Chinas Kurse rasen abwärts

Der Taucher an der Börse in Shanghai zeigt: Die Regierungseingriffe zur Stützung des Marktes haben sich abgenützt. Dabei sollte gerade die Bevölkerung zum Anlegen ermutigt werden.

Finn Mayer-Kuckuk
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Anleger informieren sich in einem Handelshaus in Peking. (Bild: ap/Mark Schiefelbein)

Anleger informieren sich in einem Handelshaus in Peking. (Bild: ap/Mark Schiefelbein)

PEKING. Nach einer ruhigeren Woche geht es am chinesischen Aktienmarkt wieder stürmisch zu. Am Montag fiel der führende Index Shanghai Composite um beachtliche 8,5%. «Die Sorgen um China sind zurück», kommentieren Analysten des Bankhauses Barclays Capital. Die Verluste hätten noch höher ausfallen können. Die chinesische Börse hat jedoch automatische Stopmechanismen eingebaut, die allzu steile Stürze abfangen.

Skepsis setzte sich durch

Am Montag hatte sich die Skepsis über die hohen Bewertungen dennoch gegen Versuche der Regierung durchgesetzt, den Markt zu stützen. Für die kommunistische Regierung in Peking geht es nun auch darum, das Gesicht zu wahren: Sie hat eine Weiterentwicklung des Aktienmarkts zu einem wichtigen Finanzierungsinstrument für die Wirtschaft angekündigt und will nun auch liefern.

Zugleich soll die Börse als Anlagemöglichkeit für die hohen Ersparnisse der Chinesen einen besseren Ruf erhalten. Die Finanzaufsicht hat die Kurse daher Anfang des Monats durch allerlei Tricks wieder hochgetrieben, nachdem sie erstmals abgestürzt waren. Die Regierung war es auch gewesen, die im vergangenen Jahr eine Rally ausgelöst hat, indem die Staatsführung das Volk zu Investitionen am Markt ermutigt hat. Die Anleger sind der Aufforderung begeistert gefolgt. Die Kurse waren in den zwölf Monaten bis Juni um 140% gestiegen. Seitdem sind die Bewertungen jedoch wieder um 30% gefallen: Nach dem heftigen Anstieg wollte eine Mehrheit der Investoren nun Gewinne mitnehmen. Zudem stieg das Misstrauen gegenüber einem Markt, der ausgerechnet in Zeiten mässiger Firmengewinne durch die Decke geht.

Gestern vormittag gab es in dieser angespannten Lage kein Halten mehr, nachdem der Index die Marke von 4000 Punkten streifte. Viele Anleger hatten diese runde Summe als Grenze für automatische Verlustbegrenzungen in ihrem Online-Depot eingestellt. Die Börsencomputer mussten innerhalb von Minuten eine Flut von Verkaufsaufträgen bewältigen.

Schön der Reihe nach

Viele Anleger werden vom Funktionieren des Systems enttäuscht sein, denn auch ihre Stop-Loss-Orders konnten nur der Reihe nach abgearbeitet werden – mangels Käufern erfolgten die meisten Transaktionen bereits im Bereich von 3800 oder 3700 Zählern. Am Abend stand der Shanghai Composite bei 3726 Punkten. So heftig war der chinesische Aktienmarkt seit dem Platzen einer Blase im Jahr 2007 nicht mehr zurückgegangen.

Was macht die Regierung?

Analysten erwarten nun gespannt die heutige Reaktion der Regierung. Es hatte bereits viel Kraft und Überzeugungsarbeit gekostet, den Markt nach dem Tief Anfang Juli wieder aufzupolstern. Mehr als 20 Anlagefirmen hatten sich zähneknirschend bereit erklärt, Hunderte von Milliarden Yuan in den Markt zu schiessen. Die Privatanleger nehmen nun jedoch ungerührt die Gewinne mit, die dadurch möglich werden. Dieser Transfer von staatlich kontrollierten Institutionen in private Kassen wird sich nicht lange aufrechterhalten lassen.

Ein wahrscheinliches Szenario ist die Stabilisierung auf deutlich tieferem Niveau, auch wenn viele Anleger, die Mitte des Jahres eingestiegen sind, enttäuscht sein werden. Beobachter erwarten gleichwohl kaum Gefahren für die Konjunktur oder gar die Weltwirtschaft. «Der chinesische Aktienmarkt weist nur eine begrenzte Verschränkung mit der Realwirtschaft auf», sagt Ökonom Brian Jackson vom Forschungshaus IHS.