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Charles Vögele, Pasito oder OVS — Umsatzverluste im Modeverkauf lösten das grosse Sterben von Modeläden aus

Über 330 Kleider- und Schuhläden haben in nur einem Jahr geschlossen — und das Ladensterben geht weiter. Das trägt nicht nur in Kleinstädten zur Sinnkrise bei.
Niklaus Vontobel
Warten auf den Abtransport? Filialen von Modeketten sind am meisten vom Wandel im Detailhandel betroffen. (Bild: Keystone)

Warten auf den Abtransport? Filialen von Modeketten sind am meisten vom Wandel im Detailhandel betroffen. (Bild: Keystone)

Was sich im Schweizer Detailhandel abspielt, ist ein Sonderfall der anderen Sorte. In der Eurozone liegt der Umsatz heute deutlich höher als vor zehn Jahren. Deutschland und Frankreich zum Beispiel kommen auf Zuwächse um die 30 Prozent. Selbst das krisengeplagte Italien konnte ein Wachstum verzeichnen. Einen Einbruch erlitt nur Griechenland. Ein schrumpfender Detailhandel in einem sonst wirtschaftlich erfolgreichen Land – das ist ein Sonderfall. In der Schweiz wird im Detailhandel heute weniger verkauft als vor zehn Jahren. Konkret sind es rund 5 Milliarden weniger.

Dieser Schweizer Sonderfall verwandelt den Detailhandel – und damit auch die Innenstädte. Einige der Folgen werden in einer neuen Auswertung des Schweizer Retailatlasses nachgezeichnet, den das Beratungsbüro Immocompass herausgibt. Demnach ist das Ladensterben in hohem Tempo vorangeschritten. Bei den Modeläden starben über 330 Läden weg. Zurück bleibt oft Leere in klei- nen und auch grossen Städten, von Wettingen bis Luzern. Neue Betriebe kommen zwar nach, locken aber weniger Publikum an: Architekturbüros statt Kleiderläden. Experten sagen: In vielen Städten entscheide sich in den nächsten Jahren, ob ihr Zentrum noch ein Ort der Begegnung bleibt.

Seinen Lauf nahm diese Geschichte ab dem Jahr 2010. Damals kam der Detailhandel auf einen Umsatzrekord von 96,2 Milliarden Franken. An Branchentalks war das grosse Thema die 100-Milliarden-Grenze. Stattdessen gab es einen Einbruch, weg sind bereits über 6,4 Milliarden an Umsatz pro Jahr. Das hat Jobs gekostet, bislang um die 21 000. Eine Wende ist nicht in Sicht. Der Franken bleibt stark, Einkaufstourismus ist zur Gewohnheit geworden. Der Boom des Onlinehandels hat erst begonnen, Geld fliesst weiter aus der Schweiz ab. Wie die Ökonomen der Credit Suisse sagen: «Das Onlinewachstum zahlt sich vor allem für ausländische Anbieter aus.»

Die Gesamtzahlen zum Detailhandel verbergen, wo sich der Schweizer Sonderfall wirklich abspielt: Im Geschäft mit dem sogenannten Non-Food, dort vor allem in der Mode, dem Verkauf von Bekleidung und Schuhen. Im Sommer 2019 wurde fast ein Viertel weniger Umsatz erzielt als im Sommer 2010. Hingegen wurde mit Lebensmitteln noch ein Plus erzielt. Das zeigen Zahlen des Bundesamts für Statistik. In der Mode ging in nur neun Jahren jeder vierte Umsatzfranken verloren. Umgerechnet sind das etwa 2,5 Milliarden Franken.

Im Branchenvergleich trifft es Modeläden am härtesten

Diese Umsatzverluste haben sich in Schlagzeilen niedergeschlagen. Bata musste aufgeben, ebenso Bernie’s und Blackout. Der Name Charles Vögele verschwand. Companys oder Jeans & Co. sind Geschichte, ebenso wie Pasito und Schild, Switcher und Yendi. Die Schliessung von OVS kostete über 1000 Stellen. Die Umsatzverluste im Modeverkauf lösten auch das grosse Sterben von Modeläden aus – das heute noch weitergeht.

In einem Jahr gaben 265 Kleiderläden auf. Damit mussten rund 12 Prozent der Kleiderläden schliessen. Bei den Schuhläden sind es 68 Filialen, etwa 9 Prozent wurden aufgegeben. Das zeigen Zahlen aus dem Retailatlas. Dafür wurde von den Beratungsbüros Immocompass und Van Dijk angeschaut: Wie haben sich die Filialnetze der 200 grössten Non-FoodKetten verändert. Es zeigt sich: Filialen von Modeketten trifft es am meisten. Es werden zwar auch neue Filialen eröffnet. Aber unter dem Strich sind es heute 8 Prozent weniger Läden.

Die Schliessungen verteilen sich über die ganze Schweiz. In Luzern sind in nur einem Jahr sechs Filialen von Bekleidungsketten verschwunden, in Basel dreizehn, in Zürich vierzehn. In Wettingen AG sind es statt fünf noch drei, in Allschwil BL statt drei noch zwei. Im vom Einkaufstouris- mus geplagten Kreuzlingen TG bleiben noch neun übrig, vorher waren es elf. Mit jeder Filiale setzt sich das grosse Schweizer Modeläden-Sterben fort.

Mittelgrosse Städte müssen sich selbst infrage stellen

Dieses Phänomen hat einen weiteren Trend angeschoben. Selbst mittelgrosse Städte müssen sich ernsthafte Fragen stellen. Etwa solche, wie sie von Felix Thurnheer, Experte von Immocompass, formuliert werden. «Wäre es nicht besser, die verbleibenden Läden auf wenige grosse Städte zu konzentrieren?» Man hätte im Mittelland nicht mehr alle paar Kilometer eine mittlere Ansammlung von Läden wie heute in Dietikon, Brugg oder in Aarau. Neu gäbe es dort vorwiegend Läden mit Lebensmitteln, auch mit Haushaltswaren. «Dafür böten grosse Städte wie Luzern oder Zürich eine wirklich hohe Dichte und Vielfalt.»

Derlei Fragen sind noch Gedankenspiele. Derweil hat der Wandel das grosse Ladensterben der Schweiz längst verändert. Unter Dörfern mit weniger als 1500 Einwohnern finden sich bereits viele, die vor Ort gar keinen Laden mehr haben. Von solchen Fakten berichtet Paul Hasler, der als Experte im «Netzwerk Altstadt» kleine und mittelgrosse Städte berät. «In solchen Dörfern fährt man mit dem Auto in die nächste Stadt oder deckt sich online ein. Der Detailhandel vor Ort wurde aufgegeben.»

In grösseren Städten drohen die Zentren zu Kulissen zu verkommen. Das Publikum geniesst die Altbauten, gibt aber nicht genug Geld aus für eine echte Vielfalt an Läden. Bäckereien oder Kaffees gehen ein. Kleiderläden werden ersetzt durch Architekturbüros, Buchhandlungen durch Versicherungen. Löcher in den Einkaufskulissen vertreiben anderen Läden die Gäste. Innenstädte könnten an Bedeutung verlieren als Orte der Begegnung. Es gebe Gegenmittel, sagt Hasler, die Städte müssten etwa auf die Zentren konzentrieren, was an Läden übrig bleibe. «Alle sind betroffen, von der Ortschaft bis zur Grossstadt – es haben alle Sorgen.»

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