fiel flach. Sozialistenchef Jean-Christophe Cambadélis warf den Rechtsextremen vielmehr unterschwelligen Rassismus vor. Auch die Pariser Medien stören sich nicht mehr am Verkauf eines nationalen Flaggschiffs. Der neue Umgangston in Paris hat seinen Grund wohl auch in der ökonomischen Schwäche Frankreichs, das mehr denn je auf ausländische Gelder angewiesen ist. Jüngst schlossen die Behörden ein Abkommen mit der Bank of China, um das riesige Defizit der französischen Sozialversicherung zu decken. Peking finanziert nun erstmals einen Teil der französischen Renten. Und wer würde daran schon Kritik üben wollen?